Im falschen Körper geboren: Fünf Fragen an Lucy

Lucy ist 27 Jahre alt und kam  als Junge auf die Welt. Schon seit ihrer Kindheit wollte Lucy als Mädchen leben. Heute lebt sie als Frau und hilft anderen Transgendern in einer Selbsthilfegruppe. 

 

Wann hast du gemerkt, dass du transident bist?

Lucy Hofmeister, 27,
zur Zeit arbeitslos, macht nächstes Jahr
ihr Abi nach und wohnt in Baunatal

Hierzu muss ich sagen, dass ich mich nie anders gefühlt habe. Ich war schon immer eine Frau, doch als Kind ist es schwer sich das erklären zu können, da dieses Thema nicht gerade in der Schule besprochen wird. So richtig gemerkt, was mit mir los war, habe ich natürlich erst, als ich von Transidentität gehört habe und mich schlau gemacht habe. Mir wurde auf einmal klar, dass ich nicht alleine bin, doch der Weg zum Ziel war alles andere als leicht. Das innerliche Gefühl mich nicht als Junge/Mann identifizieren zu können, fing schon in meiner Kindheit an. Natürlich war mir schmerzlich bewusst, dass ich ein Junge war, aber in meiner Kindheit dachte ich nicht so sehr darüber nach. Doch eines weiß ich mit Sicherheit: der Wunsch oder auch das Bedürfnis als Mädchen zu leben existierte schon in meiner Kindheit.

Wie hast du dich während dieses Prozesses gefühlt?

Nach meiner Erkenntnis, dass ich eigentlich eine Frau bin, habe ich sehr viel im Internet recherchiert. Ich habe mir Blogs und Erfahrungsberichte durchgelesen und fand auch heraus, was die ersten Schritte sind, wenn man transident/transgender ist. Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Weg gehen will oder nicht, doch am Ende habe ich die ersten Schritte in ein besseres Leben unternommen. Ich war ca. 22 Jahre alt, als ich zum ersten Mal durch einen Freund erfahren habe, was Transidentität ist und in meinem 26. Lebensjahr bin ich mit diesem Problem erstmalig zum Therapeuten gegangen. Der Gang zum Therapeuten ist unerlässlich und ist einer der ersten Schritte als Transgender, da man als Transgender einen Alltagstest machen muss, der ein Jahr geht, um auszuschließen, dass während dieses Jahres Zweifel aufkommen. Im Alltagstest lebt man in seinem gefühlten Geschlecht und outet sich nach und nach seinen Mitmenschen. Man lebt so in seiner gesamten Freizeit und an der Arbeit, doch während dieses Alltagstests bekommt man noch keine Hormone. Nach diesem einen Jahr bekam ich dann von meinem Therapeuten die Indikation für die Hormone. Am 24.12.16 war es dann so weit und das Rezept für die Östrogene war im Briefkasten. Ich freute mich nun umso mehr und nicht nur weil Heiligabend war. Ich bin direkt in die nächste Apotheke gegangen und habe mir die Östrogene geholt. Es ist eine der schönsten Erinnerungen, die ich nie vergessen werde. Ich bin von Natur aus ein sehr feinfühliger Mensch. Mit der Zeit fiel mir auf, dass meine Haut weicher wurde, die Körperfettverteilung hat angesetzt und mir wuchsen Brüste. Die Stimme verändert sich durch die Hormone nicht und der Bart muss auch durch einen Laser oder andere Methoden entfernt werden.

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert? Wie hat sich dein Leben verändert?

Das Outing ist am Anfang nie leicht und ich habe zum Glück nicht so viele Menschen verloren, wie ich befürchtet habe. Meine Mutter und mein Vater haben darauf sehr überrascht reagiert, aber haben es erst mal so akzeptiert, doch mein Bruder hat es leider nicht so gut aufgenommen, das brauchte noch ein wenig mehr Zeit. Ich stand zu der Zeit selber noch am Anfang und musste noch mehr recherchieren, um die richtigen Worte für meine Situation zu finden. Ich verstehe meinen Bruder, dass er es mit mir nicht leicht gehabt hat, deshalb bin ich auf ihn und auf meine Eltern sehr stolz, dass sie mich in so einer Lebenssituation nicht fallen gelassen haben. Die meisten meiner Freunde haben es gelassen aufgenommen und sind immer noch an meiner Seite, doch einer meiner Freunde hat nach dem Outing nach einigen Monaten den Kontakt zu mir abgebrochen.

Was sollte sich deiner Meinung nach in der Gesellschaft insbesondere bezüglich Transidentität noch ändern?

Meiner Meinung nach ist die Gesellschaft meistens schon mit ihren eigenen Problemen überfordert, sodass sie meistens keinen Wert auf andere Probleme legt. Viele reden von Toleranz und verstehen noch nicht einmal die Situation von Transgendern. Ich habe mir nicht ausgesucht als Frau zu leben, nein, ich bin als Frau geboren worden und will auch genauso behandelt werden. Ich will nicht darüber nachdenken müssen, auf welche Toilette ich gehen sollte oder welche Umkleide ich jetzt am besten nutzen sollte, so etwas sollte selbstverständlich sein, doch das ist es nicht immer. Wenn die Gesellschaft versteht, dass ich nur eine Entwicklung von Frau zu Frau durchmache und nicht so viel auf Äußerlichkeiten gibt, ist es für viele Transgender um Einiges leichter. Die richtige Aufklärung sowie neuen Situationen offen und ohne Vorurteile zu begegnen, bereichert nicht nur das Leben von Transgendern, sondern alle können davon profitieren. Der Weg zur Veränderung beginnt bei jedem selbst. Der Weg in sein wahres Ich (Geschlecht) ist schon sehr weit und schwer, deshalb finde ich es immer wieder sehr traurig, so sehr um seine Rechte kämpfen zu müssen.

Was würdest du anderen Menschen raten, die selbst vermuten, dass sie transident sind?

Wenn sie der Meinung sind, selber transident/transgender zu sein, können Sie sich Hilfe in meiner Selbsthilfegruppe suchen, die jeden 3. Sonntag um 18 Uhr stattfindet. Die Adresse ist die Wilhelmshöher Allee 32a in Kassel, bei KISS klingeln. Doch es gibt auch die Möglichkeit, sich einen Therapeuten zu suchen, der sich damit auskennt, um herauszufinden, ob man nun transident ist oder nicht. Natürlich kann man nur selber wissen, wer man ist, deshalb ist es wichtig, in sich hinein zu horchen.

 

HIER geht es zum Hauptartikel über Transidentität