Stöbern, Handeln, Freuen – Warum Second-Sale so beliebt ist

Kleidung kaufen, die schon mal jemand getragen hat? Bis vor einigen  Jahren galt das als eine Art Offenbarung, dass einem monatlich kaum finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Mode aus zweiter Hand trug ein eher muffiges Image. Mittlerweile hat ein Umdenken stattgefunden. Denn Second-Hand heißt heute vor allem, sich gegen den Fast Fashion-Konsum zu stellen. Und: Wer Gebrauchtes kauft, entlastet auch die Umwelt. Der BRAUSER schaut sich diesen Monat die aufblühende Second-Sale-Kultur an.

Foto: articial photography on unsplash

Laut einer Studie von Greenpeace besitzen in Deutschland Frauen im Schnitt 118 Kleidungsstücke, Männer liegen bei 73 – Wäsche und Socken sind hierbei nicht eingerechnet. Circa 40 Prozent davon hängt die meiste Zeit ungenutzt und ungetragen im Schrank. Zwölf Kilo Kleidung kauft jeder Deutsche pro Jahr – viel mehr, als man anziehen kann. Die Gründe? Weil Mode so günstig geworden ist, schafft man sich viel mehr an als man braucht. Deshalb sollten wir alle öfters unseren Schrank aussortieren! Doch wohin mit den Zu-viel-Käufen, den Hemden, Hosen oder Kleidern, die kaum oder nie getragen im Schrank hängen und viel zu schade zum Wegwerfen sind? Spenden ist natürlich eine Möglichkeit. Wer sich aber gerne noch etwas dazuverdienen möchte, verkauft seine ungetragene, kaum genutzte Kleidung. Flohmärkte, die sich ausschließlich um Kleidung und Accessoires drehen, erfreuen sich deshalb wachsender Beliebtheit. Erkennbar unter anderem an den vielen regelmäßig stattfindenden Mädchenflohmärkten in Stadt und Region.

Günstig, Individuell, Nachhaltig

Doch warum haben gerade in der heutigen Zeit diese Märkte einen so großen Zuspruch und Zulauf? Zum einen wird der Markt durch die lockere Atmosphäre, den ausgewählten Locations, ein paar Food Points für kulinarische Genüsse und der netten musikalischen Untermalung zum Event. Und zum anderen reizt die Besucher die Schnäppchenjagd nach neuen Lieblingsstücken. Es geht um Kleidung, die jemand anders schon geliebt hat, und die man nun selber weiterlieben wird. Quasi neue Geschichten damit erlebt. Statt Fashion von der Stange eher nachhaltiger Beutefang mit Persönlichkeit. Dabei können sogar Designerklamotten gefunden werden, die man sich sonst nicht leisten kann. Bei der Second-Sale-Kultur ist der Grundgedanke der, Dinge zu teilen, zu nutzen und Wieder-in-den-Kreislauf-zubringen. Mit dem Kauf alter oder ungenutzter Sachen tut man also etwas Gutes – nach dem Motto #sharingiscaring! Denn Kaufen und Besitzen ist nicht alles.

Wir haben uns auf dem Mädelsflohmarkt „Mädchen Klamotte“, der regelmäßig in der Stadthalle Kassel stattfindet, umgehört und erfahren, wer warum was verkauft und kauft.

Fotos: Privat

Sarah (20):

„Im Grunde genommen liegen die Klamotten bei mir nur im Schrank rum und werden nicht mehr verwendet. Ich denke es ist einfach schön, wenn anderen Leuten die Sachen gefallen. Und dass sie die Möglichkeit haben diese günstig zu schnappen und zu tragen. Ich selber kaufe zwar nicht Second-Hand, sondern tausche oder kaufe eher im privaten Freundeskreis mal Klamotten.“

 

 

Jennifer (20):

„Hauptsächlich verkaufe ich, als dass ich kaufe. Ich bin eher in der Stadt unterwegs und kaufe dann bei H&M und Zara. Ich verkaufe natürlich mit dem Hintergedanken, um etwas Geld zu verdienen und ebenso spielt der Nachhaltigkeitsgedanke auch eine Rolle. Ich trage es nicht mehr und fürs Wegwerfen ist es zu schade. Wenn sich dann noch jemand darüber freut ist das doch schön. Als Verkaufsplattform habe ich mal Shpock probiert aber schnell gemerkt, dass das eher für Kleingeräte und Möbel genutzt wird.“

Svetlana (29):

„Das Thema Nachhaltigkeit spielt für mich eine große Rolle. Ich bin frisch Mama geworden. Meine Sachen sind mir jetzt alle zu klein und passen nicht mehr beziehungsweise möchte ich sie nicht mehr tragen. Aber ich freue mich einfach, wenn jemand anderes daran Freude findet, günstig für sich Kleidung zu kaufen. Ich möchte nix wegwerfen, spende auch den Rest, der heute hier nicht weggeht. Ich freue mich, wenn vielleicht jüngere Mädels heute einige Teile finden für ihr Taschengeld und glücklich nach Hause gehen.“

Svetlana rechts, Julia links.

