Was ist eigentlich Transidentität?

Viele Menschen fühlen sich nicht wohl mit ihrem zugeordneten Geschlecht – sie sind transident. Was dahinter steckt, ist für die meisten eher nicht greifbar, da die Dunkelziffer immer noch sehr hoch ist und viele aus Scheu und Angst damit nicht an die Öffentlichkeit gehen. Der BRAUSER hat sich informiert und nachgefragt, was genau Transidentität bedeutet.

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Transsexualität – ein Begriff, der all diejenigen beschreibt, die sich mit ihrem bei der Geburt aufgrund von biologischen Merkmalen zugeordneten Geschlecht nicht identifizieren können. Streng genommen ist Transsexualität also eine Geschlechtsidentitätsstörung, auch wenn diese Bezeichnung sehr irreführend ist. Transmänner und -frauen haben nämlich überhaupt gar kein Problem mit ihrer Sexualität, sie können hetero-, bi- oder homosexuell sein. Vielmehr geht es um eine ihnen falsch zugeordnete Identität, deren Erwartungen sie nicht erfüllen können und wollen. Aus diesem Grund wird zunehmend von einer Transidentität gesprochen.

VON KINDHEIT AN

Auch wenn die Ursachen immer noch unbekannt und auch weitestgehend unerforscht sind, kann ziemlich sicher davon ausgegangen werden, dass Menschen bereits von Geburt an transident sind. Meist ist dieser Umstand schon im Kindesalter spürbar, transidente Kinder zeigen oft geschlechtsuntypische Rollen und Verhaltensweisen. Allerdings heißt dieses Verhalten auch nicht zwingend, dass das Kind transident ist. Häufig steigen die Probleme in der Pubertät, in der Jugendliche mit höheren gesellschaftlichen Erwartungen und sich ausbildenden Geschlechtsmerkmalen konfrontiert werden, die sie gewissermaßen in ein Geschlecht „zwingen“. Hypothesen zu Ursachen gibt es viele, darunter Veränderungen in der Hirnstruktur oder die Beeinflussung von gegengeschlechtlichen Hormonen im Mutterleib. Klar ist jedoch, dass die Transidentität schon lange bekannt ist und erstmals im Jahre 1923 vom Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld als „Transsexualität“ bezeichnet wurde.

EIN LANGER WEG

Von der ersten persönlichen Selbsteinschätzung, dass man transident ist, bis hin zur Geschlechtsangleichung ist es meist ein langer Weg. Oftmals von Psychologen begleitet erstreckt sich der Selbstfindungsprozess über mehrere Jahre und beinhaltet auch einen Alltagstest, während dem sich zeigt, ob die empfundene Identität auch im Alltag umsetzbar ist. Da jegliche medizinische Maßnahmen häufig unumkehrbar sind, ist eine gründliche Selbstreflexion zwar lästig, aber auch wirklich nötig. Nach und nach werden dann schrittweise verschiedene Behandlungen eingeführt. Auch juristisch lassen sich der Vorname und das Geschlecht in allen Papieren mithilfe von zwei unabhängigen Gutachten ändern.

VERSCHIEDENE LEBENSWEISEN

Für welche medizinischen Maßnahmen sich Transidente schließlich entscheiden, ist von Mensch zu Mensch komplett unterschiedlich. Mit einer Hormontherapie lässt sich die Pubertät unterdrücken und nach einiger Zeit mit Geschlechtshormonen die Entwicklung hin zum anderen Geschlecht einleiten. Bei Transmännern geschieht eine Vermännlichung durch Bartwuchs, der Stimmbruch und Muskelaufbau wird eingeleitet. Bei Transfrauen wird eine Fettumverteilung und Brustwachstum erzielt, einzig bei der Stimme und beim Bartwuchs helfen nur Training und Epilation. Zusätzlich gibt es natürlich auch operative Möglichkeiten, allerdings entscheiden sich viele dagegen. Immerhin bezieht sich die Unzufriedenheit nicht auf körperliche Aspekte, sondern auf die Identität. Wie intensiv die Angleichung sein soll, entscheidet deswegen jeder Transidente für sich.

DISKRIMINIERUNG

Auch wenn Transidente heutzutage von vielen Menschen akzeptiert oder zumindest geduldet werden, stoßen sie immer noch auf viel Unverständnis und Ablehnung. Gewalt und Ausgrenzung sind für viele leider keine Seltenheit. Zudem ist Transsexualität im ICD 10 (Internationale Klassifizierung von Krankheiten) der WHO (Weltgesundheitsorganisation) noch als Krankheit aufgeführt. Selbstverständlich sind Transidente nicht krank und sollten auch nicht als solche behandelt werden, allerdings hat diese Klassifizierung den entscheidenden Vorteil, dass die Krankenkasse die Kosten für eine Geschlechtsangleichung weitestgehend übernimmt. Übrigens: oft wird Transidentität mit Transvestismus in einen Topf geworfen, obwohl das zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Beim Crossdressing, wie Transvestismus heutzutage häufig genannt wird, wechselt der Mensch nur äußerlich sein Geschlecht, in der Regel besteht nicht der Wunsch nach einer dauer-haften Geschlechtsangleichung mit Hormonen oder OPs. Ein häufiger Irrtum ist auch die Annahme, dass dies ausschließlich
sexuell motiviert ist.

