Die sieben Todsünden: Interview mit Pfarrer Harald Fischer


Wir haben mit Pfarrer Harald Fischer (64) über die sieben Todsünden gesprochen. Er ist seit 2002 Dechant der katholischen Kirche in Kassel und seit 1997 Pfarrer an St. Familia.

Wie ist die Liste mit den sieben Todsünden entstanden?

Im Christentum gibt es seit dem 4. Jahrhundert Sammlungen von den größten Übeln, die das Leben der Menschen erschweren. Diese falschen Grundhaltungen hat man die „Todsünden“ genannt; es sind sieben: Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Trägheit/Überdruss.

Sie zeigen die Auswirkungen einer falschen, todgeweihten Lebenshaltung. „Tod“ meint hier den sozialen Tod. Lebt man auf Dauer nach diesen Grundhaltungen, wird die Verbindung zur Gemeinschaft zerstört. Wenn man heute über die sieben Todsünden nachdenkt, hat das meist eine pikante Note, weil viele das für eine veraltete, billige Morallehre halten.

Ein Beispiel: Was ist Unkeuschheit? Für wen gilt heute Unkeuschheit noch als Sünde? Die Frage nach den Glanz- und nach den Schattenseiten des Menschen gehörte schon immer zu den wichtigsten Themen aller Gesellschaften, aller Kulturen, aller Religionen.

Wie zeitgemäß sind diese 2019?

Wenn man über „Todsünden“ nachdenkt, geht es um die Frage: Was hilft zum richtigen Leben und was schädigt das Leben? Um den Begriff „Todsünde“ zu verstehen, ist es notwendig, zunächst zu fragen: Was ist eigentlich „Sünde“? Viele denken bei diesem Wort an einzelne falsche Taten. Sünde ist aber viel mehr.

Vom Wortsinn her bedeutet Sünde: verkrümmt sein in sich selbst, abgesondert sein von Anderen. Der Ursprung einer solchen Haltung ist die Angst um mich selbst; die Angst, ich könnte zu kurz kommen, wenn mir etwas vom Leben entgeht. Aus dieser Haltung erwachsen dann Handlungen, die von Neid, Zorn, Begierde etc. geprägt sind, mit denen ich Schaden zufüge – mir selbst und auch Anderen. Mit einer „Sünde“ schädigt man nie nur Andere, immer auch sich selbst.

Welche Todsünde ist für Sie das größte Problem in unserer Gesellschaft?

Die Angst, zu kurz zu kommen, prägt das Leben so vieler Menschen und Gemeinschaften. Für mich ist die Angst, zu kurz zu kommen, der Ursprung aller „Todsünden“. Das kann man sowohl in einzelnen zwischenmenschlichen Begegnungen als auch in großen staatlichen, weltweiten Konflikten sehen. Immer ist die Angst Ursache falschen Handelns, so dass Menschen und Staaten sich gegen andere stellen. Wir können das im ungebremsten Konsum, in der Sucht nach Wirtschaftswachstum, in der Aufrüstung, in den Kriegen aber auch in den individuellen Beziehungskonflikten sehen.

Ist es für uns Menschen denn überhaupt möglich völlig sündenfrei zu leben?

Nein. Der Anspruch, völlig sündenfrei zu leben, macht auch keinen Sinn. Der Mensch ist ein Wesen, das sich in so vielen Bereichen entwickelt, Erfahrungen verarbeitet, Veränderungen durchmacht. Anders geht es auch nicht, wollen wir die Herausforderungen unseres Lebens meistern. „Völlige Sündenfreiheit“ kann nicht das Ziel sein. Die eigentliche Frage ist, wie wir mit unseren Sünden umgehen.

Wenn die Angst, zu kurz zu kommen, der Ursprung der „Todsünden“ ist, dann ist das Gegenteil das Vertrauen, genug für ein gutes Leben zu bekommen. Die Christen wissen sich zu diesem Vertrauen eingeladen. Sie berufen sich dabei auf die Zusage der bedingungslosen Liebe Gottes. Ich muss mir Gottes Liebe nicht erst verdienen; sie ist mir geschenkt; grundlos, bedingungslos.

Aus einer solchen Haltung wird die Angst des Menschen um sich selbst entmachtet. Sie ist nicht weg, aber sie hat nicht mehr die Macht, den Menschen zur Unmenschlichkeit zu treiben, um sich selbst auf Kosten anderer abzusichern. Im Glauben, im Vertrauen weiß ich, dass ich den Wert meines Lebens nicht erst „machen“ muss, indem ich mir – zur Not auch auf Kosten Anderer – z.B. Geld, Macht, Ansehen, Genuss usw. verschaffe. Und ich weiß, dass mein Leben nicht wertlos wird, wenn mir nicht alles im Leben sofort oder mir auch gar nicht zur Verfügung steht.

Das Gegenteil der Sünde ist deswegen nicht die richtige Tat, sondern zunächst das Vertrauen, der Glaube. Daraus kann dann das richtige Handeln erwachsen. Und wenn ich in die Angst um mich selber zurückfalle – was jede und jeder immer wieder erfährt – steht mir der Weg zur Erinnerung an die wirkliche Grundhaltung des Lebens immer neu offen, der Weg zum Neuanfang und zur Umkehr.

Was genau die sieben Todsünden sind, findet ihr hier.