BRAUSER trifft Daniel Stieglitz

Der Meister des schnellen Strichs bei der Arbeit. Foto: Just in Team GmbH

Auffällige Nasen, markante Augenformen, außergewöhnliche Gesichtszüge – Daniel Stieglitz’ scharfem Blick entgeht nichts in einem Gesicht: Der 39-jährige Familienvater empfängt uns Zuhause in seinem Arbeitszimmer – ein Raum, der zeigt, wie vielfältig der Wahlkasseler ist: Karikaturist, Schnellzeichner, Illustrator, Filmregisseur, Drehbuchautor, Autor und aktives Mitglied im Kasseler Improvisationstheater „ImproKS“. Bei unserem Gespräch wird schnell deutlich: Kleine bunte Bildchen sind nicht immer lustig, sondern können uns auch ernste Themen wie Stammzellenspenden näherbringen.

Dich brachte Dein Studium nach Kassel?

Ja, ich habe an der Kunsthochschule Trickfilm studiert. Ich war schon immer großer Film-Fan und zeichnen konnte ich auch. Und da dachte ich, die beste Kombination ist Trickfilm (lacht). Über eine Bekannte bin ich dann in Kassel gelandet. Als ich aus Cham in der Oberpfalz hierherkam, hab ich mich sofort in die Stadt und in die Kunsthochschule verliebt!

Wie können wir uns Deinen Alltag vorstellen?

Einen 08/15-Tag zu beschreiben ist schwierig. Aber wenn ich Zuhause bin, dann stehe ich um halb sieben auf und wir frühstücken zusammen und bringen die Kinder in die Schule. Entweder fahre ich dann irgendwo hin, auf eine Veranstaltung oder Messe – die können auch über mehrere Tage gehen. Fahre ich nicht weg, bin ich in meinem Arbeitszimmer und zeichne – meist fürs Fernsehen. Für die Werbung, Galileo oder den WDR. Und im Idealfall, wenn ich alles geschafft hab’, dann wird das zu meinem Arbeitsplatz (zeigt links von sich auf einen zweiten Schreibtisch).

Und da arbeitest Du an was?

Dort diktiere ich. Es gibt Programme, mit denen man Texte einsprechen kann. Nach meinem Filmstudium, bin ich leider aus familiären Gründen ein paar Jahre aus der Filmszene rausgewesen. Danach sind leider sämtliche Türen, die sich mir geöffnet hatten – unter anderem durch meinen Abschlussfilm mit dem ich den hessischen Filmpreis gewonnen habe – zugegangen. Jetzt müsste ich filmisch bei null anfangen und das wäre sehr aufwendig und teuer, obwohl dafür mein Herz schlägt! Daher sattele ich um und schreibe aus einem meiner Drehbücher einen Roman – und zwar einen Krimi! Vorher habe ich schon einmal ein Kinderbuch diktiert „Drachen gibt’s nicht“ – zusammen mit Axel Gabelmann, den ich über’s Impro-Theater kennengelernt habe – dort arbeiten wir auch an einem zweiten Teil.

Und wieso jetzt einen Krimi?

Der Krimi wird gleich hier vor meiner Haustür spielen – am Bremelbach. Ich finde diese Gegend so irre, weil sie einerseits total dörflich ist und andererseits ist man gleich am Bahnhof Wilhelmshöhe. Als Drehbuch funktioniert der Roman komplett ohne Schnitt. Ich habe das Drehbuch an die Produzenten, die ich kenne geschickt und auch positive Rückmeldungen bekommen, aber leider keinen Sender gefunden – deswegen schreibe ich es jetzt um. Und plane, den Roman selbst zu veröffentlichen.

Freut sich schon auf die Veröffentlichung seines Krimis: Autor und Filmemacher Daniel Stieglitz. Foto: Just in Team GmbH

Wie kamst Du zum Impro-Theater?

Mein Dozent hat mir bei meinem Abschlussfilm gesagt, dass meine Arbeit mit den Schauspielern so schlecht sei und ich daher selbst schauspielern solle um zu lernen, wie ein Schauspieler denkt und arbeitet und welche Hinweise er braucht. Ich hatte aber keine Lust in eine Schauspieltruppe zu gehen und dann den Baum zu spielen und das Jahr später die Magd an Weihnachten (lacht). Durch Zufall bin ich dann aufs Impro-Theater aufmerksam geworden, die hatten einen Auftritt im Szenario und haben Leute gesucht. Dann hab ich mich vorgestellt.

Ist Schnellzeichnen ein Schulungsprozess oder Talent?

Ich würde sagen, dass was ich mache ist zu zehn Prozent Talent und zu neunzig Prozent üben, üben, üben.

Auf Deinem Instagram-Account widmest Du Dich auch politischen Themen – bei Karikaturen ja keine Seltenheit, was macht die Politik so interessant?

