BRAUSER trifft: Tänzer und Schauspieler Damaso Mendez LeRoy

Damaso ist froh: Auch als kindliche Marionette musste sich der Tänzer nicht von seinem Bart trennen. Foto: Andreas L. Berg (nh)

Die Zeit – sie fließt en masse in Smartphones, Tablets und Co. Und das nicht erst ab dem Teenageralter. Der Tänzer und Schauspieler  Damaso Mendez LeRoy und der Kinderliedermacher „Herr Müller und seine Gitarre“ bringen in ihrem Musical „Im Bann des Zeitfressers“ bereits den jüngsten Besuchern die Kostbarkeit der Zeit näher. Ein ernstzunehmendes Thema – für jeden von uns – findet der BRAUSER und traf sich mit dem 40-jährigen Familienvater zum Interview. Klar ist, Damaso tanzt schon immer nur nach seiner Nase.

Wie bist Du nach Kassel gekommen?

Mein Vater ist Gastarbeiter aus Spanien und hat sich hier sein Leben aufgebaut. Ich hab’ das Glück, dass ich der Jüngste bin. Man kennt das ja, als Nesthäkchen hat man gewisse Freiheiten – ich war ein Hinterhofkind. Ich bin dann in die Subkulturen gerutscht, durch’s Skateboarden. Dann bin ich in die HipHop-Szene hereingeschlittert, da hab’ ich mich dann dem Tanz verschrieben – besonders dem Breakdance. Seit dem tanze ich.

Was ist das Besondere am Breakdance?

Die Breakdance- und HipHop-Kultur hat mir gezeigt, was man aus dem Nichts erschaffen kann. Dadurch hab’ ich mir von Klein auf ein eigenes Denken entwickeln können: Auch mal gegen den Strom zu schwimmen.

Was verbindest Du mit unserer Stadt?

Geborgenheit – jeder Ort trägt Kindheitserinnerungen.

Was denkst Du verbindet Kassel mit Dir?

Ich bin die zweite Generation der Break-Dance-Szene in Kassel. Es gab Anfang der Achtziger eine Gruppe – die Dynamic Speedies. Die haben uns den Namen vermacht, so konnten wir das weitertragen für die folgende Generation. Ich bin dann mehr Richtung Theater gegangen.

Dein Lieblingsplatz in Kassel?

Der Vordere Westen – da bin ich aufgewachsen. Da bin ich von Hinterhof zu Hinterhof geklettert, in die Keller, auf Dachböden. Ich wünsche jedem Kind so eine Kindheit.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit zwischen Müller und Masó? Vor sechs Jahren haben wir das erste Mal darüber gesprochen, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen. . Müller und Masó, zwei Urgesteine der Kasseler Kulturszene. Jetzt haben wir’s endlich angepackt und acht Monate daran gesessen. Wir haben jede Woche gebrainstormed, bis wir eine Struktur herausgearbeitet hatten. Ich schätze Müller sehr für seine Arbeit als Musiker. Da ich aus dem Theater komme, habe ich natürlich ein Gefühl für Szenen, für das Erarbeiten von Requisiten und was ein Stück ausmacht.

Gibt’s denn ein Drehbuch?

Das Lustige ist, dadurch, dass es ein Hörspiel dazu gibt, hatte ich mein erstes Drehbuch in Form eines Hörbuches. Die Sprecherin ist Iris Riedmüller aus dem Zirkus Rambazotti.

Was wollt ihr mit eurem Musical erreichen?

Die Sinne der Kinder schärfen. Es soll kein erhobener Zeigefinger sein: „Das ist schlecht, das darfst Du nicht“. Es geht mehr darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, was wirklich die Wahrheit ist. Es geht um Fake-News, die akzeptiert werden: Kindern zu erklären, dass Erdbeeren auf Erdbeerjoghurt abgebildet, aber nicht drin sind.

Du hast selbst eine Tochter?

Ja, das war auch meine Motivation. Meine Tochter wird drei und ist ein bisschen meine Labormaus. Sie kennt Lieder auswendig, sie kennt das Stück. Und ich sehe, was geht und was nicht geht.

Ist das Stück auch etwas für Erwachsene?

