BRAUSER trifft Philipp Rosendahl

Vielseitig – das ist wohl der erste Begriff, der einem für den 27-Jährigen in den Sinn kommt: Nicht nur die von ihm inszenierten Stücke überzeugen durch Kreativität. Nein, dem Mann hinter der Bühne fehlt es auch im Privatleben nicht an Kreativität. Wir trafen den Leiter des Jungen Staatstheaters und Hausregisseur an seinem Wirkungsort, dem Kasseler Staatstheater und Sprachen über Liebe, Leidenschaft und die Lassallestraße.

Fotos: Jens Thumser

 

Kaffee oder Tee?

Beides.

 

Bier, Wein oder Schnaps?

Von Schnaps bekomme ich Kopfschmerzen, also Bier oder Wein.

 

Steak oder Salat?

Salat.

 

Wo trifft man Dich am ehesten, wenn Du nicht im Staatstheater bist?

Im Bett (lacht). Und ich bin gerne im Bergpark – zum Joggen oder Spazierengehen.

 

Geboren bist Du in Düsseldorf – was brachte Dich nach Kassel?

Der Zufall (lacht). In Düsseldorf habe ich in einem Jugendclub gespielt und kam 2009 für ein Projekt nach Kassel, um hier bei der „Rocky Horror Show“ in der Salzmann Fabrik zu spielen. Mit den Leuten hab’ ich mich so gut verstanden, dass wir ein freies Theater-Kollektiv gegründet haben, um weiter zusammen Theater zu machen. Heute ist das das Studio Lev. In meinem Auslandsjahr in Las Vegas hab ich mich in eine angehende Schauspielerin verliebt und ihr versprochen: „Nach dem Abi komm ich hin, wo immer du bist.“ Sie ging dann zum Schauspielstudium nach New York – also ging ich auch! In den Semesterferien habe ich die Projekte hier in Kassel gemacht. In einer der Vorstellungen von „Spring Awakening“ kam Thomas Bockelmann, der Intendant des Staatstheaters, in der Pause zu mir und hat gefragt, ob er das Stück nicht als Gastspiel einladen könne. So spielten wir sehr erfolgreich im Schauspielhaus. Als hier dann ein Regieassistent ausfiel, kamen sie eben dadurch auf mich. So landete ich in Kassel!

 

Was macht Kassel so liebenswert?

Kassel hat eine superschöne romantische Kaputtheit (lacht). Kein offensichtlicher Kitsch, sondern man muss die schönen Ecken suchen, finden und selbst für sich definieren. Wenn ich die Lassallestraße langlaufe, dann freue ich mich einfach nur. Nicht zu vergessen, Kassel hat die schönsten Städteparks! Ich habe länger in New York gewohnt und der Central Park ist nicht so schön wie der Bergpark. Das kulturelle Angebot ist auch – im Vergleich zu ähnlich großen Städten – enorm. Was ich auch mag, ist, dass sich die Kasseler nicht in eine Schublade stecken lassen! Kassel musste sich vermutlich nach der Zerstörung auf vielen Ebenen neu definieren und jetzt leben alle auf demselben, engen Raum.

 

Und was nervt Dich hier besonders?

Mich nerven Leute, die meinen, dass sie wissen, wie’s geht. Das hat mich das letzte Jahr sehr beschäftigt. Und mich nervt, dass der Kasseler Spirit nicht über die documenta hinweg getragen wird. Die Leute müssten aufhören, so klein zu denken!

 

Wenn Du die nächsten drei Tage spontan frei hättest, was würdest Du machen?

Freunde in London besuchen. Für mich ist London die Stadt, um wegzukommen – von Deutschland und vom deutschen Denken.

 

Südsee oder Sylt?

Weder noch.

 

Dann auch weder Strand noch Berge?

Berge! Ich genieße gerne die Natur. Strand verbinde ich oft mit vielen besoffenen Touristen (lacht).

 

Ist Deine Beschäftigung am Staatstheater mehr Job oder Hobby?