Politik bietet mir die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen – was mir beim Karikaturenzeichnen auf Events oft fehlt und weshalb ich den Film so vermisse. Deshalb frage ich auch oft die Leute nach ihren Hobbys, bevor ich sie zeichne, um mehr Geschichte in ein Bild zu packen. Jedoch finde ich es mittlerweile ein bisschen albern, nur für Instagram zu zeichnen – deshalb habe ich damit aufgehört. Vielleicht klappt’s ja irgendwann mal mit regelmäßigen Beiträgen in ’ner Zeitung – außerhalb der sozialen Netzwerke.

Jetzt bist Du ja nicht von der Uni gegangen und hast gesagt, ich werde Karikaturist – Wie bist Du dahin gekommen, wo Du heute bist?

Ich habe auch während des Studiums schon Karikaturen gezeichnet – wenn zum Beispiel Mutti anrief und für ’ne Geburtstagskarte ein Bild brauchte. Und ich hab auch Storyboards für Filme und die Werbung gegen Geld gemacht. Für einen Bekannten sollte ich dann auf einer Hochzeit zeichnen. Da habe ich zum ersten Mal live gezeichnet, weil das hatte ich mich vorher nie getraut: Einfach, weil es Gesichter gibt, an denen ich verzweifelt bin! An diesem Abend aber habe ich erkannt, dass Bilder, die ich hervorragend fand, kritisiert und welche, die ich schlecht fand, gelobt wurden. Das hat mir den Druck genommen! Ich habe gemerkt, dass viele einfach angetan sind, dass jemand zeichnen kann (lacht). Da habe ich dann dieses Modell entdeckt und heute bin ich oft dreimal die Woche weg.

Oscar-reifes Riesenplakat: Damit gewann Daniel den Golden Nosey in San Diego. Foto: Just in Team GmbH

Zudem sind Deine Karikaturen anscheinend ja auch international erfolgreich: Du hast als erster deutscher Karikaturist den Golden Nosey in San Diego, den internationalen „Karikaturisten-Oscar“ gewonnen?

Genau, das ist ein total nettes Zusammentreffen von Karikaturisten, kombiniert mit Workshops und gemeinsamen Abendessen – UND einem Wettbewerb. Ich wollte da immer schon hin, weil Kollegen schon da waren und die internationalen Kollegen bei Facebook kannten und schon gesprochen hatten. Um zu gewährleisten, dass alle die gleichen Bedingungen haben, dürfen nur die Teilnehmer gezeichnet werden. Ich habe mich an einem Panorama probiert – das erste Mal übrigens auf einer anderen Convention in Österreich. Und dann hab ich’s in Amerika nochmal gemacht – gar nicht für Erfolg, sondern einfach, weil das die Richtung ist, in die ich mich entwickeln wollte.

Was möchtest Du im Leben unbedingt noch machen?

Einen Film drehen – unter professionellen Bedingungen. Nicht wie in der Uni, wo man noch Brötchen schmieren und die Stühle aufstellen muss.

Du hast einen Kurzfilm zum Stammzellenspenden gemacht – wie kamst Du zu diesem Projekt?

Es gab gar kein Projekt (lacht). Ich wollte einfach meinen Teil beitragen: Mir und meiner Familie geht’s so gut, ich hab’ einen super Job, da wollte ich etwas zurückgeben. Ich zeichne auch hin und wieder im Klinikum auf der Kinderonkologie für den Verein für Krebskranke Kinder und zeichne die Kinder und deren Familien. Dass der DKMS das Video auch auf seiner Seite verlinkt hat, ist natürlich das Beste was passieren konnte! In regelmäßigen Abständen teile ich es auch bei Facebook, in der Hoffnung, dass auch die, die es noch nicht gesehen haben, darauf aufmerksam werden. Meine ganzen Freunde und Bekannte haben sich tatsächlich registriert – es ist ja so einfach!

So witzig er auch zeichnet: Daniel ist dann und wann auch nachdenklich. Foto: Just in Team GmbH

Gibt es etwas, was das Internet über Dich vergessen sollte?

Wenn ich das jetzt sage, animiert das ja dazu, dass sich die Leute das angucken (lacht). Aber es gibt so ein paar alte Karikaturen, auf die ich damals total stolz war und jetzt schrecklich finde.

Wann bist Du zu streng mit Dir?

Ich glaube, wenn ich denke, dass ich meine Zeit nutzen müsste – zum Beispiel beim Bahn fahren. Dann denke ich: Nein, keinen Film angucken (lacht). Gerade als Selbstständiger ist das Arbeitspensum ja enorm. Das ist dann ein Pendeln zwischen „bin ich zu faul“ oder „kann ich mir die Zeit nehmen“.

Was machst Du als Nächstes nach unserem Treffen?

Ich habe folgende Idee: Ich zeichne ja viel auf Hochzeiten und jetzt möchte ich einen Hochzeitskritzelblock für Kinder entwerfen – damit ihnen auf der Feier nicht langweilig wird. Ich bekomme so viele Anfragen für Hochzeiten, bei denen ich leider absagen muss, weil ich keine Zeit habe und dann könnte ich ihnen aber immerhin meinen Kritzelblock vorschlagen. Da sind dann zum Beispiel Bilder drin von Menschen, die nach oben schauen und da steht: „Was für ein schönes Feuerwerk“. Dann müssen die Kinder ein Feuerwerk malen.