 

Dirk Wichmann, 34, aus Kassel
Beruf: Sozialpädagoge /Sozialarbeiter BA
(Bachelor) bei pro familia

DREI FRAGEN AN DIRK WICHMANN:

Was bedeutet Transident eigentlich?

Bei Menschen, die sich als transident empfinden, passt die eigene Geschlechtsidentität, also die eigene tief empfundene innere Geschlechtszugehörigkeit, nicht zu den anatomischen Gegebenheiten, also dem biologischen Geschlecht. Das merken Menschen durchaus schon sehr früh. Vielen ist bereits im Kindergartenalter bewusst, dass das körperliche Geschlecht nicht zu ihrem empfundenen Geschlecht gehört. Transident zu sein, ist somit keine Frage der Wahl, sondern eine weitere Facette menschlicher Identität. Als Beispiel: stellen Sie sich vor, Sie sind eine Frau, doch ihr gesamtes Umfeld spricht Sie permanent als Mann an – wie würde sich das anfühlen?

Mit welchen Anliegen kommen transidente Menschen in der Regel zu Ihnen?

Im Allgemeinen kommen in unsere Beratungsstelle eher junge Menschen, die sich als transident empfinden. Dabei kommen sie gemeinsam mit ihren Eltern, aber auch alleine. Viele Jugendliche kennen uns aus der sexualpädagogischen Schulklassenarbeit. Wenn sie einen Termin bei pro familia machen, geht es ihnen in erster Linie darum, zu reden und in einem vertraulichen Rahmen über ihre Lebenssituation ins Gespräch zu kommen. In der Beratung machen die Jugendlichen oft erstmals die Erfahrung, in ihrem Empfinden ernst genommen und sich angenommen zu fühlen. Im zweiten Schritt geht es dann oft um konkrete Anfragen nach Kontakten und Adressen zu Fachleuten, die sich medizinisch und psychologisch mit dem Thema Transidentität auskennen, aber auch nach Adressen von Selbsthilfegruppen oder Jugendgruppen – also der Anbindung an eine Community. Des Weiteren wenden sich transidente Erwachsene auch im Rahmen der Einzel- und Paarberatung an pro familia. Hier geht es wie immer um individuelle Fragestellungen und mögliche Auswirkungen auf die Partnerschaft.

Was würden Sie Menschen raten, die vermuten, dass sie selbst transident sind?

Menschen beschäftigen sich zeitlebens mehr oder weniger bewusst mit dem Thema Identität. Je nach Alter und Lebensumständen kann es unterschiedlich leicht oder schwierig sein, sich anderen Menschen mitzuteilen. Ich würde alle Menschen bestärken, Mut zu fassen und mit Freunden, Lehrer*innen und Eltern ins Gespräch über das Thema Identität zu kommen. Es ist normal, anders zu sein! In der Gesellschaft tut sich in den letzten Jahren eine Menge: Auch wenn Transidentität immer noch für Verunsicherung sorgt, ist es einfacher geworden, an Informationen und mit Menschen in Kontakt zu kommen, die ähnlich empfinden. Das Internet bringt viele Möglichkeiten der Vernetzung mit sich, es lohnt sich, zu recherchieren und somit über sich und sein Empfinden mehr heraus zu bekommen und sich einer Community anzuschließen. Für ein vertrauliches Gespräch sind wir in der Beratungsstelle pro familia jederzeit ansprechbar.

 

Ludwig Haffke, Facharzt für Psychiatrie und
psychotherapeutische Medizin, seit ca. 25 Jahren
in eigener Praxis in Kassel niedergelassen, u.a.
mit Schwerpunkt Transgender/Transsexualität.
Nach dem Studium in Marburg als Arzt tätig in
Heidelberg, Bad Zwesten und Bad Emstal.

VIER FRAGEN AN LUDWIG HAFFKE:

Haben Sie schon mal eine Person behandelt, die transident ist?

Ich habe im Rahmen meiner Praxis für Psychiatrie und Psychotherapie bisher etwa 150 bis 200 transidente Personen entweder im Rahmen der Begutachtung zur Vornamens- und Personenstandsänderung nach dem TSG (Transsexuellengesetz) oder im Rahmen einer laufenden Psychotherapie bei mir kennengelernt und begleitet.

Wie läuft die Begleitung ab?

