Ich und mein…Handicap

Foto: Just in Team GmbH

Paul hat gerade an der Willy-Brandt-Schule in Kassel seinen Fachoberschulabschluss in der Fachrichtung Gesundheit gemacht – und sitzt die meiste Zeit am Tag im Rollstuhl. Er ist begeisterter Rollstuhlskater (WCMX) und arbeitet ehrenamtlich im DRK als Sanitäter. Wie das alles geht und was es mit den Barrieren in Gebäude und vor allem den Barrieren in den Köpfen auf sich hat, darüber sprachen wir mit dem 18-Jährigen.

Paul, was ist Dein Handicap?

Meine Behinderung heißt Spina Bifida – ich hab‘ das von Geburt an. Dabei sind Nerven in meinem Rückenmark nicht zusammengewachsen, weswegen ich Lähmungen ab der Hüfte habe. Vergleichbar ist es mit einer Querschnittlähmung.

Gibt es Momente, an denen Du deswegen krass fluchen möchtest?

Ja! Immer wenn es an Barrierefreiheit mangelt. Viele Schulen, Geschäfte, Restaurants oder andere öffentliche Gebäude sind in Kassel nicht oder nur zum Teil barrierefrei. Aber ich fluche auch in Momenten, wo die bauliche Barrierefreiheit nicht das Problem ist, sondern die Barriere in den Köpfen anderer Menschen, die mir etwas nicht zutrauen oder mich nicht einladen, da der Ort des Events für sie nicht barrierefrei erscheint. Wenn man das Gespräch mit den Betroffenen sucht, findet man aber immer eine Lösung für das Problem.

Was ist Deine größte Stärke?

Meine größte Stärke ist meine Durchsetzungsfähigkeit. Auch wenn es mal eine kuriose Idee ist. Wie zum Beispiel als Rollstuhlfahrer im Katastrophenschutz mitzumachen oder mit dem Rollstuhl zu skaten. Ich versuche diese Idee umzusetzen, auch wenn andere vielleicht erstmal denken, dasss es gar nicht geht.

Du treibst einen waghalsigen Rollstuhl-Sport. Welcher ist das?

Offiziell heißt der Sport „WCMX“. Es leitet sich von „BMX“ ab und bedeutet frei übersetzt „Rollstuhlskaten“. Dabei nutzt man statt eines Skateboards oder BMX-Rads, seinen Rollstuhl, um im Skatepark Tricks zu machen. Die Sportart kommt ursprünglich aus den USA und kam vor einigen Jahren nach Deutschland.

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Seit wann machst Du das und wie kam es dazu?

Ich mache es seit ungefähr 2014 – mal mehr mal weniger. 2014 gab es in der Skatehalle von Mr. Wilson in Kassel einen Workshop von David Lebuser. Er hat den Sport aus den USA nach Deutschland geholt, und den Workshop habe ich besucht. Von da an blieb ich dabei und konnte – dank meiner Eltern – an vielen weiteren Workshops in ganz Deutschland teilnehmen. 2015 und 2016 hatte ich die Möglichkeit an den Weltmeisterschaften in den USA teilzunehmen und erreichte 2016 in der „Beginners Division“ den 4. Platz.

Wann gehen Dir Nichtbehinderte so richtig auf die Nerven?

Ganz oft ist es so: Wenn ich mit Freunden unterwegs bin und es um mich geht – z.B. Rollstuhlfahrerplatz im Kino – dann nicht ich, sondern meine Freunde angesprochen werden!  Oder automatisch von etwas ausgegangen wird, obwohl die Personen mich und meine Behinderung gar nicht kennen, Sie sehen nur den Rollstuhl und gehen dann fest von etwas aus, ohne mit mir auch nur ein Wort gewechselt zu haben. Oft passiert beides aus Unsicherheit oder Unwissenheit. Aber besser wäre, einfach bei sowas die Person selbst fragen. Denn die weiß meistens am besten, was geht und was nicht geht.