Interviews: Freud und Leid in Wohngemeinschaften

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Anna (24), Studentin für Grundschullehramt und Victoria (23), CTA-Auszubildende

Wie schwer war es für euch eine geeignete Wohngemeinschaft zu finden? Habt ihr irgendwelche Tipps?

Victoria: Verlasst euch auf euer Gefühl! Die WG mit Anna ist meine erste WG und damals habe ich die Entscheidung auch aus dem Bauch heraus getroffen und bis heute nicht bereut.

Anna: Die WG mit Victoria ist nicht meine erste WG – ich habe davor schon zwei Jahre in einer 3er und ein Jahr in einer 2er WG gewohnt. Meine erste WG war leider eine reine Zwecks-WG, in der zweiten WG hat das Zusammenleben und -wohnen auch sehr gut funktioniert. Ich denke, es ist schwierig, die „wahre“ WG zu finden. Vieles entwickelt sich eben erst in der Zeit des Zusammenlebens. Mit der Zeit merkt man dann auch, wie gut es passen und wie schnell eine Freundschaft entstehen kann oder ob diese Form des Zusammenlebens überhaupt geeignet für einen ist.

Was sind die drei größten Fehler die man in einer Wohngemeinschaft vermeiden sollte?

Anna: Ganz klar: man sollte erstens nicht erwarten, dass irgendjemand Lust hat, einem Etwas hinterher zu räumen! Auch sollte man nicht davon ausgehen, dass der oder die Mitbewohner/in genauso sauber oder ordnungsliebend sind wie man selbst. Es ist also eher hinderlich für das Zusammenleben, seine persönlichen Sauberkeits-Standards auf die andere Person zu projizieren. Klappt nur in den wenigsten Fällen! Der dritte Fehler, den man vermeiden sollte, ist meiner Meinung nach, störende Sachen nicht anzusprechen. Ein offener Umgang ist wichtig für das Zusammenleben, auch wenn man im ersten Moment dafür seine Komfortzone verlassen muss.

Welche Art Mitbewohner findest du am nervigsten?

Anna: Ich finde diese „Mache ich nicht heute, mache ich dann morgen vielleicht“-Menschen ganz kompliziert, wenn es um das Zusammenleben geht. Anstrengend kann es meiner Meinung nach auch werden, wenn der oder die Mitbewohner/in einen komplett anderen Tagesrhythmus hat als man selbst, nicht alleine für sich sorgen kann und auch in der WG nichts auf die Reihe bekommt.

Was ist das Verrückteste was euch je passiert ist in einer Wohngemeinschaft?

Victoria: Uns ist wirklich schon viel Witziges passiert. Am Verrücktesten finde ich allerdings den Kontrast, den ich jede Woche aufs Neue erlebe: Von Montag bis Freitag herrscht hier ein sehr geordnetes Leben und am Wochenende kann es dann schon mal aus dem Ruder laufen. Aber Anna und ich sind uns beide einig, dass die wirklich lustigen Dinge, die in dieser WG passiert sind, diese besser auch nicht verlassen sollten.

Anna: Das ist für mich die schwierigste Frage – mit Victoria habe ich schon so viele lustige und skurrile Momente in unserer gemeinsamen Wohnung erlebt! Es vergeht eigentlich kein Tag an dem wir nichts zu lachen oder bequatschen haben. Wenn ich jetzt schon dran denke, kommen mir die Tränen! Die harmlosesten Dinge wären zum Beispiel einmal unser Nachbar, der plötzlich mit einer riesigen roten Zange in unserer Küche stand bis hin zum Entdecken vieler persönlicher Gemeinsamkeiten. Es ist wirklich alles dabei!

Was würdet ihr Menschen raten die zum ersten Mal in eine Wohngemeinschaft ziehen? Was sind eure Tipps?

Victoria und Anna: Lass dich auf das Abenteuer und Kompromisse (mit dir selbst) ein und genieße die wohl sorgenfreiste Zeit nach Hotel Mama.

 

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Karim (22), Umweltingenieur-Student und Nils (22), Bauingenieur-Student

Wie kam es zu eurer WG und wie lange lebt ihr schon zusammen?

Karim: Nils und ich kennen uns schon Ewigkeiten. Irgendwann haben wir uns darüber unterhalten, dass uns der Schleif von zu Hause bis zur Uni nervt und wir viel mehr Lust hätten mit Anfang 20 unabhängiger von unseren Eltern zu leben. Obwohl wir das nie weiter konkretisiert haben, kam er irgendwann auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte bei seinem Chef zur Untermiete mit ihm einziehen würde, da dieser auf Europareise geht. Das hat sich also als perfekte Chance ergeben und als unser Vermieter dann wiederkam und uns angeboten hat die Wohnung zu übernehmen haben wir sofort „ja“ gesagt und leben jetzt seit 1 ½ Jahren zusammen an der Weserspitze.

