Urban Gardening, Selbsterntefelder und Gemeinschaftsgärten

In unserer Mai-Ausgabe beschäftigen wir uns ausgiebig mit dem Thema Selbstversorgen und Selbstanbau. Wir haben mit mehreren Kasselern gesprochen, die sich intensiv mit dieser Thematik beschäftigen und große Freude darin empfinden, die Selbstversorgung in ihren Alltag zu integrieren. 

David Plewnia, Mitglied im Verein Essbare Stadt e.V.

Der BRAUSER sprach mit David Plewnia, der sich im Verein Essbare Stadt e.V. engagiert. Der Verein setzt sich seit 2009 in Kassel mit verschiedenen Projekten mit dem Thema „Urban Gardening“ auseinander. Dazu gehören die Gründung und Pflege von Gemeinschaftsgärten, Teilhabemöglichkeiten beim biologischen Gemüseanbau in der Stadt, das Pflanzen von Nuss- und Obstgehölzen, die Pflege alter Obstbaumbestände und vieles mehr.

 

BRAUSER: An welchen Projekten bist du beteiligt?

David: Ich bin vor allem an Stadtfruchtgenuss beteiligt. Diese „Sparte“ von Essbare Stadt pflanzt in der ganzen Stadt Obstbäume und Beerensträucher. Begonnen hat das Ganze als Geschenk des Vereins an die Bürger und Bürgerinnen der Stadt Kassel zum 1100. Stadtgeburtstag – 1100 Obstbäume sollen gepflanzt werden. Wir pflanzen, pflegen und schneiden dazu junge Bäume in Parks, an Schulen und Kindergärten – oft in Kooperation mit sogenannten Baumpaten aus dem Stadtteil, die die Bäume über Jahre begleiten und so selbst zu Stadtteilgärtnern werden (und oft jede Menge lernen können), oder mit Schulklassen o.ä., um auch den Jüngeren die Bedeutung guter Lebensmittel nahezulegen. Ein paar Jahre später können sie dann eigene Äpfel ernten und sie beispielsweise zum gemeinsamen Saftpressen im Forstfeldgarten mitbringen.

 

BRAUSER: Welchen Stellenwert hat für dich Selbstversorgung? Wie setzt du die Selbstversorgung in Projekten um?

David: Selbstversorgung ist ein schwieriges Wort. Es suggeriert ein entweder/oder. Entweder du kaufst bei Aldi oder du bestellst dein eigenes Feld. Aber so ist es ja nicht. Gerade in der Stadt kann und sollte Selbstversorgung im kleinen Stil stattfinden. Die Minze auf der Fensterbank, der Honig aus der Region oder eben die gemeinsame Ernte im Stadtteilgarten – selbst muss nicht „alleine“ heißen oder wie im postapokalyptischen Hollywoodstreifen daher kommen. Selbstversorgung kann auch bedeuten, dass eine Region sich selbst versorgt, eine Gruppe, eine Stadt. Wenn Kassel sich selbst versorgen würde, oder Nordhessen, dann wäre für den Mensch und die Umwelt viel erreicht.

 

BRAUSER: Wie sieht Urban Gardening, auch in Zukunft, in Kassel aus?

David: Ich wirke gerne an den kleinen Projekten mit, die in der Stadt ein wenig zur Versorgung mit guten Lebensmitteln beitragen. Allerdings ist Urban Gardening für mich immer auch ein politisches Thema: Unsere Städte müssen dringend gesünder und lebensnaher werden. Das Fehlen von Gärten und eigenen Ernten ist ein Aspekt davon. Urban Gardening bringt dabei Nachbarschaften zusammen, integriert mit seiner offenen Mitmachidee alle und gibt uns ein Stück Unmittelbarkeit zurück, die moderne städtische Lebensstile oft nicht mehr bieten können. Ich freue mich also einerseits über jedes Zusammentreffen im Projekt oder im Stadtteilgarten. Gleichzeitig wünsche ich mir aber für die Zukunft, dass insgesamt mehr Ansätze Gehör finden, die die städtische Lebenswelt wieder kreativer, gesünder und lebenswerter machen. Urban Gardening ist – wie gesagt – nur einer davon.

 

Sara Degli Angeli, baut intensiv Gemüse und Obst in ihrem Garten an.

Außerdem sprachen wir mit Sara Degli Angeli, die zusammen mit ihrem Mann in ihrem eigenen Garten Obst und Gemüse anbaut.

 

BRAUSER: Wie hast du deine Leidenschaft fürs Gärtnern entdeckt?

