BRAUSER24.de trifft… …Emma, Kassels beste Zimmermann-Gesellin

Gemüse anbauen, wandern gehen, zeichnen und im Bauwagen leben. Emma Franke scheint die Naturverbundenheit per se zu sein. Doch nicht genug: Die energiegeladene 22-Jährige hat sich durchgesetzt – gegen den rauen Ton im Handwerk. Der BRAUSER sprach mit ihr über Selbstbewusstsein, Selbstversorgung und Selbsttherapie.

Wie kommt man darauf, eine Ausbildung zum Zimmermann zu machen?

Ich war ab der ersten Klasse auf der Waldorfschule, da hat man ja sehr viele praktische Anteile – das hat mir schon immer Spaß gemacht. Und ich bin auf einem Hof groß geworden – altes Fachwerkhaus, da hab’ ich auch früh angefangen mitzuhelfen. Und ich habe viel Schaffensdrang (lacht).

Das heißt?

Ich habe viel Energie und habe Freude daran, die Energie so zu kanalisieren, dass dabei etwas entsteht. Nach dem Abi war ich erst in Schweden und habe da auf einem Hof mitgeholfen. Als ich wieder hier war, habe ich mir verschiedene Betriebe angeschaut und bin so auf meinen Chef gestoßen, der sehr alternativ arbeitet und persönlich supertoll ist! Das ist fast ein freundschaftliches Verhältnis.

Was heißt alternatives Arbeiten?

Man fährt nicht auf eine Baustelle im Neubaugebiet, wo ein Betonklotz steht, auf den man einen schönen Holzdachstuhl draufsetzen soll. Mein Chef schaut nach anspruchsvolleren Dingen: Ergänzungen an bestehende Häuser, um sie zu verschönern oder ökologische Sanierungen. Dazu wird gutes Holz verwendet und nachhaltig gearbeitet. Das hat mir sehr gut gefallen!

Und was hast Du genau in Schweden gemacht?

Schweden fand ich schon immer toll: viel Wald und viel Natur. Und es ist nicht so heiß, ich bin hitzeempfindlich (lacht). Ich habe da auf einer sich-selbstversorgenden Farm, in der Nähe vom Vättern-See, gearbeitet. Die hatten keinen Strom und kein Auto, sondern haben alles mit Pferdekraft gemacht. Das fand ich sehr beeindruckend.

Und wie lange?

Drei Monate. Das Problem war, dass es dort sehr voll war – man hatte keine Privatsphäre. Ich habe zum Beispiel in der Küche geschlafen.

Du hast Deine Gesellenprüfung als Innungsbeste abgeschlossen, was heißt das?

Es gibt im Handwerk Innungen. Das sind alte Verbindungen für verschiedene Bezirke, also zum Beispiel Kassel oder Eschwege. Das Besondere ist – denke ich – dass im Landkreis Kassel noch keine Frau Innungsbeste geworden ist.

Wie sieht die Prüfung aus?

Man hat einen theoretischen Teil, in dem hab’ ich nicht mal so gut abgeschnitten. In dem praktischen Teil muss man ein Holzstück bauen und dies dann in einem Gespräch verteidigen. Dann hat man noch einen Teil, in dem man einen Stecksatz zusammenbaut und das muss man dann auch erklären. Das hab’ ich wohl alles ganz gut gemacht (lacht).

Hätte es eine Alternative für Dich gegeben, wenn Du den Ausbildungsplatz nicht bekommen hättest?

Ich hatte schon eine Ausbildungsstelle im Garten- und Landschaftsbau, das war aber menschlich nicht so schön, da hab’ ich mir gedacht: Ich schau’ noch mal rum. Ich hätte gesucht, bis ich was Passendes gefunden hätte. Es hätte auch nicht unbedingt Zimmermann seien müssen, aber daran gefällt mir die Arbeit mit Holz und dass es draußen ist.

Was sind denn so Deine Aufgaben?

Unterschiedlich. Wir machen viel Terrassen- und Balkonbau. Oder Erweiterungen, wie ein Glasdach anbauen. Die Arbeit ist ein bisschen, wie ein Puzzle herstellen, das man dann auf der Baustelle zusammenfügt. So würde ich es erklären.

Musst Du dann gut in Mathe seien?

Es sind einfache Berechnungen: Sinus, Cosinus, Tangens. Der Rest ist Plus und Minus (lacht). Ist jetzt wirklich nicht die größte Mathematik.

Und wie sind die Arbeitszeiten?

Ich fange um halb acht an und höre um 17 Uhr auf. Es gibt andere Betriebe, bei denen viele Überstunden gemacht werden. Die arbeiten, bis was fertig ist auf der Baustelle.

Du kommst aber auch aus Kassel?

Ja, aus der Nähe von Wolfhagen. Da wohne ich auch immer noch und brauche nur so eine viertel Stunde zur Arbeit.

Hast Du auch eine Meisterprüfung gemacht?

Nein. Ich habe ein Stipendium bekommen für die Meisterprüfung. Aber aktuell bin ich noch Geselle. Den Meister zu machen, würde jetzt noch ein weiteres Jahr bedeuten und da muss ich aktuell überlegen, wann ich das am besten mache und ob ich es überhaupt machen will. Denn ich überlege aktuell, meinen Arbeitsalltag umzugestalten.

Und inwiefern?

Ich möchte noch Soziale Arbeit studieren, um dann das Handwerk mit Menschen verbinden zu können. Weil, Handwerk ist zwar sehr schön, aber die Menschen fehlen mir.

Wie würde so eine Verbindung aussehen?