Gibt es einen festen Putzplan?

Nils: Das haben wir mal probiert, hat uns aber nicht gefallen. Wir haben beide eine gute Grundordnung, das reicht.

Was denkt ihr sind die Vorteile an einer Wohngemeinschaft?

Karim und Nils: Es ist total entspannt, man kann machen was man will und es sind die ganze Zeit Freunde um einen herum.

Was war eure beste WG-Party und warum?

Karim: Durch die Übernahme der Wohnung hatten wir eine Zeit lang sehr viel Sperrmüll hier rumstehen. Als Lösung haben wir uns eine Feier überlegt, wo jeder was auf dem Weg zum Club an die Straße stellt. Weil man unter Alkoholeinfluss bekanntlich auf gute Ideen kommt, haben wir den Sperrmüll, der hauptsächlich aus unserem alten Wohnzimmer bestand auf einer Verkehrsinsel aufgebaut. Nach dem Feiern mit den besten Freunden, im alten Wohnzimmer, auf einer Verkehrsinsel zu sitzen und den Sonnenaufgang beim finalen Absacker zu beobachten, werde ich niemals vergessen.

 

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Seray (23), studiert visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule

Warum hast du dich für eine Wohngemeinschaft entschieden?

Seray: Ich wollte als ich von Zuhause ausgezogen bin nicht alleine leben, hätte ich langweilig gefunden.

Was magst du am gemeinschaftlichen Wohnen?

Seray: Gemeinsam kochen, die Gespräche am Küchentisch, abends auf dem Balkon mit einem Glas Wein sitzen, sich gegenseitig helfen und einfach das ganze zusammenleben.

In wie vielen WGs hast du schon gelebt? Und wie viele Mitbewohner hattest du da?

Seray: Das ist meine erste WG. Wir sind zu viert in unserer Wohnung, haben durch diverse Auslandsaufenthalte und Praktika aber häufig eine neue Konstellation. Ist manchmal chaotisch, aber auf jeden Fall nie langweilig.

Was war deine schlimmste Erfahrung in einer Wohngemeinschaft? Warum?

Seray: Die neue Waschmaschine in den dritten Stock zu tragen 😀
Nein Spaß beiseite, ich kann mich nicht beklagen, das einzige was mal nervt, ist, wenn man losmuss und noch schnell duschen will und dann das Bad besetzt ist.

Was sind die wichtigsten Regeln in eurer WG?

Seray: Nicht das Essen von den anderen wegessen!

Wie kam es zu eurer WG und wie lange lebt ihr schon zusammen?

Seray: Die WG besteht seit drei Jahren, ich bin vor einem Jahr eingezogen. Die anderen beiden kamen nach und nach durch Wechsel dazu und einer war schon da.

Gibt es einen festen Putzplan?

Seray: Theoretisch ja, praktisch versuchen wir einfach, wenn gerade alle Zuhause sind gemeinsam sauber zu machen und stellen eine Musikbox in den Flur und jeder kümmert sich um einen Raum oder hat eine bestimmte Aufgabe, dann sind wir schneller fertig und zusammen macht es mehr Spaß.

Was denkst du sind die Vorteile an einer Wohngemeinschaft?

Seray: Man ist nie alleine und kommt mit neuen Leuten in Kontakt, in WGs können ja auch gute Freundschaften entstehen. Außerdem teilt man sich die Hausarbeit.

Was war deine beste WG Party und warum?

Seray: Ich habe, als ich neu eingezogen bin, ein paar Freunde zum vortrinken eingeladen, weil wir feiern gehen wollten. Am Anfang waren wir nur zu sechst und haben uns gewundert wo der Rest bleibt, als wir dann angerufen haben, war jeder von denen noch mit anderen Leuten unterwegs. Ich habe mir nichts dabei gedacht und zu jedem gesagt „Egal bring einfach mit.“ Das Ende vom Lied war dann, dass ca. 40 Leute, von denen ich die Hälfte nicht kannte in unserer Wohnung standen und gefeiert und getrunken haben. War ein sehr lustiger Abend!

Was war deine beste Erfahrung in einer Wohngemeinschaft?

Seray: Freunde zu finden. Unsere WG ist ziemlich familiär, jeder hilft jedem und kümmert sich, man lebt nicht aneinander vorbei, sondern miteinander, das finde ich sehr schön.

 

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Jana (23), macht eine Ausbildung zur Notfallsanitäterin und Helena (23), Industriekauffrau

Warum hast du dich für eine Wohngemeinschaft entschieden?

