Fahren für die Umwelt: Was ist denn dran am E-Scooter-Hype?

Tom Göbel, Auszubildender zum Steuerfachangstellten bei Rappert und Kollegen in der Friedrich-Engels-Straße in Kassel.

Flink, wendig, leise und ohne CO2-Ausstoß: E-Scooter versprechen die neue, schnelle Mobilität – aber noch schneller spaltete sich die Bürgerschaft erst einmal in Befürworter und Gegner der Roller. Wir wollten uns selbst ein Bild machen und haben uns in Kassel umgehört: Wo bekomme ich E-Scooter, wer fährt sie schon und was muss ich eigentlich alles beachten?

In vielen Städten auch in Deutschland sind die Menschen ab diesem Sommer fleißig unterwegs: auf E-Scootern. Die elektrischen Tretroller sollen eine umweltfreundliche Alternative zu Motorrad und Auto sein – und eine beinschonende Alternative zum Bike. Mit bis zu 20 km/h kann man auf den Kleinen durch die Innenstädte düsen. Ihre Größe macht das „Parkplatz-Suchen“ einfach, die Umwelt wird (vermeintlich) nicht belastet und cool sieht’s ja irgendwie auch aus, wie man einfach so an den Passanten vorbeiziehen kann. Allerdings halten sie nur etwa 25 Kilometer Strecke durch. Macht aber wenig, denn aufladen kann man die Scooter an der Steckdose Zuhause.

Cool! Das ist Deiner?

E-Scooter gibt es in vielen Städten zum Leihen, das funktioniert ähnlich wie das nextbike-System hier bei uns. Ob und wann wir in der Kasseler Innenstadt E-Scooter stehen haben werden, ist nicht sicher. Alternative: Einen eigenen Scooter anlegen, vielleicht teilen mit Freunden und Familie. Beim Kauf beachten solltest Du auch die Geschwindigkeitsangaben: „Es gibt einige E-Scooter im Handel mit einer Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h, diese haben keine Straßenzulassung und dürfen demnach nicht am Straßenverkehr teilnehmen“, erfahren wir von der LVM-Versicherung. Jens Riedl vom Autohaus Cöster betont: „Vor der Anschaffung sollte man sich besonders mit der Qualität auseinandersetzen, denn als Teilnehmer im Verkehr sollte immer die eigene Sicherheit an erster Stelle stehen. Ansonsten kann ich jedem empfehlen, bei uns vor Ort eine Probefahrt zu machen. Wir haben immer E-Scooter vorrätig, die gerne direkt mitgenommen werden können.“


Jens Riedl, Betriebsleiter im Autohaus Cöster

Tolles Teil!?

Doch was ist jetzt das Besondere, das Neue an den kleinen Flitzern und wieso sind sie in aller Munde? „Das Besondere an den E-Scootern ist die einfache Handhabung, da man sie schnell und unkompliziert zusammenklappen kann und anhand des geringen Gewichts fast überall hin mitnehmen kann“, so der Betriebsleiter Riedl. Schon ausprobiert hat das Fahren Tom Göbel. Tom macht eine Ausbildung zum Steuerfachangstellten bei Rappert und Kollegen in der Friedrich-Engels-Straße. Die Kanzlei ist fortschrittlich und stellt E-Scooter für ihre Angestellten bereit. „Der E-Scooter ist optimal für kurze Strecken. Besonders zu dieser Zeit mit etwas höheren Temperaturen. Es ist nicht so anstrengend wie laufen und man kommt nicht so schnell ins Schwitzen“, berichtet uns der 21-Jährige, der den Scooter zum Beispiel für Botendienste nutzen kann. Privat würde er sich keinen anlegen, da er gerne zu Fuß unterwegs ist. E-Scooter zum Leihen findet er aber eine gute Idee: „Vielleicht überlegen sich dann mehr Leute, eher einen Scooter zu benutzen anstelle des Autos.“ Jedoch befürchtet er, dass auch in Kassel E-Scooter Probleme bringen könnten, denn Aufmerksamkeit erhielten die Gefährte bisher vor allem durch mehr oder weniger begründete Kritik. Das neue Fortbewegungsmittel bringt auch neue Regeln mit sich, gegen die leider oft verstoßen wird. Beim Ausleihen der E-Scooter gibt es – meist anders als bei den bekannten Fahrradverleih-Systemen – keine festen Standorte, wo man den Scooter nach dem Benutzen abstellen muss. Man kann sie überall stehen lassen und überall wegnehmen – ganz einfach per App. Das Problem: Ohne Rücksicht auf andere Menschen stehen E-Scooter so oft im Weg und behindern.


