Reparieren statt Wegwerfen – ist das die Lösung?


Wir konsumieren – gerne und viel. Unsere Gesellschaft hat sich zu einer Wegwerfgesellschaft entwickelt. Doch dabei schmeißen wir häufig unnötig weg, denn viele Dinge, die in den Müll wandern, könnte man auch einfach reparieren – lassen oder selbst. Der BRAUSER war für euch bei Kassels Reparierern, Tüftlern und Stopfern.

Bei Repair-Cafés ist der Name Programm: Sie stehen für Austausch, gegenseitiges Unterstützen und eben Reparieren – Kaffee und Kuchen stehen bei den meisten ebenfalls auf der Agenda. So sind Repair-Cafés nicht nur Ort für Löten und Hämmern, sondern auch ein Get-together von Menschen, die gegen den Wegwerf-Strom schwimmen. Denn nur, weil man etwas aus eigener Kraft zu Hause nicht mehr in Betrieb bekommt, heißt das nicht, dass es verloren ist. Repair-Cafés greifen genau dort an, wo es hakt: Sie stellen Fachkräfte sowie Werkzeuge zur Verfügung. Hierbei kann es sich um die unterschiedlichsten Gerätschaften handeln: Egal ob Toaster, Mixer oder eventuell sogar der Lieblingsmantel – in manchen Cafés stehen sogar Computerspezialisten zur Verfügung. Darüber hinaus eignet ihr euch Repair-Skills an, die ihr sicherlich noch mal brauchen könnt. „Wir verstehen uns als eine Initiative der Hilfe zur Selbsthilfe. Unsere Tätigkeit ist ehrenamtlich und grundsätzlich kostenfrei. Bei uns sind Kaffee und Kuchen sind genauso wichtig, wie Schraubenzieher, Nähmaschine und Lötkolben“, teilt uns Heiner Dickhaut, Leiter des Stadtteiltreffs Momberg mit. Unter dem Motto „Un´ mäh machen´s heile“ heißt er jede/n herzlich im Café Bruchstelle willkommen.

Der Platz für Herzensprojekte

„Bei uns kann jeder ohne Vorwissen unter gegenseitiger Anleitung eigene handwerkliche, technische oder künstlerische Projekte umsetzen. Dafür teilen wir uns Raum, Maschinen und Werkzeuge“, erklärt uns Melania-Simona Moise von der offenen Werkstatt „Hammertime“. Platz für Projekte, die Menschen am Herzen liegen, für die die Ausrüstung aber nicht zur Verfügung steht. Ein „richtiges“ Repair-Café sei Hammertime noch nicht, erfahren wir von Simona, doch engagiere sich Hammertime über- und regional für die Förderung von Selbstmachen, Teilen und Nachhaltigkeit. Das Team helfe auch beim Reparieren gerne, so gut es geht. Die Idee kam der 33-jährigen Softwareentwicklerin, als sie sich selbst ein Bett bauen wollte: „Mir fehlten das Werkzeug und der Platz dafür. Kurzerhand mietete ich mir einen Raum und brachte zunächst meine eigenen Maschinen und Werkzeuge ein, denn ich handelte nebenberuflich mit selbstbedruckten T-Shirts und Wandtattoos.“ Neue Besucher würden oft an sich zweifeln berichtet sie, bis sie ihr erstes selbst gemachtes Ergebnis in den Händen halten: „Sie erleben dann, dass sie mit Hand und Verstand selbstwirksam sind. Durch den Austausch und das Weitergeben des erlernten Know-hows kann man sich persönlich weiterentwickeln. Man lernt nicht nur neue handwerkliche Fähigkeiten, sondern knüpft Kontakte zu Gleichgesinnten. Wer sich darüber hinaus in der Werkstatt engagiert, übt Verantwortung zu tragen und trainiert sein Organisationstalent. Nebenbei kann das Selbermachen ein nachhaltigeres Bewusstsein über Gegenstände und Konsumverhalten fördern. Gleichzeitig macht es einfach Spaß und bringt Entspannung, im „Flow” seine Lieblingsprojekte umzusetzen“, schwärmt Simona.