Alleine ist doof. Man kann zusammen was unternehmen, z.B. Kochen, Spieleabend, Feierabend- und Wochenendbierchen trinken.

Was magst du am gemeinschaftlichen Wohnen?

Kommst nach Hause und es ist jemand da.

In wie vielen WGs hast du schon gelebt? Und wie viele Mitbewohner hattest du da?

Eine andere, 3 Mitbewohner.

Was war deine schlimmste Erfahrung in einer Wohngemeinschaft?

Jana: Durchgangszimmer, Nervige Mitbewohner, keine Ruhe
Helena: WG-Auflösung und der damit verbundene Stress und Aufwand

Was sind die wichtigsten Regeln in eurer WG?

Ordnung und Sauberkeit, Kommunikation/Absprachen, Rücksicht, Vertrauen/Verlässlichkeit

Wie kam es zu eurer WG und wie lange lebt ihr schon zusammen?

Wurde Zeit auszuziehen, gute Gelegenheit genutzt. Wir sind gleichzeitig ausgezogen von Zuhause und haben zuerst ein Jahr in einer 4er WG gewohnt und jetzt seit einem Monat zu zweit.

Gibt es einen festen Putzplan?

Bis jetzt noch nicht. Bei zwei Leuten ist es relativ überschaubar und wir denken, dass wir das auch ohne regeln können.

Was denkst du sind die Vorteile an einer Wohngemeinschaft?

Günstiger, nicht alleine, Stärken von zwei Leuten nutzen, jeder bringt sich irgendwie ein.

Was war deine beste WG Party und warum?

Alle WG Partys sind cool, ob die eigene oder bei anderen Leuten.

Was war deine beste Erfahrung in einer Wohngemeinschaft?

Wir waren auf einer Party bei Freunden und ein paar haben bei uns übernachtet. Als wir aufgestanden sind, hat man in jedem Raum Leute gefunden. Dann kamen noch mehr vorbei, die woanders geschlafen hatten und haben Frühstück mitgebracht. Auf einmal war die ganze Bude voll mit Leuten. Das war ein richtiger WG Moment.

 

Wir haben Kasseler Wohnungsbaugesellschaften gefragt:

„Ist die ‚Wohngemeinschaft’ ein Teil Ihres Vermietungskonzeptes?“

Foto: Ulrich Schepp

Christian Wedler, Geschäftsführer der GWH Bauprojekte GmbH

„Wir haben keine klassischen Studenten WGs in unserem Kasseler Portfolio, diese ergeben sich möglicherweise aus dem ‚tatsächlichem Tun’ der Studenten. Jedoch bieten wir z. B. 3 WGs für an Demenz erkrankte Personen an, um diesen einen Verbleib im gewohnten Quartier zu ermöglichen bzw. eine Alternative zum Pflegeheim zu finden.“

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Peter Ley, Geschäftsführer der GWG – Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Kassel mbH

„Das Thema Wohngemeinschaft ist ein fester Bestandteil unseres Vermietungskonzeptes. Deshalb vermieten wir größere WG-geeignete Wohnungen gern auch an Studenten. Routinemäßig prüfen wir bei entsprechenden Anfragen und frei werdenden Wohnungen in Uninähe, ob sie sich für eine studentische Wohngemeinschaft eignen könnten. Im Rahmen der Modernisierung wird im Bedarfsfall der Grundriss angepasst, um Durchgangszimmer als Gemeinschaftsraum umzufunktionieren oder zugunsten der Gemeinschaftsküche zu vergrößern. Es werden hochwertige Materialien verarbeitet und Naturprodukte beispielsweise für den Bodenbelag eingesetzt (Linoleum oder Holz). Vorteilhaft für den Wohnkomfort einer Wohngemeinschaft ist auch, dass die Zimmertüren akustisch aufgerüstet werden.“

 

Britta Marquardt, Vorstand der Vereinigte Wohnstätten 1889 eG.

Foto: Christian Schauderna

„Wohnen in Gemeinschaften ist ein Kernthema unserer Genossenschaft. Unsere Wohnungen werden zwar überwiegend von Familien oder allein lebenden Menschen nachgefragt. Konzeptionell bieten wir aber auch Wohngemeinschaften für Studierende an, hier haben wir eine Kooperation mit dem Studentenwerk Kassel. Weiter haben wir Häuser für Gemeinschaftliches Wohnen umgebaut bzw. neu gebaut. Dieses Konzept werden wir auch in der Zukunft weiter verfolgen.“

 

HIER GEHT ES ZUM TITELTHEMA ZUSAMMEN IST MAN WENIGER ALLEIN.