Wenn ein Mensch entdeckt, dass er/sie transident empfindet, also nicht mit der Geschlechtsidentität seines/ihres Geburtsgeschlechtes übereinstimmt, nennen wir dies Transsexualität/Transidentität/Geschlechtsdysphorie. Er/sie muss zunächst einen inneren Prozess der Selbstakzeptanz durchlaufen, auf die Frage „was ist mit mir los?” eine Antwort finden. Dazu ist oft das Internet – wenn es nicht Vorwissen aus der Schule gibt – hilfreich, um sich schlau zu machen und überhaupt einen Begriff für das zu finden, was er/sie empfindet. Der Weg zur Selbstakzeptanz ist dann unterschiedlich schwierig, oft mit inneren Konflikten behaftet. Ganz besonders nach dem inneren Suchprozess ist dann im Coming-Out-Prozess und der Auseinandersetzung mit der sozialen Umgebung (Familie, Freundes- und Bekanntenkreis, Arbeitsstelle/Schule/Universität) mit weiteren Schwierigkeiten zu rechnen, wobei es in manchen Fällen so gut wie keine Probleme gibt, manchmal extreme. Es geht also um zweierlei, die innere Stimmigkeit (Selbstakzeptanz) und die Lebbarkeit (in der sozialen Umgebung) zu überprüfen. Wenn dies beides gelingt, sind körperliche Maßnahmen möglich, also gegengeschlechtliche Hormontherapie und geschlechtsangleichende Operationen, die von der Krankenkasse übernommen werden, wenn der/die betreffende Person im Rahmen einer Psychotherapie von in der Regel mindestens 12 Monaten und dem gleichzeitigen Alltagsleben im empfundenen (also nicht dem biologischen) Geschlecht sich von der inneren Stimmigkeit und der Lebbarkeit zusammen mit dem Therapeuten überzeugen konnte.Der Therapeut begleitet neutral und ergebnisoffen und unterstützt das Finden einer individuellen Lösung.

Gibt es eine Erklärung für das Entstehen einer Transidentität?

Eine Erklärung für TS gibt es nicht, wahrscheinlich ist ein Zusammenwirken im weitesten Sinne genetischer und sehr früher Umweltfaktoren (schon im Mutterleib oder frühester Entwicklung). Wie so oft, ist von einer Variation der Natur auszugehen, die Welt ist einfach bunter als wir oft denken. Außerdem sind unsere kulturellen Prägungen mitzudenken, dass wir überhaupt binär (weiblich/männlich) denken und keine Begriffe für etwas dazwischen haben. „Das Geschlecht als Konstrukt“…, hier gäbe es noch viel zu sagen in philosphischer, anthropologischer und soziologischer Dimension.

Was würden Sie Menschen raten, die selbst vermuten, dass sie transident sind?

Was tun, wenn ich so bin? Schlaumachen so weit es geht, Beratungsstellen oder Psychotherapeuten aufsuchen, und last but not least Kontakt zu anderen Transgendern per Internet oder Selbsthilfegruppe (über KISS Kassel) suchen. Und vor allem: Du bist nicht verkehrt!

Fünf Fragen an Lucy Hofmeister, die als Junge geboren wurde und heute als Frau lebt und mit einer Selbsthilfegruppe anderen Transgendern hilft.

 

Büchertipps:

 

„Als ich Amanda wurde“
von Meredith Russo – Nach ihrer geschlechtsangleichenden OP  will Amanda ein neues Leben beginnen und verliebt sich. Sie möchte ihm von ihrem früheren Leben erzählen – doch das ist schwieriger als gedacht.

 

 

 

„Fe-Male – Hinein in den
richtigen Körper“
von Hannah Winkler – Die Auto-
biografie einer Transfrau, die ein-
fühlsam von ihrem Lebensweg
und ihren Schicksalsschlägen be-
richtet.

 

 

 

 

„Frei wie verkrüppelte Tauben“
von Alexandra Dichter – Der junge Tick möchte einfach nur alles Schlechte hinter sich lassen. Als sein bester Freund sich als transident outet, fällt es ihm zunächst schwer, dies zu akzeptieren.

 

 

 

Filmtipps:

Transamerica – Ein Komödie über eine Transfrau, die vor ihrer geschlechtsangleichenden OP zu ihrem unehelichen Sohn nach New York fliegt, um ihn aus dem Gefängnis zu holen und nach LA zu bringen, wo er im Pornogeschäft Karriere machen will.

 

 

 

Tomboy – Ein zehn-jähriges Mädchen gibt sich nach ihrem Umzug heimlich ohne Wissen ihrer Eltern vor ihren Freunden als Junge aus und verliebt sich in ein Mädchen.

 

 

 

 

Boy Meets Girl – Eine junge Transfrau verliebt sich in die schöne Francesca, was ihren besten Freund Robby eifersüchtig macht.

 

 

 

 

The Danish Girl – Ein Landschaftsmaler und Illustrator erkennt als Modell für Gemälde seine weibliche Seite und entschließt sich im Jahre 1930/31 zu einer geschlechtsangleichenden OP. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte.