Brauser trifft Max Winkler: „Fußball – geht auch ohne Verein“

Kicken ohne nervige Vereinsarbeit und danach Bier und Bratwurst, mit Leuten, die auch einfach gerne gemütlich auf dem Fußballplatz zusammenkommen: Das ist die Vision von Dynamo Windrad, die noch diesen Sommer eine Wilde Liga in Kassel etablieren wollen. Wir wollten wissen, was das eigentlich ist, wie und wo man mitmachen kann und wer eigentlich Dynamo Windrad ist. Der BRAUSER sprach mit Max Winkler, aktiv als Pressesprecher bei Dynamo. Wir trafen den 24-jährigen Kasseler an seinem Lieblingsplatz ,Bei Ali‘: Eine Mischung aus Café und Imbiss, die das Nordstadt-Feeling vom Subkultur-Verein widerspiegelt.

Was müssen wir über die Wilde Liga wissen?
Die Wilde Liga ist aktuell dabei sich zu gründen. Wir sind ein paar Leute – der Gründerkreis – die eine Wilde Liga etablieren wollen, in Zusammenarbeit mit dem Verein Dynamo Windrad. Es gab in der Vergangenheit schon ein paar Mal den Versuch eine Wilde Liga in Kassel zu gründen, was aber leider gescheitert ist. Diesmal gehen wir anders dran und planen ein Eröffnungsturnier am 20.09., bei dem wir vorstellen, welche Ansprüche wir an uns und andere haben, dann noch Konzerte und Essen.

Und was stellt ihr euch unter der Wilden Liga vor?
Wilde oder Bunte Liga – übrigens steht der Name so noch gar nicht fest (lacht), ist ein bestehendes Konzept. Übrigens ist’s ein trauriges Alleinstellungsmerkmal von Kassel, bei einer Stadt dieser Größe, dass es hier keine Wilde Liga gibt. Das Konzept an sich ist relativ einfach: Leute möchten gerne Fußball spielen, möchten sich auch gerne mit anderen Teams messen – und nicht immer gegen dieselben Gesichter spielen, haben aber keine Lust auf das Vereinsgetue und möchten sich nicht am Vereinsleben beteiligen. Und sind daher abgeschreckt, regelmäßig irgendwo Fußball zu spielen. Auch die vielen DFB-Regularien sind ein Problem.

Dann sind nicht Vereine, sondern jedermann angesprochen?
Genau, unsere Vorstellung ist, dass wir – eventuell auch parallel – auf zwei Kleinfelder spielen, also das normale Fußballfeld geteilt auf zwei. Da sollen dann zwei mittelgroße Tore stehen, wo dann sechs gegen sechs spielen können. Und die Teams sollten für gewöhnlich nicht von Vereinen sein. Ähnlich, wie bei den Deutschen Alternativen Meisterschaften, wo wir auch als zweite Mannschaft von Dynamo regelmäßig teilnehmen. Da heißen die Mannschaften dann, zum Beispiel aus Kassel: ,Die Söhne der Mutter’ oder ,Die kleinen Könige’. Es soll fernab von diesem Ernsthaften sein, eher ein Zusammenkommen. Wir planen auch keine Schiedsrichter ein.

Und Uneinigkeiten werden auf dem Platz ausgetragen?
Im Idealfall gibt’s gar keine! Wir freuen uns auf Teams, die sich mit unseren Werten des Fairplays identifizieren und ihre Konflikte mit Worten austragen können.

Wenn ich Lust habe mitzumachen, muss ich dann eine Mannschaft mitbringen?
Auch dafür haben wir uns was überlegt: An sich hätten wir gerne erst einmal feste Mannschaft für die Planung. Aber wir stellen ein Team zum Nachrücken. Das funktioniert in etwa so: Wir haben vier von uns Helfern und vielleicht zwei Leute, die ohne Mannschaft gekommen sind. Wenn dann noch mehr alleine kommen, dann rückt immer einer von uns raus. Das ist auch der Hintergrund, neue Teams zu etablieren, weil ich denke, dass es oft ein Problem ist, dass Leute Bock haben Fußball zu spielen, aber es schwer ist, sich an ein bestehendes Team zu wenden.


Und wann habt ihr angefangen zu planen?
Die Idee ist alt. Die konkrete Planung nicht so. Ich würde sagen, Ende Juni, Anfang Juli… Wir sind auch drauf und dran alles schnell über die Bühne zu kriegen, damit wir noch starten können, bevor es zu kalt wird. Wir sind auch daran interessiert, dann nach der Eröffnung mit den Teams weiter zu planen und sind offen für Ideen. Wir möchten den Rahmen stellen! Partizipation ist uns auch wichtig. Wenn die Leute sagen, dass sie lieber Großfeld spielen wollen, sind wir da offen.

Und wo plant ihr euer Turnier?
Das wird an der Mittelfeldstraße in Rothenditmold sein, auf dem Gemeinschaftsprojekt vom ESV Jahn und Dynamo Windrad. Der ESV hat relativ wenige Mitglieder und wir recht viele und dadurch entstand die Kooperation. Wir versuchen auch – dadurch, dass wir den Platz beleben – Präventionsarbeit zu leisten, da der Platz relativ abseits liegt. Denn wenn nichts los ist, wirkt er wie ein leerstehendes Haus und dann wird schnell randaliert.

Eure Gründungsgruppe ist aus dem Dynamo Umfeld?
Ja! Also Dynamo Windrad hat sich jetzt nicht die Wilde Liga ausgedacht, aber aus dem Umfeld kam die Idee und wurde so auch beworben. Es haben sich dann Leute aus dem Verein, über Facebook oder die früher mal bei uns gespielt haben eingefunden.

Und was plant ihr für euer Eröffnungsturnier?
Das ist natürlich stark von der Anzahl der Mannschaften abhängig. Aber wir machen auf jeden Fall Essen und danach vielleicht noch bei ’nem Bier eine Band anzuhören und vielleicht später noch einen DJ. Wir haben das Glück, dass man auf dem Platz eigentlich jeden Quatsch veranstalten kann, den man möchte. Auch da sollten wir dann schon einmal über ein paar Sachen, wie Regelmäßigkeit der Turniere und so weiter quatschen.

Und wie bist Du zu Dynamo Windrad gekommen?
Ich habe als Kind schon Fußball gespielt, aber mir hat der Leistungsgedanke nicht gefallen. Dazu kommt, was ja zum Glück auch jetzt immer wieder aufkommt in den Medien, dass es sehr rau zugeht auf den Plätzen der unteren Ligen. Eine höhere wäre nicht möglich für mich (lacht). Dann hatte ich wieder Lust, Fußball zu spielen, als ich älter war und hab‘ mal geschaut, was mir gefallen könnte. Ich bin sehr interessiert, an Politik, auch im Fußball und Umfeld. Über Dynamo habe ich mich über Wikipedia und Freunde, die da schon gespielt haben, informiert. Dann bin ich einfach hin und dachte: Ja Mann, das ist der Verein!

Wie groß ist denn eigentlich euer Verein?
Um die 1400 Mitglieder. Wir haben ja auch viele verschiedene Abteilungen. Von Qigong über Trans-Inter-Queer-Kampfsport.

Wie wurdest Du Pressesprecher?
Mir gefällt die Positionierung von Dynamo so gut, dass ich mich da mehr reinhängen wollte. Ich hatte auch schon viel Erfahrungen mit, sagen wir Öffentlichkeitsarbeit gesammelt. Und aus dem alten Kern von Dynamo gab‘s jetzt nicht so viele, die superfit im Umgang mit Social Media waren, dann hab‘ ich das übernommen. Ich fühle mich in der Rolle auch echt wohl!

Habt ihr noch andere Plätze?
Die erste Mannschaft spielt auf den Waldauer Wiesen. Interessant ist hierbei vielleicht auch, dass sich Dynamo Windrad als Verein aus einer ähnlichen Intuition heraus gegründet hat, wie es die Wilde Liga jetzt tut. Nämlich Fußball spielen ohne Leistungsdruck. Weil es aber schwer ist, einen Platz zugeteilt zu bekommen, hat sich der Verein gegründet.

Was machst Du, wenn Du nicht im Verein aktiv bist?
Ich studiere Soziologie und Politikwissenschaften. Sonst spiele ich Fußball und interessiere mich für‘s Fußballumfeld. Selbstverständlich auch für Politik im Fußball. Beim Festival „Nach dem Rechten sehen“ kann man einen Workshop mit mir besuchen, in dem es um Antisemitismus im Fußball geht. Schon seit ich dreizehn bin engagiere ich mich regelmäßig ehrenamtlich – war zum Beispiel bei den Pfadfindern. Naja, dies und das eben. Aktuell ziehe ich um (lacht).

Was würdest Du mit auf eine einsame Insel nehmen?
Einen Fußball, eine Bücherei und meine Kamera.

Was begeistert Dich an Kassel?
Ich bin tatsächlich mal weggezogen, nach Erfurt. Dann bin ich aber wieder zurückgekommen, weil mir die Leute hier so gut gefallen. Ich habe den Eindruck, dass man in Kassel – sei es in der Subkultur oder fernab dieser – sein kann, wer man will. Das gefällt mir!

Hast Du einen Lieblingsplatz in Kassel?
Ja, hier bei Ali‘s.

https://www.facebook.com/wildeligaKS/

Fotos: ©Werner Wilhelm, privat, alle n.h.