BRAUSER trifft…Kai Viakofsky

Foto: Just in Team GmbH

Mit Blick von oben auf den neuen Standort des Obelisken – dessen Inschrift ziemlich gut bereits einen der Aufgabenbereiche des Freiwilligenzentrums zusammenfast – liegt das Büro von Kai Viakofsky. Seit 2015 ist der 35-Jährige im Freiwilligen Zentrum aktiv. Wir sprechen über das aktuelle Projekt #165, das die Kulturvielfalt von Kassel zeigen soll, über Vaterrolle und Gastfreundschaft in arabischen Kulturen und das wohl bekannteste Projekt des Zentrums, den Freiwilligentag.

Was ist das Projekt #165?

Wir leben in Kassel den Kulturenmix und das funktioniert super! Viele Menschen in Kassel haben einen Migrationshintergrund und wir haben – zumindest ist’s mir nicht bekannt – kein Problem mit Rechten. Ich bin seit 2015 hier aktiv und habe noch keine böse E-Mail bekommen. Klar, sowas wie „Machen Sie doch auch mal was für unsere Zielgruppe und nicht immer nur für die Flüchtlinge“, aber sonst Nichts. Dem Leiter des Projekts Herrn Gerhold kam dann die Idee, dass man da auch mal drüber sprechen müsste. Man hat immer nur die Negativ-Schlagzeilen – das was nicht funktioniert. Aber es steht nirgends, dass Migration hier schon vom Feinsten gelebt wird. In Kassel leben Menschen aus 165 Nationen, daher der Name des Projekts. Der Versuch war dann, aus jeder Nation eine Person zu fotografieren und diese Bilder dann auszustellen, um den Kasselern zu zeigen, in was für einer tollen bunten, kulturellen Vielfalt wir leben. Jetzt war die Schwierigkeit diese zwei Personen, die zum Beispiel aus Nordkorea kommen zu finden – die haben das ja nicht am Klingelschild stehen (lacht). Es sind glaube ich so um die 130, 135 schon abgelichtet wurden.

Wie wurde das generell so aufgenommen von den Leuten?

Insgesamt sehr positiv. Wir haben ein ehrenamtliches Fotografen-Team, die auch beim Freiwilligen Tag immer aktiv sind– und die hatten richtig Freude daran, weil sie die Leute auch auf der Straße ansprechen konnten. Ich war auch überrascht, wie schnell 130 Länder zusammen waren.

Und wie und wo ist die Ausstellung geplant?

Ursprünglich war es für diesen Sommer geplant am Kulturbahnhof – das hat aus diversen Gründen leider nicht funktioniert. Wichtig ist auch, wie bewache ich das Bild – Vandalismus ist da ein großes Thema. Dann ist noch wichtig: Schaue ich von oben auf das Bild oder hänge ich es auf? Wir sind ein kleiner Verein, haben jetzt nicht unbedingt die Menge an finanziellen Mitteln – da dauert das leider. Aber: Aufgeschoben ist nicht auf aufgeschoben. Für’s nächste Jahr ist das auf jeden Fall geplant. Aktuell gibt’s die Idee, ob man an dem Gerüst, das aktuell wegen der Sanierung des Karlsflügels am Rathaus steht – Gerüste sind ja immer mit so einem Schutz abgehangen damit kein Bauschutt runterfällt und so. Dort drauf schon einmal in groß zwanzig Bilder abzudrucken um Lust auf die Ausstellung zu machen.

Habt ihr noch andere Flüchtlings-Projekte?

Klar, wir sind seit 2015 im Bereich der Flüchtlingshilfe aktiv. Als vor circa vier Jahren die ganzen Menschen zu uns gekommen sind, musste man auch als Stadt ’ne Menge machen.

Wir haben zum Beispiel noch das Projekt der „Ankommenspaten“. Da schaffen wir einen Raum, wo sich Geflüchtete und Einheimische treffen – das funktioniert seit drei Jahren richtig klasse

Wie läuft dieses Projekt ab?

