BRAUSER trifft die Roofer urban.nasa & flave_de

Muss das sein? Roofing ist ein Hobby, das nicht viele Menschen nachvollziehen können. Und vor allem: das man nicht nachmachen sollte! Dass es dennoch reizvoll ist, zumindest etwas mehr über die Umstände und die Motive der Kletterer zu erfahren, spürte der BRAUSER am eigenen Leib. Wir trafen uns mit den beiden nordhessischen Roofern „urban.nasa“ (28 Jahre) und „flave_de“ (25 Jahre), und wissen nun mehr. Lest selbst!

Foto: Privat

Seit wann kennt Ihr Euch?

urban.nasa: Wir sind uns so vor etwa einem Jahr das erste Mal begegnet. Auf dem Stoffhaus-Dach. Aber dann war da eine längere Pause. Und seit einiger Zeit treffen wir uns öfter.

 

Wie kam es zu Eurer ersten Begegnung?

flave_de: Das war eigentlich Zufall.

urban.nasa: Ja, ein befreundeter Fotograf, Matze Ottlik, der hat uns quasi zusammengebracht.

 

Wie kommt man dazu, auf Dächer, Schornsteine und Masten zu klettern?

flave_de: Ich habe zuerst mit Lost Places angefangen. Genau genommen 2007 mit Geocaching. Und dann hab ich eh schon immer geklettert, zunächst eben in der Halle. Naja, und dann ist die Kombination nicht mehr so weit (schmunzelt).

urban.nasa: Anfang 2013 hab ich mir die erste Kamera gekauft. Zu der Zeit waren diese Fotowalks total hip. Das hab ich dann mit einem Kumpel ausprobiert, aber das war mir zu langweilig – 50 Fotografen und zwei Models. Das war nix. Damals wurde die Grimmwelt gerade auf dem Weinberg gebaut und da stand so ein riesiger Kran. Und dann wollten wir da hoch und von da oben ein Foto machen. Damit fing’s an. Das war drei Uhr nachts. Weiß ich noch genau. Und jede Blaulicht-Sirene, die ich hörte, von der dachte ich: Das ist jetzt für mich. Die kommen zu mir.

Welche Rolle spielt der Nervenkitzel?

urban.nasa: Genau genommen ist es bei mir so eine Art „Material-Schiss“. Ich denke immer: „Wer weiß, ob das Zeug mich hält?“

flave_de: Was einerseits Quatsch ist, bei einem Kran, der am Ausleger normalerweise Tonnengewichte trägt. Aber bei einem rostigen Tritt an einem uralten Schornstein ist es eben gar nicht so ohne.

urban.nasa: Und so ein Windmast ist eben auch eher aus dünnerem Rohr. Und das macht dann schon was mit Dir.

flave_de: Aber wichtiger als Nervenkitzel ist eher die Aussicht, das Chillige. Unten läuft das übliche Leben. Und ich sitze hier oben und blicke herab auf den Alltag. In gewisser Weise also eher entspannend.

 

Wo wollt ihr unbedingt noch drauf?

urban.nasa: Also in Kassel gibt es noch so die eine oder andere Kirche (lacht). Zum Beispiel Martins- oder Lutherkirche. Das wäre noch ein Ziel. Vielleicht auch mal das Sprungbrett auf dem Hotel Reiss.

 

Macht Roofing süchtig?

urban.nasa: Wir schauen immer, egal wo wir sind, ob es nicht irgendwo was Neues gibt. Aber süchtig ist da das falsche Wort.

flave_de: Ich war schon auf so vielen Locations, dass ich nicht mehr zähle. Insgesamt bin ich in acht Ländern geklettert. Aber weil es Spaß macht. Nicht aus Sucht.

Auf diesem Bild zu sehen: Redaktions-Mitglied Jens Thumser in der Mitte. Waghalsig traute er sich hoch hinaus, um die beiden Jungs zu treffen.

Was reizt mehr: die Höhe oder die Polizei?

urban.nasa: Die Höhe. Wir hoffen ja immer, dass die Polizei nicht kommt (grinst).

flave_de: Genau genommen sogar eher der Weg nach oben. Diese Häuser sind wie riesige Labyrinthe. Der Blick von oben ist der Gewinn. Denn gerade die Hochhäuser im Frankfurter Bankenviertel oder in den chinesischen Metropolen, die sind irre hoch, der Weg ist lang. Vor allem runter dann!

