Anders schön: Body Modification

Wer schön sein will, muss leiden. Genau das gilt auch für zahlreiche Menschen, die sich für eine Body Modification entscheiden – Schmerz inklusive. Ob gespaltene Zungen, Silikon-implantate unter der Haut, eingepflanzte Magnete oder sogenannte Dermal Anchors, für Gestaltungsfreudige bietet sich eine breite Palette an Möglichkeiten, ihr Aussehen zu verändern. Der BRAUSER hat sich in der Kasseler Szene umgehört und zwei junge Menschen mit modifizierten Körpern zu ihrer Körperkunst befragt.

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Der Begriff Body Modification umfasst streng genommen jegliche Art von nicht medizinischem oder medizinischem Eingriff, der das Aussehen mehr oder weniger permanent verändert. Dazu gehören nicht nur Schönheitsoperationen, auch besondere Implantate oder Vernarbungen der Haut sind mittlerweile weit verbreitet. Während Leute, die sich für Schönheits-OPs entscheiden, sich bewusst für die Erfüllung gesellschaftlicher Schönheitsideale entschließen, zielen die anderen darauf ab, ihre Körper nach ihren Wünschen zu gestalten. Piercings oder Tattoos reichen den meisten nicht mehr, sie sind schon lange gesellschaftliche Norm und weit verbreitet. Viele von ihnen greifen lieber zu extremeren Mitteln.

KÖRPERKUNST

Wieso möchten Menschen ihren Körper auf solche Weise verändern? Diese Frage stellt sich vielen Menschen, die teilweise auch mit Ungläubigkeit die Kunstwerke am Körper betrachten. Einer Mehrheit der Leute geht es schlicht und einfach um Ästhetik, sie fühlen sich dadurch schön. Einige lassen sich also die Nase richten, andere schneiden Kunstwerke in ihre Haut. Auch Provokation spielt eine kleine Rolle, für andere ist die Veränderung ein spiritueller Vorgang und wiederum andere erfahren eine sexuelle Bereicherung. Nachhaltig erfahren viele von ihnen eine Stärkung des Selbstbewusstseins und steigern die Zufriedenheit mit ihrem Körper.

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KULTURREICH

Body Modifications sind kein Phänomen der westlichen Welt. Tatsächlich reichen diverse Eingriffe bis in die frühesten Kapitel der Menschheit zurück. Auch heutzutage noch gibt es zahlreiche Völker, die Körpermodifikationen aus bestimmten kulturellen Gründen durchführen. Die Mursi erstaunen die ganze Welt mit ihren Tellerlippen, die von der Pubertät an langsam immer größer werden. Bei ihnen gilt: je größer der Teller, desto schöner auch die Frau. Die Frauen töpfern ihre Teller selbst, ihre vorderen Schneidezähne werden herausgebrochen, um mehr Platz dafür zu schaffen. Die Karen im Norden Thailands mit ihren Giraffenhälsen sind eine touristische Attraktion geworden. Mehr Ringe bedeuten für die Mädchen einen besseren Ehemann – so besagt es zumindest die Tradition. Bekannt sind auch die Krokodilmänner in Papua Neuguinea, die ein Mannbarkeitsritual durchlaufen, in dem ihnen Schnitte an Rücken und Brust zugefügt werden, die dann vernarbt an Krokodilhaut erinnern. Das Ritual ist sehr schmerzhaft, aber nötig um als vollwertiges Mitglied zu gelten.

ZAHLREICHE MÖGLICHKEITEN

Der Schmerz ist für manche Menschen eine beruhigende euphorisierende Erfahrung. Aber natürlich gehen nicht alle diesen Schritt, nur weil sie auf Schmerzen stehen. Die Möglichkeiten sind heute schier unerschöpflich. Ob Brandmale auf der Haut oder absichtliche zugefügte Narben, kleine Haken, an die man Schmuck schrauben kann, gespaltene Zungen, Piercings an allen erdenklichen Stellen, Silikonimplantate wie Kugeln oder Sterne unter der Haut – kreativ austoben kann sich so jeder. Eine ganz extreme Art ist die Body Suspension, das Aufhängen einer Person an durch die Haut gepiercte Haken. Natürlich birgt die Körperkunst auch  einige Risiken. Nicht nur ist vieles nicht mehr rückgängig zu machen, auch drohen Infektionen. Gerade deswegen ist es sehr wichtig, sich gründlich über seriöse Anbieter zu informieren. Da jede Art von Body Modification ein ernstzunehmender Eingriff in einen sonst gesunden Körper ist, sollte man sich gut überlegen, ob man wirklich bereit dazu ist, das Risiko einzugehen. So eine Entscheidung erfordert viel Zeit und eine umfassende Recherche über mögliche Folgen, Komplikationen oder  permanente Beeinträchtigungen.

