Drittes Rad am Wagen: Wenn man sich so richtig überflüssig fühlt….

„Kann ich meine Freundin mitbringen?“, „Nein, ich mache heute was mit meinem Freund – Komm doch dazu?“ Solche Sätze erscheinen auf den ersten Blick harmlos, können aber Freundschaften sowie Beziehungen schädigen, denn: Nicht selten fühlt sich bei Dreierkonstellationen eine/r ausgeschlossen. Wir sprachen mit Kasseler/innen, die dieses Gefühl lange begleitet (hat) und denen, die wissen, wie man damit umgeht.

„Fühlt sich ein Mensch in einer Dreier-Konstellation nicht wohl oder nimmt ein unausgewogenes Verhältnis wahr, kann das unterschiedliche Gründe haben. Da wir Menschen alle Individuen mit einer ordentlichen Portion Eigensinn sind, die mit Neugierde durchs Leben gehen und dabei ständig im Wandel sind, kommt es automatisch zu Entwicklungen in freundschaftlichen, partnerschaftlichen oder familiären Beziehungsdynamiken. Für Betroffene, die sich als „drittes Rad“ fühlen, geht es erst einmal darum wahrzunehmen und anzuerkennen, in welcher Lebenssituation sich die jeweiligen Akteure/innen bewegen“, erklärt Dirk Wichmann, von der Beratungsstelle ProFamilia. Wenn wir also mal zurückdenken, müssen wir uns vermutlich eingestehen, dass wir unser Leben lang schon Teil von Dreierkonstellation sind: Ob in der Familie, Schule oder beim Job. „In unserer Beratungsarbeit, ist eine häufige Dreier-Konstellation die klassische Mutter, Vater, Kind-Beziehung – neben der es natürlich genauso Patch-Work-Konstellationen oder auch Regenbogenfamilien gibt. Zunächst gibt es ein Paar, das zu zweit eine Beziehung hat, doch sobald es Nachwuchs gibt, verändert sich automatisch die Paardynamik: Zuständigkeiten und Aufgaben verteilen sich neu und ungewohnte kommen hinzu. Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen ihre volle, intensive Aufmerksamkeit für den Moment nur einer Person widmen können.“

Vertrauen muss man!

Aufmerksamkeit ist hier wahrscheinlich genau der Punkt: Selbst, wenn die beste Freundin zum gemeinsamen Pärchen-Serienmarathon dazu stößt, wird sie nicht dasselbe Gespräch führen können, als wenn die Mädels unter sich wären. Andersherum hat ein Pärchen-Abend auch einen anderen Charme, wenn am Sofa-Ende nicht noch eine weitere Person sitzt.

„Natürlich wünschen wir uns auch mal einen Abend zu zweit, aber Freundschaften zu pflegen sind eben auch wichtig“, erläutert Alina ihre Situation.  Seit die 21-Jährige einen neuen Freund hat, hat sie häufig die Befürchtung, ihre beste Freundin und WG-Mitbewohnerin zu vernachlässigen. Besonders zu Beginn der Beziehung war die Dreier-Konstellation eine Hürde für die noch frische Beziehung. „Wenn wir Zeit für uns brauchen, gehen wir einfach in die Wohnung von meinen Freund. Der wohnt alleine“, verrät die Politikwissenschaft-Studentin.  „Meine Freundin muss das dann eben verstehen!“, fügt sie hinzu. Und toll kann so eine Beziehungsverflechtung ja auch sein: „Einmal kam ich in unsere WG und die beiden hatten gekocht und mit dem Essen auf mich gewartet! Das war super, weil es mir das Gefühl gab, alles richtig gemacht zu haben!“ Platz für Eifersucht gibt es bei ihr übrigens nicht. Dafür ist aber eine ordentliche Portion Vertrauen zu beiden Seiten notwendig.

Das dritte Rad am Dreirad?