Während einer Info-Veranstaltung im Rathaus Kassel informieren wir über unser Projekt – auch beide Gruppen getrennt, damit sie alle Fragen stellen können, die sie möchten – ohne das es unangenehm wird. Das hat sich bewährt. Die Partner sollen sich dreimal in einem Zeitraum von sechs Wochen treffen. Wir nennen das Kasseler Drei-Mal-Drei. Am Ende fragen wir dann, ob sie sich ein Treffen vorstellen können. Das Ganze soll ein Ansporn sein, für längeren Kontakt, weil Geflüchtete sonst kaum eine Chance haben Kontakte zu knüpfen, weil sie meistens nicht arbeiten gehen dürfen, daher keine Kollegen kennenlernen und auf der Straße wen anzusprechen ist eher schwierig.

Du bist aber hauptsächlich für den Freiwilligentag verantwortlich, richtig?

Wenn man im Freiwilligen Zentrum arbeitet, kommt man am Freiwilligentag nicht vorbei (lacht). Nach dem Freiwilligentag ist vor dem Freiwilligentag. Das ist unser größtes und längstes Projekt. Dieses Jahr schon der 17. Freiwilligentag. Das ist ein Konzept, das auch in vielen anderen deutschen Städten läuft – einfach weil es Lust auf freiwillige Tätigkeiten machen soll.

Foto: Just in Team GmbH

Wie läuft der Freiwilligentag genau ab?

Gutes tun an einem Tag, ist das Motto. Generell engagieren sich lt. Einer Umfrage etwa 30 Prozent der deutschen Bevölkerung ehrenamtlich. Manche sind in Vereinen aktiv, andere nur mal temporär. Der Freiwilligentag soll Lust machen auf freiwillige Arbeit, die Möglichkeit bieten mal zu testen, wie sich das anfühlt: Meine Hände arbeiten lassen für andere, ohne dafür Geld zu bekommen. Jetzt gibt es beispielsweise eine Organisation: eine Kita. Da gab es da vor zwei Jahren ein tolles Projekt und zwar, gab es in dieser Kita ein Kind, dass im Rollstuhl saß. Die Kita war auch größtenteils barrierefrei, aber der Außenbereich nicht. Da war die Idee einen Weg anzulegen, damit das Kind mit seinem Rollstuhl überall hinkann. Das mit einer Firma zu realisieren kostet natürlich richtig Geld. Die Kita konnte aber den Freiwilligentag nutzen. Sie haben ihr Projekt bei uns angemeldet – das ist dann öffentlich auf der Website. Das sieht dann jemand anders und beschließt, dass er da gerne mitmachen möchte

Handwerker oder Ähnliche organisiert dann auch ihr?

Nein, tun wir nicht! Das macht die Kita selber! Das ist der schöne Aufhänger für die Kita, weil so eine Organisation damit Werbung für sich selber machen kann. So kommt ein Kontakt zu zum Beispiel einem Handwerksbetrieb. Darüber hinaus zeigt die Kita, dass sie eine tolle Einrichtung ist, die sich für ihre Kinder einsetzt und Mitarbeiter hat, die sich kümmern. Die Idee hinter dem Freiwilligentag ist auch, dass eine Organisation Helfer findet, die sich vielleicht auch über den Freiwilligentag hinaus engagieren.

Verfolgt ihr auch, was darüber hinaus passiert?

Erstmal kümmern wir uns nur um den Tag – da hängt ja auch ’ne Menge dran. Aber wir kennen natürlich auch die Organisationen persönlich, wir versuchen auch regelmäßig Institutionen zu besuchen und mal nachzuhaken, was am Ende dabei rumgekommen ist. Zum Beispiel die Institution Bad Lauterbad In Wilhelmshöhe ist seit gefühlten 100 Jahren dabei – und die wissen auch warum. Die sagen sie können am Freiwilligentag immer so tolle Projekte umsetzen. Weil man schnell viele helfende Hände zusammen hat.