Marcus Weber, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen

Passanten-Slalom?

Dabei ist es wichtig, sich an die Regeln zu halten, denn auch wenn die neuen Fortbewegungsmittel ungefährlich aussehen, sind sie Fahrzeuge und ein Zusammenprall kann gefährlich werden. Dazu kommt, dass sie durch ihren Elektro-Antrieb kaum Geräusche machen. Es gilt: Rechts vor Links, Ampeln, Fußgänger und Verkehrsschilder beachten. Marcus Weber, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen, erklärt uns: „E-Scooter müssen grundsätzlich auf gemeinsamen und separaten Radwegen, Radfahrstreifen, Fahrradstraßen und, sofern diese nicht vorhanden sind, auf der Fahrbahn beziehungsweise dem Seitenstreifen fahren. Fußgängerzonen dürfen, im Gegensatz zu verkehrsberuhigten Zonen (landläufig bekannt als „Spielstraße“) nicht befahren werden.“ Mit dem Parken verhält es sich ähnlich wie mit Fahrrädern berichtet der Pressesprecher: „Es gibt keine speziellen Parkverbote, aber natürlich muss auf Gehwegen eine Behinderung von anderen, beispielsweise Fußgängern und Rollstuhlfahrern, ausgeschlossen sein.“


Karin Benning, von der HUK-Coburg

Führerschein und Helm?

Fahren darf die Roller jeder, der über 14 Jahre alt ist. Eine Fahrerlaubnis braucht man nicht. „Einen Helm muss ich nicht tragen, da die E-Scooter maximal 20 km/h fahren dürfen und bis zu dieser Geschwindigkeit eine gesetzliche Helmpflicht entfällt. Nichtsdestotrotz ist das Tragen eines Fahrradhelms natürlich empfehlenswert“, merkt der Pressesprecher an und fügt hinzu: „Alkohol ist auch auf diesen Kraftfahrzeugen gleich einem Auto oder LKW zu behandeln. Bei über 0,5 Promille beispielsweise greift ein Bußgeld von 500 Euro, zwei Punkten, sowie einem Monat Fahrverbot. Fahranfänger in der Probezeit sowie alle Fahrer unter 21 Jahren müssen sogar die 0,0-Promille-Grenze einhalten.“


Jessika Benz, Mitarbeiterin der
LVM Versicherungsagentur Bastian Gerke in Kassel

Was ist, wenn’s kracht?

„Ohne die gesetzlich vorgeschriebene Pflichtversicherung, die Kfz-Haftpflichtversicherung, dürfen E-Scooter nicht auf öffentlichen Straßen gefahren werden“, erfahren wir von Karin Benning, von der HUK-Coburg. Der Versicherungsschutz liegt im Jahr in etwa zwischen 20 und 30 Euro. „Wer einen geparkten, fremden E-Scooter beschädigt, zum Beispiel, weil er aus Versehen dagegen läuft oder darüber stolpert, der kann diesen Schaden seiner Privat-Haftpflichtversicherung melden“, so die HUK-Expertin. Auch eine zusätzliche Kaskoversicherung sei in einigen Fällen zu empfehlen, meint Jessika Benz, Mitarbeiterin der LVM Versicherungsagentur Bastian Gerke in Kassel. „Weil dann das Fahrzeug bei Diebstahl, Brand, Kurzschlüssen in der Verkabelung und bei Zusammenstößen mit Tieren aller Art versichert ist.“ Wer sich vor Versicherungsbeiträgen drücken will, muss mit Bußgeldern rechnen, denn das Fahren ohne gültige Plakette kostet 40 Euro. Wer ohne eine Betriebserlaubnis unterwegs ist, muss 70 Euro zahlen. Wir bleiben gespannt, wie lange es dauert, bis wir uns an den Anblick von E-Scootern in unserem Stadtbild gewöhnt haben. Spannend bleibt auch, ob wir bald die Möglichkeit bekommen, hier in Kassel welche zu mieten oder ob der/die Kasseler/in das Sparschwein plündern muss, um am E-Scooter-Trend teil zu haben.

Fotos: © Werner Wilhelm, WEB-REDAKTION PPNH, Hagen Lehmann, VERENA HAHNELT DIE FOTOGRAFIN, Karolina Parot CYPERIOR COMMUNICATION GmbH & Co. KG, privat, alle n.h.