Sara: Ich bin auf dem Land groß geworden und habe immer meinen Omas im Garten geholfen, Blumen zu pflegen, Salat zu pflücken oder Erbsen zu ernten war für mich ganz normal! Ich denke, es ist einfach in meinem Blut! Und obwohl ich mein Studium in Literatur und Fremdsprache abgeschlossen habe, hat meine Leidenschaft für die Natur mich geführt doch eine Gärtnerin zu werden! Ich habe meine Ausbildung in Zierpflanzenbau letztes Jahr abgeschlossen und seitdem arbeite ich in einer Verkaufsbaumschule.

 

BRAUSER: Was begeistert dich am Gärtnern?

Sara: Der Garten ist lebendig und verändert sich ständig, Farben und Düfte mischen sich und ich freue mich, das zu bewundern. Ich freue mich Bienen zu beobachten und sie zu fördern. Es ist beruhigend und zufriedenstellend.

 

BRAUSER: Wie  viel Zeit investierst du in deinen Garten?

Sara: Unser Garten liegt circa 50 Meter von unserer Wohnung entfernt. Obwohl wir den ganzen Tag arbeiten, gehen wir dort fast jeden Tag ein paar Stunden hin. Am Wochenende verbringen wir da dann den ganzen Tag!

 

BRAUSER: Was baust du an Obst und Gemüse an?

Sara: Als wir den Garten übernommen haben, gab es schon Apfelbäume, Zwetschgen, einen Aprikosenbaum, einen Kirschbaum, einen Quittebaum und Beerenobststräucher. Die pflegen wir weiter und wir haben mehrere nach dazu gepflanzt. Was Gemüse angeht, haben wir ein Spargelbeet, das war auch schon da. Wir werden Tomaten, Kartoffeln, Kürbisse, Zucchini, Zwiebeln, Erbsen, Zuckermais und Gurken anbauen. Vorgezogen habe ich die meistens schon, rauspflanzen werde ich sie nach den Eisheiligen im Mai.

 

BRAUSER: Welche Tipps hast du für Menschen, die ihren eigenen Garten zum Anbauen von Obst und Gemüse nutzen wollen?

Sara: Man braucht Geduld und Motivation! Und wenn etwas mal nicht klappt, kann man sich immer bei einer Gärtnerei informieren und Erfahrungen sammeln!

 

Wir sprachen mit den beiden Frauen Ayse und Nazmiye, die sich im Forstfeldgarten engagieren und dort leidenschaftlich gärtnern.

Ayse C.

Ayse ist 29 Jahre alt, kommt aus der Türkei und ist seit 12 Jahren in Deutschland. Sie ist verheiratet, hat vier Kinder und in Deutschland in einem Integrationskurs die deutsche Sprache gelernt. Sie wünscht sich eine Schulbildung oder Ausbildung in Deutschland, konnte aber nie eine machen, da sie sehr früh verheiratet wurde. Deshalb legt sie einen großen Wert auf die Schulbildung ihrer Kinder

Nazmiye G.

Nazmiye ist 28 Jahre alt, kommt auch aus der Türkei und ist seitdem in Forstfeld. Auch bei ihr war der Grund für die Auswanderung eine Familienzusammenführung. Sie hat 2 Kinder, arbeitet in Teilzeit und hat auch einen Integrationskurs besucht.

 

BRAUSER: Seit wann seid ihr im Forstfeldgarten aktiv? Wie seid ihr darauf gekommen, an diesem Projekt teilzuhaben?

Ayse & Nazmiye: Wir sind seit 2014 im Forstfeldgarten aktiv. Wir nehmen seit Jahren die Angebote von BENGI e.V. in Stadtteil-Forstfeld wahr. BENGI e.V. bot im Familiennetzwerk mit piano e.V. und der Mach-Was-Stiftung (vom Jugendamt der Stadt Kassel) das Projekt „In der Stadt gesund leben“ an und in dem Projekt war auch Gärtnern im Forstfeldgarten zusätzlich enthalten. So fingen wir an, ohne große Begeisterung. Herr Siegwolf und Frau Elevli mussten uns überzeugen.

 

BRAUSER: Was bereitet euch am meisten Freude an diesem Projekt?

Ayse & Nazmiye: Wir sind zwei Freundinnen, die gerne mit den Kindern was unternehmen und viel Spazieren gehen. Und was anderes konnten wir nicht machen…. Der Garten hat wirklich unser Leben verändert. Wir freuen uns immer auf den Frühling. Weg vom Alltag, weg aus den vier Wänden, weg von den Ehemännern, und das mit Begründung. Im Garten arbeiten heißt Stress abbauen und die Kinder können frei rumlaufen und spielen und in den Bäumen klettern. Andere Gärtner kommen vorbei, man trinkt zusammen spontan Tee und kocht mit Zutaten aus dem Garten. Wir können die Deutsche Sprache sprechen, weil wir im Alltag die Möglichkeit nicht haben. Wir lernen von den anderen Gärtnern sehr viel. Herr Karsten Winnemuth zum Beispiel kann uns sagen, welche Pflanzen sich nicht ertragen, welche wir nicht nebeneinander pflanzen dürfen. Wir tauschen und teilen untereinander die Pflanzen…Das hatten wir vorher nicht. Wir waren gefangen auf unseren Balkonen.