 

Wie oft geht Ihr irgendwo hoch und findet doch keinen Ausgang aufs Dach?

urban.nasa: Das passiert immer wieder. Das gehört auch dazu.

flave_de: Ich bin bestimmt das x-fache an Treppenhäusern schon hochgelaufen, und dann enttäuscht wieder runter. Es ist halt try and error. Wichtig ist: Wir machen nichts kaputt, um uns den Weg nach oben zu ermöglichen. Wenn zu, dann zu.

 

Tauscht Ihr Euch mit anderen Roofern aus, gerade international, wo und wie man irgendwo hoch kommt?

flave_de: Mal so, mal so. Auf das Colosseum in Rom bin ich ganz allein hoch, ohne Tipps der Locals. Muss man eben gut auschecken vorher: Wo sind Zäune, wo sind die Kameras, und so weiter. Aber klar, Austausch findet statt. Manchmal verabreden wir uns auch, um gemeinsam vor Ort neue Ziele zu erreichen.

„BRAUSER trifft“ auf den Dächern von Kassel. Foto: Thumser

 

Wie schützt Ihr Euch?

flave_de: Wovor? Vor Wem? Wir klettern grundsätzlich ungesichert und nur da und dort, wo wir es uns zutrauen können.

urban.nasa: Letztlich klettern wir – in der Regel – ja auch nur da hoch, wo es für andere auch so gedacht ist. Siehe beim Kran. Das ist ja nichts anderes, als eine Leiter hoch gehen. Oder ein Treppenhaus hochgehen. Dran hängen oder rumbaumeln – das machen wir nicht!

flave_de: Um nicht entdeckt zu werden, muss man eben bestimmte Tageszeiten nutzen und auch schnell sein. Denn in letzter Zeit wird häufiger gepetzt und alarmiert. Früher wurde es eher toleriert. Heute glotzen so viele gelangweilte und selbst ernannte Sheriffs aus ihren Fenstern und melden uns dann.

 

Wie schützt Ihr Nachahmer?

urban.nasa: Es fängt mal damit an, dass wir Anfragen von Minderjährigen nicht beantworten. Und ich nehme auch keine Freunde und Bekannte mit.

flave_de: Und ganz allgemein auch keine Adressen von Spots oder Zugänge irgendwo preisgeben. Und ganz abgesehen davon gilt auch hier der eigene gesunde Menschenverstand. Wer das machen will, macht es. Dazu braucht er uns nicht. Aber wir werden es niemandem schmackhaft machen.

 

Gibt es einen Roofer-Codex?

flave_de: Sicher. Zum Beispiel: nichts beschädigen, nichts mitnehmen. Und sich nicht gegenseitig verpfeifen.

urban.nasa: Ja. Aber gerade Letzteres ist manchmal leider schon vorgekommen.

 

Gibt es für Euch eine Grenze bei Roofing?

flave_de: Nein, zumindest nicht, was die Höhe angeht. Für alles andere gilt der Codex.

 

Was bedeutet für Euch Lebensgefahr?

urban.nasa: So viel, wie für jeden anderen auch.

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Was ist Eure größte Schwäche?

flave_de: Also ich kann nicht tanzen (lacht)

urban.nasa: Ich bin unglaublich schlecht darin mir Geburtstage zu merken.

 

Kompensiert Ihr mit Eurem Roofing etwas?

flave_de: Ich versuche meinen natürlichen Freiheitsdrang zu kompensieren.

urban.nasa: Manchmal ist unsere Gesellschaft wirklich so von sich selbst gelangweilt, dass ich mir eben ein eher anregendes Hobby gesucht habe. Es geht ja auch darum, „raus“ zu kommen. Auch mal gegen Konventionen zu agieren.

 

Was war die schlimmste Roofing-Erfahrung?

Beide: Die Verhaftung in Lissabon im Sommer! Absolut! Die waren in weniger als drei Minuten bei uns an der Brücke. Da waren wir noch nicht mal auf dem Weg hoch!

 

Wie erging es Euch in Gewahrsam der Lissaboner Polizei?

urban.nasa: Erster Tipp: Frag sie nie, warum sie kein Englisch sprechen!

flave_de: Denn dann kriegt man eine geklatscht! Das kann ich Dir sagen! Da ging es alles andere als freundlich zu. Die waren voll sauer.