Wenn’s reißt und zwickt

„Zu mir kann man eigentlich alles zur Reparatur bringen, das in die Richtung Schuhe und Leder geht“, stellt Bernd Heyrodt aka Lederdoktor fest. Oft seien es nur Kleinigkeiten, die zu machen seien, um etwas wieder nutzbar zu machen, zum anderen schone es Ressourcen und vermeide Abfall, der vor allen Dingen oft schwierig zu entsorgen sei, da es sich um Kunststoffe, Plastik und Co. handele. Der Doktor macht deutlich, dass eine Reparatur immer das Preis-Leistungs-Verhältnis erfüllen sollte: Man kann, wie der Lederexperte deutlich macht, eben keinen Schuh an den Senkel dran reparieren. „Jeder sollte hin und wieder mal unter seinen Schuh schauen nach dem Zustand. So kann man eine teure oder unmögliche Reparatur vermeiden“, erklärt Bernd, dessen Lederwerkstatt seit 1997 zum festen Bestandteil der Querallee gehört. Jedoch ergehe es dem Schuhmacherhandwerk wie vielen anderen auch: „Durch das Internet kommt viel zu viel Billigschrott auf den Schuhmarkt. Die werden abgelaufen und entsorgt. Im nächsten Jahr gibt es ja schöne neue Modelle. Alles schon gehört in meiner Werkstatt“, berichtet der Schuhmacher. „Vor allem vergessen die Menschen – ob jung oder alt – was sie damit ihren Füßen antun beziehungsweise zumuten. Hauptsache „Hipp und Hopp“ sein“, kritisiert er.

Übrigens: Der Lederdoktor entstand durch Bernds Arbeit für die verschiedensten Fetische: „Ich habe schon vielerlei Dinge angefertigt für meine Kunden“, schmunzelt er vieldeutig.

Von unten nach oben

Auch kleidungstechnisch können wir viel vom traditionellen Handwerk lernen, denn auch Klamotten müssen bei Beschädigung nicht direkt aussortiert werden: „Bei uns gibt es eine Kunststopferei, in der beschädigte Kleidung, unter anderem Strickwaren und Anzüge, mit eigenem Webfaden repariert wird. Wir sind die einzige traditionelle Kunststopferei in Kassel“, erklärt Gautam Kapali, Inhaber der Kreativ Schneiderei am Entenanger. Auch Teppiche und Fahnen können bei ihm zur Restauration gebracht werden. So können nicht nur Ressourcen gespart, sondern auch Erinnerungsstücke bewahrt werden. Mit gutem Gewissen etwas Neues kaufen kann man, wenn’s auch bei dem Schneider nicht mehr zu retten ist. Denn wenn die Reparaturkosten höher sind, als der eigentliche Wert des Kleidungsstücks oder wenn es technisch nicht möglich ist, kann auch der Schneider nichts mehr machen. Daraus lernen wir, dass wir sorgfältig mit Kleidung, Schuh und Co. umgehen sollten und doch wieder öfter das gute alte Handwerk zurate ziehen sollten.

Repair Cafés findet ihr in Kassel mehr, als ihr denkt. Schaut doch mal, wo ihr eure Sorgenkinder reparieren gehen könnt:

Café Bruchstelle: RK Stadtteiltreffs Mombach, Philipp-Scheidemann-Haus, Holländische Str. 74, 34127 Kassel: Termine sind der Website zu entnehmen:

http://www.drk-kassel.de/angebote/pflege-und-betreuung/stadtteiltreff-mombach.html

Nachbarschaftstreff Hand-in-Hand e.V., Samuel-Beckett-Anlage 12, 34119 Kassel: jeden vierten Freitag im Monat, ab 16 Uhr.

http://www.handinhand-kassel.de/event

https://repaircafe.org/de/location/repair-cafe-kassel/

Sandershaus, Sandershäuserstraße 79, 34123 Kassel: jeden 1. Freitag im Monat, 16 bis 19 Uhr.

https://www.sandershaus.de

https://www.reparatur-initiativen.de/reparier-cafe-kassel-ost

Kulturinitiative Harleshausen e.V., Karlshafener Str. 2, 34128 Kassel: jeden 2. Freitag im Monat, 15 bis 18 Uhr.

http://www.kih-kassel.de/reparaturcafe.html

Fotos: ©AdobeStock: milanmarkovic78, vulca, privat, alle n.h.

 

 

 

 

 

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