 

BRAUSER: Welchen Stellenwert hat für euch das Gärtnern?

Ayse & Nazmiye: Gärtnern gehört inzwischen bei uns zum Leben. Wir können uns nicht vorstellen, dass man uns die Parzelle irgendwie wegnimmt. Der Garten ist ein Teil von uns geworden, wo wir ab Frühling viel Zeit verbringen und auch für unsere Gesundheit viel tun. Wir können für den Winter Gemüse einfrieren oder einmachen. Unsere Pflanzen sind künstlich nicht gedüngt, wir dürfen es auch nicht. Wir wissen, dass sie 100 % gesund sind und vorher die Gemüse und Pflanzen kommen. Und die Pflanzen wachsen zu sehen und täglich im Garten was machen zu dürfen, ist ein Teil unseres Leben geworden. Wir sind so dankbar, dass uns diese Möglichkeit gegeben wurde…

 

BRAUSER: Was würdest du Menschen raten, die das Projekt unterstützen oder selbst daran teilhaben wollen?

Ayse & Nazmiye: Sie sollen bei Essbare Stadt Mitglied werden und auch mit uns, also mit dem Forstfeldgarten Kontakt aufnehmen und nachfragen, ob es in Kassel in ihren Stadtteilen diese Möglichkeit gibt. Sie können auch bei uns gerne vorbei kommen und gucken, wie so ein Garten funktioniert oder spontan kommen sie im Garten vorbei und trinken mit uns Tee. Letztes Jahr haben wir mit Spendengeldern Brunnen bauen können, jetzt haben wir im Garten auch was. Toll, was die Menschen für uns so alles machen. Das Projekt können Menschen gern mit Spenden unterstützen, und das muss nicht immer Geld sein. Auch Material kann gespendet werden. Unsere Hütten hatten wir zum Beispiel von der documenta 13 gespendet bekommen. Alle sind herzlich willkommen!

 

 

Thomas Mauer vom Verein Gemüseselbsternte „Wiener Acker“

Des Weiteren sprachen wir mit Thomas Mauer vom Verein Gemüseselbsternte Wiener Acker über das Angebot der Selbsternteparzellen in der Wiener Straße.

 

BRAUSER: An wen richtet sich das Angebot der Selbsterntefelder?

Thomas Mauer: Eigentlich an alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt, von Jung bis Alt. Das geht von Großeltern mit Enkeln über Studenten bis hin zu Angestellten an der Uni. Vor allen Dingen richtet sich das Angebot aber an die Bewohner der Nordstadt. Selbsterntefelder sind eher lokal verankert, sodass man sie fußläufig oder mit dem Fahrrad ganz einfach erreichen kann.

 

BRAUSER: Was ist das Prinzip der Selbsternte?

Thomas Mauer: Auf einer vorbereiteten Ackerlandfläche werden 20-30 Gemüsekulturen gepflanzt und ausgesät. Gegen einen Beitrag, der die Vorbereitung und alles weitere trägt, bekommt man einen Streifen von diesen Kulturen überlassen. Auf dieser Parzelle kann man jäten, gießen und ernten. Im Herbst wird die Parzelle wieder übergeben und die Bodenbearbeitung dann mit dem Traktor gemacht.

 

BRAUSER: Wie viel Zeit sollte man in eine Parzelle investieren?

Thomas Mauer: Das richtet sich nach der eigenen gärtnerischen Erfahrung. Wenn man immer zum richtigen Zeitpunkt da ist, also das Unkraut richtig bearbeitet, dann kommt man am Ende mit weniger Zeit hin. Am Anfang benötigt man dann circa eineinhalb Stunden die Woche, später eine Stunde pro Woche. Aber nicht nur die Pflege, sondern auch das Verarbeiten des Gemüses kostet Zeit. Das unterschätzen viele Menschen. Die geernteten Möhren müssen beispielsweise noch gewaschen, geschnitten und zubereitet werden. Um die Ernte haltbar zu machen, also zum Beispiel einlegen oder einkochen, benötigt man viel Zeit. Einige nutzen ihre üppige Ernte, um sie an Freunde oder Nachbarn zu verschenken.