 

Welche Bedeutung haben die sozialen Postings für Euch?

flave_de: Manchmal ist der Spot toll, aber die Fotos sind nicht so prickelnd. Und dann ist es auch ok. Aber dann wird’s eben auch nicht gepostet.

urban.nasa: Das Dach, auf dem wir hier das Interview führen, ist für mich zum Beispiel neu. Darum mach ich jetzt hier heute sicher noch ein paar Fotos und vielleicht auch ’ne Story.

flave_de: Der Nachteil vom Hochladen ist: Dann ist der Spot für ’ne Weile tot. Weil er dann bekannt ist und nachgeklettert wird und dann ist die Luft schon irgendwie raus.

 

Wenn Ihr von Eurer Zukunft eine Auskunft bekommen könntet: Welche Frage würdet Ihr ihr stellen?

urban.nasa: „Das Datum, an dem ich sterbe“. Denn dann könnte ich bis dahin noch ordentlich aufdrehen!

flave_de: „Warum habe ich gewisse Dinge nicht gemacht?“ Man bereut viel zu häufig Dinge, die man in der Vergangenheit nicht getan hat. Geht raus und macht es einfach!

 

Wissen Eure Familien von Eurem illegalen Hobby?

urban.nasa: Meine Familie weiß das und findet es auch richtig scheiße. Meine Freundin weiß es natürlich auch.

flave_de: Mein Vater weiß Bescheid. Er unterstützt mich mental und sagt auch immer: „Pass auf Dich auf!“.

 

In welcher Location trifft man Euch regelmäßig an?

Beide: Im kleinen Onkel und im ARM!

 

Was macht für Euch Kassel so liebenswert? Euer Lieblingsplatz in Kassel?

flave_de: Meine Freundin! Denn ich wollte mal hier weg, aber jetzt hält sie mich hier (schmunzelt).

urban.nasa: Nun, ich komme ja nicht direkt aus Kassel, aber es ist allgemein sehr nett hier in Nordhessen (lacht).

 

Und was nervt Euch hier besonders?

Beide: Manchmal ist einfach zu wenig los. Aber wir sind hier ja auch nicht angekettet. Dann fahren wir eben mal woanders hin. Zum Beispiel nach Lissabon (lachen).

 

Angenommen, Ihr hättet die nächsten drei Tage spontan frei, was würdet Ihr als erstes machen?

flave_de: Mindestens nach Berlin fahren! Vielleicht auch weiter weg?

urban.nasa: Mir einen nagelneuen Spot suchen und hochklettern!

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Südsee oder Sylt? Strand oder Berge?

Beide: Eher Städte! Eher Action!

 

Was sollte das Internet über Euch vergessen?

urban.nasa: Es gibt irgendwo einen Mitschnitt, wo ich als Kind zum Lied der Gummibärenbande gesungen habe. Das ist nicht sehr vorzeigenswert.

 

Serien oder Sport? (im TV)

Beide: Auf jeden Fall Netflix und Serien!

 

Hund oder Katze?

Beide: Keine Haustiere! Keine Zeit! Ist auch zu Mainstream!

urban.nasa: Ich wollte mal einen Waschbären als Haustier. Aber der Aufwand ist zu hoch.

 

Kuscheln oder knutschen?

Beide: Kuscheln!

 

Wann habt Ihr das letzte Mal geweint? Warum?

flave_de: Vor etwa neun Jahren. Da haben sich meine Eltern getrennt.

 

Welche Eigenschaft hattet Ihr als Kind, die Ihr heute noch habt?

flave_de: Ich war schon immer neugierig.

urban.nasa: Und ich bin mega-pünktlich. Ich hasse zu spät kommen.

 

Was wollt Ihr im Leben unbedingt noch machen?

Beide: In den Weltraum. Allein diese Schwerelosigkeit, das muss irre sein!

 

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Königsplatz, Kassel 🚁

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Welche Rituale/Ticks habt Ihr?

urban.nasa: Ich bin mega autistisch: Bei mir muss alles, was rumliegt, „gerade“ rumliegen. Sonst werd’ ich irre.

flave_de: Ich zähle sehr häufig die Treppen beim Hochlaufen mit (schmunzelt).

 

Malt uns euer Lieblingstier 🙂

Waschbär / Blume

Das Lieblingstier von urban.nasa: Ein Waschbär.

flave_de versteht unter Lieblingstier das hier: Eine Blume.

 

Was machst Du jetzt als Nächstes nach unserem Treffen?

Beide: Wir gehen auf ein Dach in der Nähe!