Das ist aktuell eine vage Idee. Mir ist aufgefallen, dass man, wenn man etwas mit Händen macht, auch etwas im Kopf passiert. Man kommt automatisch ins Denken, da kann man gar nichts gegen machen. Entstanden ist die Idee, als wir einen Lehrling im Betrieb bekommen haben und ich mich viel mit dem jungen Mann unterhalten habe und schnell klar war, dass er starke psychische Probleme hat. Das ist aber erst durch das Handwerk richtig rausgekommen, weil er nicht mehr davor fliehen konnte.

Also wie eine Therapie?

Ja, genau. Auf dem Hof auf dem ich lebe haben wir auch Wwoofer und da wird immer wieder deutlich, dass man bei der Arbeit nur sehr einfache Fragen stellen muss und sehr schnell in ein tiefgründiges Gespräch kommt. Ich lasse mich aktuell zur systematischen Familienaufstellerin ausbilden, weil mich das schon immer sehr fasziniert hat. Das kann jetzt aber nebenbei laufen, das sind nur Wochenendkurse. Wenn ich dann Soziale Arbeit studiert habe, kann ich da noch tiefer einsteigen. Ich würde gerne Projekte mit Leuten starten, egal ob das psychisch Erkrankte sind oder ob das im Frauenhaus ist. Ich möchte Leute ins Leben zurückholen!

Nutzt Du Deinen Beruf auch privat?

Ja, ich baue mir gerade einen Bauwagen. Der soll dann dahingezogen werden, wo ich mal studiere – in einer alternativen Wohngruppe, Bauwagenplatz oder so. Die Möglichkeiten gibt’s auch hier in Kassel. Bei Altenhasungen und Kaufungen gibt es Bauwagen-Plätze.

Wow, ist der Bauwagen dann auch voll funktionstüchtig?

Ich halte es einfach. Tiny-Häuser sind ja gerade sehr angesagt, da ist dann alles drin. Ich werde aber auf Strom von außerhalb angewiesen sein.

Also, eher wie Camping?

Naja, also der Wagen ist schon recht groß: über sechs Meter lang und drei Meter breit. Ich will noch einen kleinen Holzofen einbauen und eine Küchenzeile. Aber da Wasserzuflüsse- und Abflüsse immer Schwachstellen sind, werde ich in einer Schüssel waschen und das draußen entleeren.

Was machst Du, wenn Du nicht baust?

Ich wandere sehr gerne und viel, also mache viel Sport irgendwie. Ich liebe es zu zeichnen und zu malen. Ich liebe es zu tanzen und ich mag tatsächlich auch gerne Gartenarbeiten – ich baue auch mein eigenes Gemüse an.

Was gefällt Dir an Kassel?

Der Bergpark! Diese alten Bäume und dann der nahtlose Übergang in den Habichtswald, das ist schon sehr beeindruckend.

Was begeistert Dich so an Holz?

Bäume finde ich einfach faszinierend. Ich mag es von Bäumen umgeben zu sein. Ich habe auch parallel zur Schule eine Schreinerausbildung angefangen und habe da schon immer die Stücke aussortiert, die viele Astlöcher hatte. Das ist so schön lebendig! Dazu kommt, dass man Holz in alle möglichen Strukturen verwandeln kann. An Fachwerkhäusern sieht man auch, wie lange Holz halten kann, wenn es gut verarbeitet ist. Meiner Meinung nach stabiler als Stein!

Ist Selbstversorgung ein Ding für Dich?

Auf dem Hof auf dem ich wohne, haben wir Schafe und Hühner. Wenn man Fleisch essen will, kann man sich schnell Tiere halten. Mir reicht aber der Obst- und Gemüseanbau.

Wird man als Frau unter den Zimmermännern anders behandelt?

Ja! Trotzdem ist mir wichtig loszuwerden: Wir Frauen sollten mehr ins Handwerk gehen!

Wie hast Du diese Andersbehandlung erfahren?

Das Problem ist, dass sie durchaus positiv sein kann, aber schnell ins Negative kippt. Da müssen sich noch mal Strukturen ändern. Gerade im Zimmermannshandwerk ist alles sehr konservativ. Man bekommt permanent zu hören, Frauen würden ins Bett und in die Küche gehören. Auf der anderen Seite, wird einem aber auch geholfen, wenn einem etwas Mal zu schwer ist. Es gab aber auch Ausdrücke, die gingen eher in Richtung sexuelle Belästigung: Schätzchen, Mäuschen und morgen machst Du mal die Haare auf.

Härtet einen das ab?

Klar, schon. Mir war von Anfang an klar, dass der Ton rau sein würde. Ich finde es auch sehr angenehm, mit Männern zu arbeiten. Man kann ehrlich sein, ohne gleich jemanden zu verletzen. Aber irgendwann reicht es eben! Aber heute ist bei mir alles gut und ich hoffe, dass es für die nächsten Frauen einfacher wird.

Wie denkst Du, verhält sich das bei anderen Handwerksberufen?

Im Bauhauptgewerbe ist es, denke ich schwierig. Also auch bei Maurern und Fliesenlegern. Im Gartenlandschaftsbau gibt es viele Frauen in der Pflege. Bei den Schreinern gibt es immer mehr Frauen. Und dann gibt’s natürlich auch Schneiderinnen, Goldschmiedinnen oder Töpferinnen. Ich muss sagen, es ist ja auch naheliegend: Feminismus hin oder her, Frauen und Männer sind unterschiedlich. Aber, wenn jemand aus freien Stücken entscheidet, einen körperlichen Beruf auszuüben, sollte da auch jeder gleichbehandelt werden!

Was machst Du nach unserem Treffen?

Ich treffe mich mit einer Freundin. Wir bauen ein bisschen an meinem Bauwagen und gehen noch spazieren.

https://www.wwoof.de

http://www.zimmereibetz.de

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