Ich kann schwer sagen, dass das, was ich mache, nur mein Hobby ist. Denn bei künstlerischen Jobs erlebe ich oft, dass gedacht wird, wir machen ja das, worauf wir Bock haben und das müsse man weder finanziell noch durch Haltung honorieren. Ich aber finde ein Theater, egal welcher Größe, kommt einer wichtigen gesellschaftlichen Aufgabe nach. Daher verteidige ich den Kunstberuf immer als Job.

 

In welchen Situationen konntest Du Deine Schauspielkünste im Privatleben einsetzen?

Ich schauspielere den ganzen Tag. Wenn man zu Hause ist, hat man eine andere Rolle als hier im Team. Wo es mir vielleicht etwas gebracht hat, weil ich eine selbstbewusste Selbstverständlichkeit spielen kann, war, als ich letztens in London meinen Perso verloren hatte und einfach an jeder Behördenstelle meinen Führerschein vorgezeigt hab, mit dem ich streng genommen nicht hätte ausreisen dürfen. Erst in Deutschland wurden die Grenzbeamten stutzig und meinten, sie könnten mit dem Fall nicht umgehen, weil ich gar nicht da sein dürfte.

 

Leiter des Jungen Staatstheaters und Hausregisseur – was können wir uns genauer darunter vorstellen?

Ich bin jetzt bereits in der zweiten Spielzeit in beiden Positionen vertreten. Das Junge Theater leite ich zusammen mit dem Theaterpädagogen Thomas Hof. Unsere Aufgabe ist es, jungen Menschen das Theater näher zu bringen. Dafür gehen wir in Schulen, besprechen Stücke, haben Partnerschulen, die regelmäßig zu unseren Stücken kommen, oder spielen direkt Theater in Klassenräumen. Wichtig ist uns, dass der Spielplan für jede Altersstufe etwas zu bieten hat – was nicht heißt, dass bei „Tschick“ nicht auch Rentner sitzen dürfen. Auch betreuen wir Spiel-Clubs – Vereine in denen junge (und alte!) Leute Theater spielen können. Als Hausregisseur inszeniere ich drei Stücke pro Spielzeit – auch spartenübergreifend. Damit bin ich der, der hier am meisten Stücke rausbringt. Es ist toll, kontinuierlich mit demselben Ensemble arbeiten zu können! Meistens werden Regisseure nämlich nur für eine Produktion gebucht.

Ist es schwierig zwei so unterschiedliche Aufgabenfelder parallel zu meistern?

Es ist – auch gedanklich – ein großer Zeitaufwand, weil viele Prozesse zeitgleich ablaufen. Aber oft sind die beiden Aufgaben kaum voneinander zu trennen… Ich sehe es als einen großen Vorteil, viel im Haus zu sein – das ermöglicht eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit allen Abteilungen, die man normalerweise als Gastregisseur erst einmal kennenlernen muss. Und ich bin ja als Regisseur enorm auf alle meine Mitarbeiter angewiesen!

 

War denn anfänglich der Plan Schauspieler zu werden?

Wenn ich so zurückdenke, dann habe ich schon immer Regie geführt. Schon mit vier habe ich Papas Hobbykeller aus- und mein eigenes Theater reingebaut, da ich wusste, dass ich ins Theater will. Dachte aber, Schauspieler ist der erste und beste Weg! Mir wurde erst später bewusst, dass ich lieber den Überblick über das große Ganze habe und mich gar nicht selbst als Person auf der Bühne ausdrücken will. Aber bereut habe ich die Ausbildung trotzdem nie! Ich kann mich dadurch viel besser in die Darsteller hineinversetzen – das vereinfacht die Arbeit!

 

Gibt es denn Momente, in denen Du Dir wünschst, selbst wieder auf der Bühne zu stehen?

Nein (lacht). Ich habe vor vier Jahren bei „Nachtasyl“ hier eine kleine Rolle gespielt – das macht Spaß, aber ich weiß, dass ich mich auf der anderen Seite wohler fühle!

 

Was sollte das Internet über Dich vergessen?

Ich bin mir sehr bewusst darüber, was über mich im Internet steht und was nicht. Ich glaube, wenn man meinen Namen bei Youtube eingibt, stößt man auf ein paar Dinge, auf die ich nicht so stolz bin (lacht).

 

Welches Lied sollte bei Deiner Beerdigung gespielt werden?