 

Wir sprachen mit Jenny und Jerome aus Kassel über ihre Body Modifications

 

Jenny, Piercerin bei Up-Art Piercing-Studio

Wieso hast du dich dafür entschieden, ein Implantat im Unterarm einsetzen zu lassen?

Als gelernte Krankenschwester (Chirurgie) bin ich interessiert an Wunden. Das Arbeiten als Piercerin brachte mich dann auf den Pfad der Bodymodification, eine tolle Kombination aus beidem. Um die Wundheilung und den Prozess zu beurteilen, sollte man auch selber mal was aus-probieren.

Passiert es, dass andere Menschen das Implantat berühren wollen? 

Natürlich ekeln sich viele Menschen davor, weil das etwas anderes ist. Im Moment trage ich langärmelige Oberteile, deswegen sieht man das Implantat nicht. Es dauert auch ungefähr zwei bis drei Monate, bis das Implantat festwächst und man es vollständig sieht. Es kommt aber auch auf das Körpergewicht und die Stelle des Implantats an.

Möchtest du noch mehr Body Modifications vornehmen?

Für mich kommt evtl. noch ein Earpointing (Elfenohren) infrage.

Gibt es für dich eine Grenze bei Body Modifications?

Amputationen (Nase, Finger, Bauchnabel usw.) und Eyeballtattoos sind nichts für mich. Dennoch sollte das jeder machen, wie er möchte, und dann evtl.  mit den Konsequenzen leben.

Du arbeitest bei Up-Art. Plant ihr, Body Modifications dieser Art anzubieten?

Wir sind dabei, uns fortzubilden, um damit dann unsere Palette zu erweitern. Wir werden sehen, wo die Reise hingeht.

Wirst du oft um Rat gefragt, wenn es um Body Modifications geht?

Wenn wir Bilder von Body Modifications auf Instagram mit Verlinkungen hochladen, dann fragen nicht so viele Leute nach. Es kommen eher Nachfragen, wenn jemand kommt, der das anbietet. Dann werden wir gefragt, wann er kommt, was er anbietet, wie es sich anfühlt und so  weiter. In Kassel ist der Trend Body Modification aber noch nicht so wirklich  angekommen.

 

Jerome, Tätowierer bei Hardcore Ink

Wieso hast du dich dafür entschieden, deine Zunge spalten zu lassen?

Ich hab mich schon ewig dafür interessiert. Die Entscheidung fiel eigentlich über Nacht, nachdem ich mit einem befreundeten Bodymodder was trinken war.

Was schätzt du an deiner gespaltenen Zunge am meisten?

Ich schätze hauptsächlich die Beweglichkeit, obwohl ich jetzt schon nicht mehr wirklich weiß, wie es sich davor angefühlt hat.

Hat sich dein Geschmacksempfinden nach der Zungenspaltung
geändert?

Bis zu anderthalb Monate nach der Spaltung habe ich in der Zungenspitze nichts gespürt, schmecken konnte ich aber nach vier Tagen schon  wieder. Intensiver oder anders ist der Geschmack bei mir nicht, aber wenn  man mehrere Tage nichts wirklich gegessen hat, dann ist der Geschmack am Anfang erst mal stärker.

Wie begegnen dir Menschen, die deine Zungenspaltung wahrnehmen?

Eigentlich fällt die gespaltene Zunge den meisten nicht wirklich auf. Bemerkbar ist sie zum Beispiel, wenn ich lache, aber ansonsten ist sie eher unauffällig. Die meisten Leute erschrecken natürlich, außer sie interessieren sich dafür. Dann stellen sie mir auch Fragen dazu, wie ich es habe machen lassen und so weiter.