 

BRAUSER: Für wie viele Personen reicht eine Parzelle?

Thomas Mauer: Das ist ganz unterschiedlich. Eine Parzelle mit 20qm ist für ein bis zwei Personen gut, es kann aber sein, dass jemand der viel ernten möchte, 40qm benötigt. Es kommt darauf an, inwieweit man sich davon ernähren möchte, ansonsten reichen 40qm für drei bis vier Personen. Für eine große WG oder für zwei Familien gibt es Parzellen mit 80 qm.

 

BRAUSER: Gibt es noch weitere Selbsterntefelder in Kassel?

Thomas Mauer: Es gibt sie in der ganzen Stadt. In Waldau laufen die Parzellen über den Saisongarten. Es gibt auch eine Fläche in Frankenhausen bei der Hessischen Staatsdomäne der Uni Kassel. Die Ansprechpartnerin ist Katharina Mittelstraß. In Harleshausen gibt es eine Fläche, die von Ulrike Kulbarsch koordiniert wird. Die jüngste Fläche befindet sich am Rennsteig in Süsterfeld. Außerhalb Kassels gibt es ein Selbsterntefeld von der Kommune Kaufungen.

 

BRAUSER: Inwiefern ist die Uni Kassel an der Selbsternte Wiener Straße beteiligt?

Thomas Mauer: Bis im letzten Jahr wurde die Selbsternte von der Uni Kassel organisiert. Sie war ein studentisches Projekt, welches 2006 ins Leben gerufen wurde. Bis dahin gab es keine Selbsternte in Kassel, nur in Frankenhausen vor den Toren Kassels. Studierende des Fachbereichs Freiraumplanung haben sich daraufhin bemüht, innerhalb der Stadt geeignete Flächen zu finden. Damals war das Gebiet an der Wiener Straße eine Brache und sie haben begonnen, auf der Fläche zu säen. Jetzt ist ein Verein gegründet worden, der sich um das Rechtliche und Organisatorische kümmert und die Fläche anlegt.

 

BRAUSER: Gibt es noch freie Selbsterntefelder im Mai?

Thomas Mauer: Anfang Mai ist eigentlich die Übergabe der Parzellen, die Anmeldung findet im Februar und März statt. Zudem gibt es eine Veranstaltung, bei der Pächter sich einbringen können, also zum Beispiel Wünsche zu Gemüsesorten oder zu der Anbauplanung. Es kann sein, dass noch vereinzelt noch ein paar Parzellen übrig sind, aber wenn das Wetter besser wird, kommen oft noch viele Anmeldungen rein. Ob also noch Parzellen frei sind, ist Glückssache.

 

BRAUSER: Wird es noch weitere Selbsterntefelder geben?

Thomas Mauer: Es gab immer wieder Neugründungen im Laufe der Jahre. Die jüngste Fläche befindet sich momentan in Süsterfeld.

 

BRAUSER: In welche Richtung entwickelt sich die Selbstversorgung, besonders im Bezug auf Kassel? Welche Möglichkeiten gibt es?

Thomas Mauer: Es gibt ganz unterschiedliche Formen der Selbstversorgung. Der klassische Kleingarten ist zum Beispiel sehr häufig in Kassel zu finden. Eine weitere Möglichkeit sind Grabeländer. Ein Stück Acker wird dabei zur Verfügung gestellt, welches man dann selbst bebauen kann. Das Angebot geht gerade aber eher zurück, da diese Form der Selbstversorgung immer mehr in Vergessenheit gerät. Nachfrage wäre aber sicherlich da. Dann gibt es natürlich noch die Gemüseselbsternte oder der eigene Hausgarten. Beim eigenen Garten gibt es aber oft Konflikte in Sachen der Nutzung, da viel Fläche für den Anbau wegfällt. Es gibt auch die Möglichkeit der CSA (Community Supported Agriculture), zu deutsch solidarische Landwirtschaft. Landwirtschaftliche Betriebe in und um Kassel bauen für Privatpersonen an. In dem man einen festen Betrag zahlt, erhält man einen kleinen Anteil an der Ernte, die der Bauer in die Stadt liefert. Das funktioniert sehr gut für tierische Produkte oder Getreide. Anbieter sind zum Beispiel die Wurzelwerke in Escherode oder das Gemüsekollektiv Rote Rübe. Es gibt auch Abokisten, auch wenn das streng genommen nicht mehr zur Selbstversorgung zählt. Es ist aber eine regionale Versorgung mit ökologischen Lebensmitteln.

 

HIER geht es zu: Mach dich auf’n Acker: Selbstversorgung liegt im Trend

 

HIER geht es zu : Selbstversorgung auf dem Balkon