Natürlich, die haben auch Spaß dran. Wir wollen das Ungewöhnliche sichtbar machen. Wir handhaben das ähnlich wie die Pixar Studios: Das ist auch für die ganze Familie.

Und worum geht’s inhaltlich?

Es gibt Philip den Fernseher, der prophezeit, dass alle Puppentheater schließen werden und wir als Puppentheater müssen dem ganzen dann natürlich auf den Grund gehen.

Und welche Art von Musik?

Folk bis HipHop. Herr Müller holt aus allen Genres was hervor. Sehr hittig. Der Müller ist ein Hit-Garant.

Und die Besetzung seid nur ihr zwei?

Ja, wir spielen Doppelrollen. Neben Direktor Müller und seiner Marionette Masó  gibt es den Flatscreen Philip, einen echten Fernseher, der zum Leben erwacht. Und seine  Schergen MC Sony und Grundigger – zwei Rapper mit Fernsehköpfen. Mit diesen Namen sprechen  wir natürlich mehr den Humor der erwachsenen Zuschauer an – es ist ein Stück für die ganze Familie. Wir springen zwischen der Fernsehwelt und der des Puppentheaters hin und her. Dazu kommt, dass das Puppentheater ja aus einer anderen Zeit kommt – diese Nostalgie wollen wir den Kindern näher bringen. Auch, dass die Wärme, die ein Puppentheater ausstrahlt, eine andere ist. Ein Apple-Rechner ist glatt und clean und ein Puppentheater kann auch mal verstaubt sein. Dann spielt noch ein alter Überseekoffer eine Rolle, er war einst  die Verpackung von Masó..

Wie kam eure Premiere an?

Gut! Auch wenn es technische Schwierigkeiten gab – einen Stromausfall. Aber ich habe anschließend natürlich alle interviewt und es scheint nicht aufgefallen zu sein. Alle fanden es super.

Jetzt geht man ja nicht von der Schule und beschließt Tänzer zu sein, oder?

Ich habe eine Ausbildung zum Schau- und Werbegestalter gemacht – ich wollte etwas Kreatives machen. Ich habe aber abgebrochen, weil ich gemerkt habe, dass ich komplett meinen eigenen Weg gehen möchte. Das fängt dann an mit Shows, Auftritten und natürlich dem Unterrichten. Ich habe im Ruhrpott mit Varietés angefangen, im Varieté Et Cetera zum Beispiel. Der Ruhrpott ist wie die Hochburg der Varietés, da hat man in jeder Stadt eins.

Und wo genau hast Du dann gelebt?

In Wohnwägen (lacht). Das war das Konzept: Das Hauptgebäude ist wie ein Zelt aufgebaut und dahinter stehen die Wohnwägen, die natürlich auf einem guten Level waren. Da habe ich dann abends bei Shows mitgemacht und bin auf den Geschmack gekommen, auch anders mein Geld verdienen zu können.

Und was brachte Dich zurück?

Die Familie.

Und wo gibst Du Unterricht?

In der Tanz- und Theaterwerkstadt in Frankfurt. Schon seit ewigen Jahren – das ist mehr Familie als Job. In Frankfurt war ich auch fest in einem Theaterensemble. Das habe ich jetzt aber beendet, weil’s sich irgendwie im Kreis gedreht hat.

Was willst Du im Leben unbedingt noch machen?

In meinem Leben bin ich längst angekommen, was nicht heißt, dass ich nicht umtriebig bin. Als Künstler werde ich mich stets weiterentwickeln und Zeit betrachte ich als Geschenk. . Erst wer Zeit hat, ist reich.

Was ist denn Dein Zeitfresser?

Das Handy. Das ist wie bei der Motte und dem Licht – wir denken, wie blöd ist die denn? Aber es steckt doch in uns allen.

Wie kämpfst Du dagegen an?

Ich habe keinen Laptop (lacht).

Hast Du Dir das Schauspielern eigentlich selbst beigebracht?

Ich kam ins Ensemble als Choreograph. Und dann müssen sie irgendetwas in mir erkannt haben, denn auf einmal hatte ich Texte in der Hand. Anscheinend muss man das Schauspielern nur ergreifen können.