Wir würdest Du die Entwicklung der Bereitschaft bewerten?

Was ich mitbekomme ist, dass die Institutionen meist Wiederholungstäter sind. Toll finden die Idee meist alle, aber das Problem ist immer die Zeit. Das kann man gut an Schulen zeigen. An Schulen ist eigentlich immer Bedarf – im letzten Jahr wurden in der Reformschule einige Klassenräume gestrichen. Aber die Schule muss organisieren, dass da samstags jemand aufschließt – der Hausmeister muss also schon mal da sein. Und auch ein Lehrer oder eine Lehrerin, die das irgendwie koordiniert. Dann scheitert es häufig an diesen einzelnen Personen, die sich fragen, wann sie das noch machen sollen. Sie haben eh schon so viele zusätzliche Dinge neben ihrer Arbeit zu erledigen, dass da einfach die Zeit fehlt. Leider verpassen sie aber auch eine große Chance. Das hören wir auch von anderen Institutionen. Oder es scheitert daran, dass sie denken, sie müssten ein super Projekt vorschlagen. Dabei sind auch Aufräum-Projekte oder Müllsammel-Projekte immer super. Das muss man immer wieder deutlich machen!

Und wie bist Du zum Freiwilligenzentrum gekommen?

Während meines Studiums. Ich habe hier in Kassel Sozialpädagogik studiert. In den Semesterferien hatte ich Zeit – hatte natürlich auch Nebenjobs, aber mir wurde klar, dass ich mich in den letzten Jahren nicht so wirklich ehrenamtlich engagiert hatte. Dann lernte ich eine Kommilitonin kennen, die mir erzählt hat, dass sie hier im Zentrum aktiv ist. Dann hatte ich einen Termin mit Frank Gerhold und einer damaligen Praktikantin. Nach dem Gespräch haben sie gefragt, ob ich nicht einfach gleich hierbleiben will (lacht).

Kommst Du auch aus Kassel?

Ich habe es echt noch nicht weiter als Kassel geschafft (lacht). Ich komme aus Edermünde-Besse. Als ich dann so mit Anfang zwanzig ausgezogen bin, bin ich nach Kassel. Da hab’ ich aber noch was ganz anderes gemacht: Eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei Volkswagen. Da habe ich dann gearbeitet – in drei Schichten. Habe dann aber gemerkt, wenn ich das noch ein Jahr mache, kann man mich einliefern (lacht). Dann habe ich einen kurzen Abstecher in die Finanzbranche gemacht. Ich war für vier Jahre selbstständiger Finanzmakler. Ich habe da glaube auch einen ganz guten Job gemacht. Mich hat aber gestört, dass man am Ende eben immer verkaufen muss. Ich wollte zwar nah am Menschen sein, aber nicht davon abhängig.

Also erst einmal ausprobiert, was Dir liegt?

Ja, ich war nicht so einer, der im Kindergarten schon wusste, was er werden will. Also musste ich immer gucken, was ich gut kann und was mit Spaß macht. Das hat zwar etwas länger gedauert, aber ich bin auch dankbar für jede Erfahrung.

Was sind denn Deine Stärken? Warum bist Du hier jetzt genau richtig?

Das hat schon bei VW angefangen, da habe ich schon Gewerkschaftsarbeit gemacht bei der IG Metall. Dann im Finanzwesen habe ich gemerkt, dass ich einen schnellen Zugang zu den Menschen bekomme und mich hat auch immer die Geschichte hinter der Person interessiert. Das finde ich total spannend und man kann auch echt viel davon lernen. Meine damalige Freundin hat mir dann geraten im Sozialpädagogischen Bereich zu arbeiten. Was krass war, weil ich hatte mein Leben – zumindest mein berufliches, ja schon einmal komplett über den Haufen geworfen. Und ich war schon 28. Aber ich bin echt froh, dass ich das gemacht hab. Das ist die richtige Branche für mich!