Julija (33):

„Ich habe heute eine relativ große Auswahl dabei und kaufe auch Second-Hand – unter anderem für meine Tochter. Ebay, Kleiderkreisel und Mamikreisel nutze ich ebenfalls und hauptsächlich eher zum Verkauf als zum Kauf. Ich habe bisher nur gute Erfahrung damit gemacht.“

 

Ana (23):

„Das hier ist mein erster Flohmarkt. Genau wie Chiara möchte ich die Sachen nicht wegwerfen. Vielleicht gefallen sie anderen Menschen. Ich habe heute hier auch schon geshoppt und bin an einem Stand fündig geworden – online dagegen noch nie.“

 

 

Chiara (21):

„Ich finde es dumm die Sachen wegzuschmeißen, wenn andere Leute sie noch gebrauchen können. Verkaufsplattformen habe ich noch nicht genutzt und wollte erstmal heute hier schauen, wie es so läuft und den Rest vielleicht über einen Second-Hand Laden verkaufen. Dabei habe ich unter anderem selbstgeschneiderte Sachen, da ich eine Ausbildung zur Maßschneiderin gemacht habe. Besonders Röcke konnte ich schon erfolgreich verkaufen.“

 

Svenja (24):

„Ich bin heute hier, um mir zum einen natürlich etwas dazu zu verdienen und zum anderen aber, weil ich sehr viele Sachen zum Anziehen einfach nicht mehr benutze im Alltag. Sie hängen bei mir im Kleiderschrank rum und ich freue mich einfach, wenn jemand anderes damit noch eine Freude gemacht werden kann. Auf Kleiderkreisel lade ich auch ab und an Kleidung hoch, weil man auf Flohmärkten oftmals unter Wert verkauft. Bei Kleiderkreisel kann man dann eher hochwertige Sachen, Markenklamotten verkaufen – und das zu einem angemessenen Preis.“

Svenja rechts, Antonia links.

Antonia (21):

„Wir wollen Ende des Jahres in den Urlaub fahren und deswegen sparen wir die ganze Zeit und haben uns hier angemeldet. Sehr viel verkauft und gekauft habe ich schon bei Kleiderkreisel. No-Name-Sachen gehen kaum weg – und wenn dann nur für 1 bis 2 Euro. Ich bin bisher nur einmal auf einer Verkaufsplattform übers Ohr gehauen worden und hab 10 Euro verloren. Schuhe gekauft, Daten ausgetauscht, Geld überwiesen und die Ware kam nie an.“

 

Foto: Privat

Gebrauchte Kleidung zu kaufen hat neben dem Nachhaltigkeitsaspekt auch eine soziale Komponente. Wir sprachen darüber mit Alessandra Introvigne (35) vom Kilo-Shop des DRK Kassel in der Unteren Königsstraße 79.

Für wen ist der Kilo-Shop vom Deutschen Roten Kreuz gedacht?

Wir bieten Second-Hand-Mode für alle; ob Damen-, Herren- und Kinderkleidung – im Kilo-Shop ist für jede Altersgruppe und jeden Geschmack etwas dabei. Als wir uns vor fast 15 Jahren über das Konzept für den Kilo-Shop Gedanken gemacht haben, war es uns wichtig gebrauchte, tragfähige Kleidung zu günstigen Preisen anzubieten und dass in einem modernen und großen Ladenlokal. Heute treffen sich in unserem DRK Kilo-Shop Familien, Rentner, Studenten – einfach Menschen, die modebewusst leben und preisgünstig einkaufen wollen.

Welche Spenden-Artikel werden am meisten benötigt und auf was muss geachtet werden?

Wir nehmen das ganze Jahr über – unabhängig von der Saison – Winter- und Sommerkleidung an. Gerade jetzt brauchen wir natürlich gute, tragfähige Winterkleidung für Kinder und Erwachsene.

Wo kann ich meine Kleiderspenden abgeben?

Die Kleidung kann jederzeit zu einem unserer 35 Altkleidercontainer gebracht werden. Die Standorte findet man im Internet www.DRK-Kassel.de. Zudem kann Kleidung direkt im DRK-Haus im Königstor 24 abgegeben werden und auch das rund um die Uhr.

Kann ich mich neben Sachspenden auch anderweitig ehrenamtlich bei Ihnen engagieren?