Schwierig… Das wird ja bestimmt dann gemacht, falls ich morgen sterben sollte (lacht). Aber, von Ben Folds „Capable of Anything“. Das hab’ ich heute Morgen erst gehört!

 

Was ist wichtiger, Fleiß oder Talent?

Wenn man wichtiger als „was macht glücklicher“ definiert, dann Fleiß. Weil jeder für irgendetwas ein Talent hat – aber ein Talent macht nur glücklich, wenn man einen Umgang damit findet, der Freude macht. Wenn man etwas gefunden hat, wofür man fleißig sein möchte, dann hat man eine Leidenschaft entdeckt. Und wenn man eine Leidenschaft hat, in der man voll und ganz involviert ist, hat man das Wichtigste im Leben gefunden. Daher Fleiß!

 

Und was macht glücklicher? Geld oder Ruhm?

Beides nicht besonders. Beides ist sehr stressig, weil es verwaltet werden muss. Wenn man Ruhm im Sinne von Respekt sieht, dann Ruhm – weil es schön ist, Anerkennung für das zu bekommen, was man geleistet hat.

 

Wenn man Dein Leben verfilmen sollte, welcher Schauspieler sollte Dich spielen?

Neil Patrick Harris

 

Und wen würdest Du gerne einmal im Film oder auf der Bühne verkörpern?

Richard der Dritte von Shakespeare. Weil er der schönste Bösewicht ist, den die Theaterliteratur je gesehen hat!

 

Nenne uns Deine drei Lieblingsfilme.

„Catch Me If You Can“, „Victoria“ und „Dancer in the Dark“.

 

Serien oder Sport im TV?

Definitiv Netflix!

 

Und welches Serien-Genre?

Ich schaue endlich „Orange Is The New Black“ – eine großartige Serie! Also, Gesellschaftsdrama.

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Infos zu den Spielzeiten von West Side Story und Tickes findet Ihr hier:

staatstheater-kassel.de/west-side-story

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Auf welcher Bühne würdest Du gerne einmal Deine Stücke sehen?

National Theatre in London.

 

Was sind die Must-Haves eines Theaterstücks?

Für mich ist ganz wichtig, dass eine Spielfreude bei allen Beteiligten zu sehen ist. Ich erwarte im Theater eine Live-Performance! Ich möchte, dass die Schauspieler das Stück an dem Abend zum ersten Mal erleben, auch wenn sie es schon zum fünfzigsten Mal spielen. Meine Stücke haben deshalb auch variierende Spiellängen. Das zeichnet das Theater auch gegenüber dem Film aus. Zudem sollte das Bewusstsein des gemeinsamen Prozesses von Publikum und Schauspielern nie verloren gehen.

 

Hund oder Katze?

Ich hatte immer eine Katze, aber ich glaube, ich bin ein Hunde-Typ!

 

Kuscheln oder Knutschen?

Kuscheln. Ich finde Körperkontakt einfach eine schöne Kontakt- oder Kommunikationsmöglichkeit, die in unserer kalten Welt zu wenig wahrgenommen wird. Knutschen ist eine andere Intimität.

 

Gibt es eine Idee, die Du schon immer einmal umsetzen wolltest?

Ich würde liebend gerne mal in eine Großstadt ziehen, in der ich noch nie war. Mit der Gewissheit, dort auch mindestens ein Jahr zu bleiben. Weil ich glaube, dass eine andere Kultur einen nur komplett aufsaugen kann, wenn man sich von allem anderen abkoppelt. Im Moment wäre das Tokyo! Das interessiert mich, auch wenn ich die Sprache nicht spreche.

 

Wo kannst Du entspannen, wenn Dich mal alles nervt?

Wenn mich alles nervt, steig ich in einen Zug und fahre irgendwo hin.

 

Für was hättest Du gerne mehr Zeit?

Für berufsunabhängiges Lesen. Ich habe einen riesigen Stapel Bücher im Schrank, die mich alle wahnsinnig interessieren. Aber ich lese wenn immer was fürs Theater.

 

Mit welchem Charakter Deiner Stücke konntest Du Dich am besten identifizieren?