Gibt es für dich eine Grenze bei Body Modifications?

Für mich persönlich hört es bei Amputationen auf. Aber es soll sich jeder wegschneiden lassen, was er will.

Möchtest du noch mehr Body Modifications vornehmen?

Ich werde mir demnächst eventuell noch eine Narbe ins Gesicht schneiden lassen, sonst steht erst mal nichts an.

 

 

 

Der BRAUSER sprach außerdem mit Prof. Dr. med. Ernst Magnus Noah (Chefarzt der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Handchirurgie am Roten Kreuz Krankenhaus Kassel)

Sind Body Modifications gesundheitlich  bedenklich? Wo sind die Grenzen?

Ja, sicher sind Zungenspaltungen hoch bedenklich, auch Einspritzungen in Scleren (Augenweiß) und Bindehaut. Aber auch weniger abgedrehte Dinge wie Anker, Tunnel und Scaring können zu großen Problemen führen.

Kann man Body Modifications rückgängig machen?  Wenn ja, welche und inwieweit?

Bedingt ja. Tunnel können zugenäht werden, Anker und Piercing entfernt, Tattoos manchmal gelasert – es bleiben aber immer Narben und Kosten. Wichtig ist, dass nach §52 der Patient bei Komplikationen von der Krankenkasse an den Behandlungskosten beteiligt werden kann. Das kann erheblich sein und zur Verarmung führen!

Haben Sie selbst schon mal Body Modifications rückgängig gemacht?

Oh ja, Tunnel, Anker, Piercing, aber noch keine Extreme!

 

Vom 20. bis 22. Februar 2018 besucht der BodyMod-Artist Dino Helvida das Hardcore Ink Kassel und bietet euch Body Modifications an. Termine gibt es direkt bei ihm oder im Hardcore Ink Shop.

Instagram-Account Tipps:

Der Erfinder des Eyeball-Tattoos präsentiert auf seiner Instagramseite diverseste Body-Mods und natürlich auch alle mögliche Eyeballtattos. Für Leute, die sich gerne inspirieren lassen wollen.

Dieser BodyMod-Künstler hat eine bestimmte Art der Scarification auf schwarzem Grund entwickelt und erstellt so kleine und große Kunstwerke auf der Haut. Natürlich kann man auch alle anderen Modifications bewundern.

 

 

 

 

Buchtipps:

Body-Modification:
Psychologische und medizinische Aspekte von Piercing, Tattoo, Selbstverletzung und anderen Körperveränderungen 
Der Autor beschreibt packend traditionelle und moderne Varianten von Körpermodifikationen. Menschen mit Körpermodifizierungen berichten über ihre Beweggründe und werden von Kasten aus psychologischer Sicht beleuchtet.  Gesundheitliche Konsequenzen werden ebenso diskutiert wie rechtliche Aspekte. Zahlreiche Fotos
untermalen seinen wissenschaftlichen Text.
Erich Kasten • Ernst Reinhardt Verlag
393 Seiten • 29,90 Euro

Bodymodification:
Körpermodifikationen im  Wandel der Zeit
Mit der Geschichte des Körperschmucks, mit Tattoos, Piercings, Brandings, Cuttings, Implantaten beschäftigt sich die Autorin in ihrem Buch. Es geht um die Anfänge, als Menschen Verzierungen an ihren Körpern vornahmen, der beinahe Verlust während der Christianisierung und das Zurückschwappen in
die westliche Welt vor mehr als 200 Jahren.
Alana Abendroth • U-Line UG Verlag
144 Seiten • 14,95 Euro

Fürs Leben gezeichnet – Body Modification und Körperdiskurse
In seinem Essay gibt der Leipziger Journalist sowohl wissenschaftliche als auch persönliche Einblicke in das Thema Body Modifications. Unter anderem werden Gründe für  lebenslange Zeichnungen des Körpers angesprochen und befasst sich auch eingehend mit der Körpergeschichte. Allerdings bezieht sich
das Buch mehr auf Tattoos.
Tobias Prüwer • Parodos Verlag
80 Seiten • 10,50 Euro