Wir bieten viele ehrenamtliche Aufgabenfelder für freiwilliges Engagement: In der Jugend- und Sozialarbeit, der Wasserwacht, der Bergwacht oder dem Katastrophenschutz sind im DRK Kassel-Wolfhagen 400 Menschen aktiv dabei. So nehmen sich ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Zeit für Gespräche mit alten Menschen, sie entlasten pflegende Angehörige und organisieren Treffen für Familien mit Kindern. Sie zeigen Kasseler Schülern, dass jeder Erste-Hilfe leisten kann und sie reparieren kaputte Alltagsgegenstände im DRK-Reparier-Café. Kurzum: wer sind freiwillig engagieren möchte, findet beim DRK ganz sicher eine Aufgabe, die passt.

 

Foto: Privat

Wir haben mit Sarah Nerl (30) vom Second-Hand Shop „Zweipunktnull“ gesprochen. Seit vier Jahren führt sie das Kasseler Laden-geschäft in der Gottschalk-Straße 32.

Wie kam es dazu, dass Du den ehemaligen Second-Hand Laden „200-Sachen“ übernommen hast?

Ich trage schon selbst seit vielen Jahren Second-Hand, mittlerweile ist fast alles in meinem Kleiderschrank gebraucht, sogar mein Hund ist Second-Hand. Als ich nach einer Zeit im Ausland auf Durchreise Freunde und Familie in Kassel besuchte, lief ich an dem damaligen „200-Sachenladen“ vorbei, der einen neuen Besitzer/in suchte. Naja, da muss ich gestehen ging alles ganz schnell…

Wie unterscheidet sich „Zweipunktnull“ von anderen Second-Hand Shops?

Die meisten Second-Hand Läden gehören mittlerweile zu Ketten. Ich wähle die Sachen ganz individuell, fahre selber durch die Gegend auf Flohmärkte, Haushaltsauflösungen, etc. und suche alle Stücke selbst zusammen.

Hat sich auf dem Second-Hand Markt in letzter Zeit etwas verändert?

Es gab Zeiten, da war Second-Hand sehr verrufen, doch heute tragen Stars auf dem Red Carpet Vintage und Second-Hand ist nicht mehr nur was für Menschen mit weniger Geld. Second-Hand ist vor allem etwas für Menschen, die sich umweltbewusst und modisch kleiden wollen, denn es gibt keine nachhaltigere Mode als die, die schon existiert und wir wissen ja alle, dass Trends immer wieder kommen.

Welche Artikel gehen bei Dir im Laden besonders gut?

Oh, das ändert sich ab und zu, gerade definitiv 80er Jahre Strickpullover, davon habe ich aber auch zurzeit wirklich eine Menge Wunderschöne da. Ansonsten sind Flanellhemden, Trainingsjacken und Jeansjacken ein Dauerrenner.

Gibt es auch Ladenhüter?

Manchmal werden die absolut tollsten Teile monatelang nicht gekauft, da einfach nicht die richtige Person dafür vorbeikommt, doch letzten Endes findet jedes Kleidungsstück die passenden Besitzer/innen.

Wer kauft bei Dir ein?

Das ist ganz gemischt: Von Schülern angefangen gibt es alterstechnisch nach oben keine Grenzen. Am besten einfach mal vorbeischauen und schauen ob Zweipunktnull auch was für dich ist!

 

Wir haben euch die bekanntesten Verkaufsplattformen zusammengestellt:

eBay Kleinanzeigen

Für Alles, was man nicht verschicken kann oder will, finden sich hier regionale Abnehmer.

Shpock

Ähnlich wie bei ebay Kleinanzeigen kannst du hier alles verkaufen und nach Standort filtern. Besonders gut gehen Möbel, Kleinelektronik oder Sport- und Freizeitartikel.

FB Marketplace

Hier teilt Jede(r) eigene Verkaufsangebote oder die von Freunden und Nachbarn – ganz unabhängig ob Markenartikel oder Schrankwand Buche.

Kleiderkreisel

Die Nummer Eins um Kleidung zu tauschen, verkaufen und verschenken. Hier kann man öfters auch Schnäppchen in Sachen hochwertige Designerstücke machen.

Mädchenflohmarkt

Hochwertige gebrauchte Designermode aber auch Schnäppchen von H&M und Co. finden sich hier.

Momox

Wer neben Kleidung auch Bücher, CDs, DVDs oder Spiele zu viel hat und ausmisten möchte, liegt mit dieser Verkaufsplattform genau richtig.

markt.de Kleinanzeigen

Der virtuelle Flohmarkt für Angebote und Gesuche in deiner Nachbarschaft oder bundesweit. Einfach, bequem und schnell kostenlos inserieren – von Aquaristik bis Zubehör.