Tänzer und Schauspieler Damaso Mendez LeRoy. Foto: Andreas L. Berg (nh)

Du hast auch im Staatstheater gespielt?

Ja – Gastspiele.

Wie sieht’s bei Dir – als jemand der ein Musical geschrieben hat – mit Instrumenten aus?

Ein bisschen Rhythmus kann ich: Percussion und Ukulele – alles autodidaktisch, wie eigentlich alles in meinem Leben. Mein großes Vorbild ist Charlie Chaplin, der war auch Autodidakt. Er hat sogar den Musikern Melodien vorgesungen, weil er keine Noten schreiben konnte. Als ihn habe ich mich schon als Kind verkleidet. Also, keine Schauspielschule, es gab schließlich Proben, wo man Routine erarbeiten kann – obwohl Routine auch gefährlich sein kann.

Aber sie gibt ja auch Sicherheit?

Ja, aber im Leben ist Nichts sicher. Wir nehmen Nichts mit.

Was machst Du, wenn Du nicht arbeitest?

Ich habe meiner Tochter beigebracht, wenn man etwas macht, was man liebt, dann arbeitet man nicht. Also arbeite ich eigentlich nie (lacht). Daher brauche ich eigentlich nicht mal Urlaub (lacht).

Was machst Du denn dann um Abzuschalten?

Etwas mit meiner Tochter. Oder Kochen – beim Schnippeln, Braten, Dünsten kann ich die Seele baumeln lassen. Aber Familie steht ganz oben – Familie ist ein super Konzept.

Was hast Du immer im Kühlschrank?

Parmesan.

Wovor hast Du Angst?

Vor Eintönigkeit. Zum Beispiel Urlaub im Hotelressort (lacht).

Wo fährst Du denn hin?

Ich bin Spanier – nach Spanien.

Hast Du dort noch Verwandtschaft?

Ja. In Barcelona, Madrid, Sevilla…

Was ist Dein größter Erfolg?

Dass ich Freischaffender Künstler bin. Ich bin kein Prestige-Geier, ich will nicht ins Fernsehen. Ich habe mich auch nie beworben – es ging immer so. Jetzt für unser Stück Werbung zu machen, ist was Neues für mich (lacht).

Was ist denn für die Zukunft geplant?

Wir wollen unser Stück mobil machen – eine mobile Bühne. Dann wollen wir auch in die Umgebung und in die Schulen. Es ist nämlich schwer Schulen ins Theater zu bekommen – das ist mit dem Weihnachtsstück dann abgehakt. Dabei hat Deutschland kulturell so viel zu bieten!

Wie können wir uns das vorstellen? Wieder Wohnwägen?

Eher nicht, wir wollen lediglich in der Lage sein, an den unterschiedlichsten Orten spielen zu können. Mit einem Bühnenbild, das schnell aufgebaut ist.

Ihr macht das alles auch für euch, oder?

Ja, wir sind Kinder geblieben. Wer Kind bleibt, bleibt Mensch. Man muss sich seine Kindlichkeit nicht abtrainieren. Das heißt Instinkten folgen und träumen dürfen.

Welcher Person bist Du besonders dankbar?

Meiner Mutter. Weil sie mich auf die Welt gebracht und behütet hat – meinem Vater natürlich auch. Also meinen Eltern.

Was machst Du als Nächstes nach unserem Treffen?

Ich werde nach Hause gehen zu meiner Tochter, die Sonne genießen. Die Uhr läuft, das Leben steht nicht still, ein Geschenk ist unsere Zeit. Das ist eine Liedzeile aus unserem Stück – der Rausschmeißer (lacht).

Für alle, die nicht genug bekommen können: Wir verlosen die CD zum Bühnenstück „Im Bann des Zeitfressers“, gesprochen von Iris Riedmüller. Sende uns einfach eine E-Mail mit dem Betreff „Zeitfresser“ sowie deinen Namen, deine Anschrift und deine Telefonnummer bis 22. Mai an verlosung@brauser24.de

Empfehlung zum Muttertag von Müller und Masó: Zum Stück kommen und danach Kaffee und Kuchen.