Doch das Rad zu viel gibt es nicht nur zwischen Paar plus Freund, wie wir vom Beratungsprofi erfahren. Denn auch zwischen Freunden/innen oder nach einer Trennung kann es zu solcher Gruppenbildung kommen: „Dreier-Konstellationen sind sehr häufig und haben eine spannende Dynamik. Es gibt mehr Reibungsfläche, also neue Impulse, mehr Abwechslung und Ideen, als zwischen nur zwei Personen. Grundsätzlich ist dies überhaupt nicht problematisch zu sehen, sondern für viele Menschen ist es sehr bereichernd und eher ein Gewinn. Es kann auch durchaus ein Vorteil sein, dass eine Person sich mal aus einer Unterhaltung zurücklehnen kann und dann bei Bedarf wieder einsteigen kann. Somit kann ein Wechsel von Ein- und Ausklinken in ein Gespräch immer auch als entspannend wahrgenommen werden.“ Für das beratende Gespräch versucht Dirk von ProFamilia immer erst einmal eine passende Veranschaulichung, zugeschnitten auf die jeweilige Situation zu finden: „Ich freue mich jedes Mal, wenn Hilfesuchende den Weg in die Beratungsstelle finden und ein Bild zur Verfügung stellen. Gemeinsam kann man dann diese Metapher erforschen: Wie fühlt sich so ein >drittes Rad am Wagen< an? Um welches Gefährt handelt es sich eigentlich: Ein Dreirad, wo das dritte Rad lenkt, oder hat es eine stabilisierende Rolle, ist genügend Luft drauf? So ein drittes Rad am Wagen kann sich sehr individuell zeigen. Somit kann ein „drittes Rad“ je nach Situation eine wichtige Stütze sein, manchmal aber auch eine Extra-Portion, die ein Gefälle verursachen kann“, versucht uns Dirk, die Varianten zu veranschaulichen.

Frauen unter sich

Der durch Film und Fernsehen unterstützte bittere Beigeschmack des angeblich „überflüssigen Rads“ musste auch Emma erst ablegen, die sich in der Dreier-Clique mit ihren Freundinnen lange außen vor gefühlt hat: „Ich musste erst lernen zu verstehen, dass es okay ist, dass die beiden auch mal etwas ohne mich machen.“ Im Gegensatz zu ihren Freundinnen hat sich die 19-Jährige nach dem Abi für eine Ausbildung statt für das Studiums entschieden. Dass die beiden dann auch mal vormittags zusammen frühstücken können oder unter der Woche weggehen, war für sie lange Zeit schwer mit anzusehen. „Wir haben ein langes und schweres Gespräch geführt“, erfahren wir von der Kasselerin, „Mir war zum Beispiel gar nicht bewusst, dass ich – weil ich mich ausgeschlossen gefühlt habe – angefangen habe zu Klammern.“

 

Die Lösung

Wichtig ist, sich klar zu machen, dass Beziehungen so unterschiedlich sein können, wie wir Menschen eben sind und daher auch unterschiedlichste Lösungen möglich sind: Hauptsache, keine/r steckt zurück! „Grundsätzlich ermuntern wir die Personen, dass sie sich ihren Mitmenschen anvertrauen und fragen, ob andere die gleiche Wahrnehmung haben. Vielleicht gibt es ja gewisse Erwartungen, die den anderen gar nicht bekannt sind“, lässt uns Dirk wissen. Die Probleme anzusprechen kann sogar für alle Beteiligten entlastend wirken. „Denn schließlich geht es allen Mitstreitern/innen ja darum ihre Beziehung zu einander zu verbessern. Sich dafür die nötige Zeit zu geben, kann Gold wert sein. Denn Veränderungen und Anpassungen brauchen eben ihre individuelle Zeit. Und mit einem wohlwollenden Blick auf sich und seine Liebsten geht das oftmals leichter. Denn letztlich geht es darum, dass man sich gegenseitig bereichert – als „drittes Rad“ oder sich eben auch ganz neu erfindet.“

Bist Du das „dritte Rad“ oder hast Du Dinge auf dem Herzen, die Du gerne mal jemandem anvertrauen würdest?

Die Beratungstelle ProFamilia in der Breitscheidstraße hilft bei Fragen rund um Sexualität, Partnerschaft und Familie:

https://www.profamilia.de/angebote-vor-ort/hessen/kassel.html

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Fotos: ©Simon Maage via unsplash/ ©Privat / ©Paul Quispe via unsplash/ ©Sheri Hooley via unsplash  (n.h.)