Marke A.R.M. am Ende – Grundstück in Kassel bleibt Club-Standort

Beliebte Adresse für Nachtschwärmer: Die Werner-Hilpert-Straße 22, wo sich Lolita Bar, A.R.M., Weinkirche, ein Biergarten und weitere Party-Räume befinden.© Schaumlöffel

Kassel. Dass der Standort junger Kultur dennoch eine Zukunft hat, ist der Kasseler Mietstück GmbH zu verdanken. Die sprang im Sommer bei drohender Insolvenz (hier nachzulesen) ein und erwarb das Grundstück samt seiner ober- und unterirdischen Bauten.

Schon gierende Immobilien-Haie hatten das Nachsehen.  „Das war eine 48-Stunden-Entscheidung“, sagt Jürgen Weide, Mitglied der Geschäftsleitung der Mietstück GmbH, über das enge Zeitfenster beim Kauf. „Uns ging es darum, den Betreibern des A.R.M. Zeit zu verschaffen, sich neu zu sortieren – ohne den Druck, dass es morgen vorbei sein kann“, sagt Jürgen Weide im exklusiven Gespräch mit dem EXTRA TIP.

„Unsere Philosophie lautet ganz klar: Das Grundstück soll weiterhin Kultur-Standort bleiben.“ Hervorzuheben sei, dass es künftig zwar eine vom Betreiber leistbare Miete gibt, ein Mäzenatentum jedoch ausgeschlossen sei. „Der Betrieb muss sich tragen – wie er das tut und in welchen Räumlichkeiten müssen die Betreiber wissen“, sagt Weide. Sollten sich dann leerstehende Kapazitäten ergeben, werde man über diese neu nachdenken. „Unser erster Ansprechpartner für alles, was auf dem Gelände geschieht, sind die bisherigen Verantwortlichen“, unterstreicht Jürgen Weide die klare Haltung der Mietstück GmbH.

Berichtet über die Hintergründe des Grundstücks-Kaufs: Jürgen Weide, Mitglied der Geschäftsleitung der Kasseler „Mietstück GmbH“.© Deutsch

„Es gibt da noch überhaupt keine konkreten Dinge zu berichten“, sagt Ralph Raabe zum Stand der Planungen. Man wolle die Spielpause in den ersten beiden Monaten des Jahres nutzen, um sich konzeptionell neu aufzustellen. „Einfach mal gut durchlüften“, nennt das Ralph Raabe. Die Köpfe, aber auch die Räumlichkeiten.

Zum Jahresbeginn werden die neuen Eigentümer jene kleineren baulichen Maßnahmen durchführen, die für einen weiteren Betrieb notwendig sind. Mittelfristig plane man den Weinkirchen-Bau, der die Millionenschulden verursachte, zum Abschluss zu bringen. Mehrere Bauteile seien im Rohzustand, auch Klima- und Entlüftungstechnik noch nicht optimal.

„Wir möchten die Weinkirche in die großartige Event-Location verwandeln, die sie sein kann“, sagt Jürgen Weide. Und betont, dass für die „Lolita Bar“ auf dem Gelände ein bestehender Mietvertrag übernommen wurde. Sich also dort nichts ändert und vor allem nicht – auch nicht vorübergehend – geschlossen wird.

Nachtgeschichte(n)

Die Ausstellung „30 Jahre Kasseler Nachtkultur“ zeigt Flyer, Fotos, Kunst und Fundstücke aus drei Dekaden in Weinkirche, Wiese und Lolitas Ballsaal.

Eine echte Zeitreise in die Anfänge, als Ralph Raabe fünf Jahre nach der Eröffnung der Lolita Bar (1993 mit Bob Wachholder) den „Arbeitskreis Rhythmussuchender Menschen“ im Keller darunter zusammenführte. Natürlich darf auch die Episode „Hotel Reiss“ nicht fehlen (2002/2003) – oder, um die Einladung der Veranstaltung zu zitieren: „Wir haben uns ein Hotel geschnappt und vor die Wand gefahren. Herrgott, wir haben sogar das verdammte Freibad Wilhelmshöhe vor dem sicheren Untergang gerettet! Dabei haben wir gefeiert, getanzt, gelacht und auch hier und da mal ein bisschen geweint. Wir waren im siebten Himmel und auf den Barrikaden. Wir haben den Bass gejagt und unermüdlich nach der Farbe in den Ritzen des grauen Alltags gegraben. Wir haben Luftschlösser gebaut und Baukosten gesprengt. Wir haben fast immer das Richtige gewollt und trotzdem tausend Fehler gemacht.“

30 Jahre Kasseler Nachtkultur, zu sehen in der Weinkirche, Wiese und Lolitas Ballsaal. Öffnungszeiten: Mittwochs und Freitags: 17 bis 22 Uhr, Samstags: 15 bis 22 Uhr.