Hast Du einen Lieblingsplatz in der Stadt?

Ich bin schon gerne im Vorderen Westen unterwegs, Friedrich-Ebert-Straße, Bebelplatz, Goethe-Park. Aber ich finde auch die Aue toll. Kassel hat viele schöne Ecken.

Du arbeitest auch bei der Evangelischen Kirche?

Ja, die sind auf uns zugekommen – also auf meinen Chef hier im Freiwilligen Zentrum und suchten für ein neues Projekt einen Sozialpädagogen. Dann habe ich im Freiwilligen Zentrum auf zwanzig Stunden reduziert und arbeite die anderen 20 bei der Kirche.

Was ist das für ein Projekt?

Da geht es um interkulturelle Männerabende – also man kann das auch mit Frauen machen, aber hier sind nun mal mehr Männer und generell gibt es schon mehr Angebote für Frauen als für Männer. Man sagt, dass wenn man sein Land verlassen muss – so wie das viele Flüchtlinge ja mussten – erleidet man in dem neuen Land eine Art Identitätskrise. Man ist zwar immer noch dieselbe Person, aber man hat seinen Job nicht mehr, ist abhängig vom Staat und darf viele Sachen nicht mehr selbst entscheiden. Männer haben häufig die Rolle als Familienoberhaupt, der für die Familie sorgt und so weiter. Hier ist das dann nicht mehr so möglich. Diese Krise führt häufig zu einem integrationsverweigerndem Verhalten, weil dafür im Kopf gar kein Platz ist – es ist dann schwer sich zu freuen und erstmal Deutsch zu lernen und dann weiter zu sehen. Kinder und Frauen integrieren sich dann durch Schule und Sprachkurse schneller als der Mann. Daher die Idee eine interkulturelle Männergruppe zu schaffen.

Was macht ihr dann da?

Wir haben das Ziel, anfeindungs- und vorurteilsfrei über genau diese Themen zu sprechen. Was heißt es eigentlich in Deutschland Vater zu sein? Oft merken dann die Männer aus anderen Kulturen dann, dass es da durchaus Parallelen gibt. Auch deutsche Väter machen sich Sorgen um ihre Kinder und so weiter. Aber natürlich müssen diese Männer auch Lust haben sich mit anderen zu unterhalten und auch Deutsch zu sprechen. Aber das funktioniert sehr gut, wir reden über alles: Ängste, Liebe; Frauen.

Was erlebst Du da so?

Eine Frage, die aufkam und mich wirklich beschäftigt hat, war: Ab wann kann ich in Deutschland jemanden meinen „Freund“ nennen. Wenn ich seine Handynummer habe, wenn wir uns dreimal gesehen und unterhalten haben? Dann hab’ ich überlegt, ab wann würde ich denn jemanden als meinen Freund bezeichnen? Das war ein zentrales Thema. Schön ist, dass die Treffen eigentlich auf zehn Termine festgesetzt waren und jetzt treffen wir uns schon seit anderthalb Jahren. Festgestellt haben wir auch, dass die Deutschen sich eher schwer tun jemanden zu sich nach Hause einzuladen – in dem arabischen Raum lädt man jemanden manchmal schon nach dem ersten netten Gespräch ein. Da ist schon so ein Vertrauensvorschuss da, davon können wir viel lernen.

Für was hättest Du gerne mehr Zeit?

Ich habe den großen Vorteil, dass ich zu variablen Zeiten arbeite, da kann ich mir immer mal Raum schaffen. Heute Morgen war hab’ ich noch einen Weg erledigt, war einkaufen und beim Arzt. Dafür bleibe ich heute Abend dann länger. Zu kurz kommen natürlich immer Freude, die werden ja auch alle älter und kriegen Kinder und es wird immer schwieriger sich zu treffen.