Maik aus „Tschick“. Wolfgang Herrndorf hat da einfach einen so genauen Blick für die Ängste und Leidenschaften eines Vierzehnjährigen entwickelt – das ist einfach toll. Natürlich bin ich nicht mehr vierzehn, aber daher hat’s vielleicht auch eine nostalgische Komponente (lacht).

 

Wann hast Du das letzte Mal etwas aus Zwang getan?

Heute Morgen, als ich Küchenarbeit machen musste. So banale Alltagsaufgaben machen mich fertig – das fühlt sich so unproduktiv an. Am nächsten Tag ist’s eh wieder so und es freut sich auch keiner drüber.

 

Wenn Du spontan etwas verändern könntest – was wäre das?

Ich würde gerne nur mit Leuten Theater machen, die das auch leidenschaftlich tun.

 

Wann hast Du das letzte Mal geweint und warum?

Vor etwa zwei Wochen. Das klingt jetzt zwar bescheuert, aber wenn der Herbst kommt, werde ich irgendwie traurig. Generell weine ich eher über Dinge, die mich in der Welt erschüttern – beim Zeitungslesen oder so. Was sich Leute gegenseitig antun, was sie machen und denken, das erschüttert mich einfach!

 

Welche Eigenschaft hattest Du schon als Kind, die Du heute noch hast?

Ich bin ein totaler Kontroll-Freak – egal ob privat oder beruflich. Wenn ich nach Hause komme, muss ich erstmal in jeden Raum schauen.

 

Wann bist Du zu streng mit Dir?

Ganz oft nach Proben, die nicht gut gelaufen sind. Dann lege ich mich anderthalb Stunden hin und zweifele an mir, an der Kunst und der Welt.

 

Was möchtest Du auf keinen Fall verlieren?

Meine Freundin.

 

2018 geht’s für das Schauspiel „Schöne neue Welt“ nach Stuttgart – heißt das endgültig weg aus Kassel?

Nein, das ist ein Gastengagement. Ich bin acht Wochen in Stuttgart, aber parallel auch hier.

 

Was hast Du für einen Anspruch an Dich selbst?

Ein Anspruch, der mir gar nicht immer gefällt ist, es immer allen recht zu machen. Ich habe das Gefühl, dass ich immer allen Menschen etwas geben will. Oft wird mir vorgeworfen, dass ich da taktische Hintergedanken hätte. Aber so ist das nicht!

 

Hast Du ein geheimes Talent, was man nicht von Dir erwarten würde?

Ich kann Einrad fahren.

 

Hast Du ein Lebensmotto?

Ich hatte früher mal eins… Aber ich hab’ das lange nicht mehr aktualisiert (lacht). Aber früher war ich großer Circus Roncalli-Fan und der Leiter Bernhard Paul hatte das Lebensmotto – nicht von ihm, sondern von Charlie Chaplin: „Jeder Tag, an dem Du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag“. Das habe ich mir ganz oft überall hingeschrieben, aber es hat mich einfach keiner mehr danach gefragt (lacht). Aber ich denke, das ist immer noch aktuell!

 

Wenn Du einen Tag mit jemandem tauschen könntest – wer wäre das?

Kim Jong-un. Ich finde das nordkoreanische Diktatorenmodell eins der spannendsten Systemformen, die es auf der Welt gibt! Mich würde interessieren, aus welchen Beweggründen Entscheidungen getroffen werden und getroffen werden müssen. Ich glaube, für uns ist das schwer zu verstehen!

 

Ein Wort, das Dein Leben bis zum heutigen Tag beschreiben würde.

Spielen.

 

Was hast Du zu Hause immer im Kühlschrank?

Das Wichtigste ist frisch gepresster Orangensaft. Dann Old Amsterdam Käse und Butter.

 

Was hast Du zu Hause immer vorrätig, was nie gegessen oder getrunken wird?

Da ich lange nur aus zwei Koffern gelebt habe, finde ich Kram furchtbar belastend. Sonst vielleicht Haferflocken.

 

Hast Du Rituale oder Ticks?

Ich habe ein Einschlaf-Ritual. Im Rahmen der Schauspielschule hatte ich Feldenkrais-Training. Das ist eine Entspannungsmethode, bei der Du Dir über innere Vorgänge im Körper bewusst wirst. Wenn Du trainiert bist, klappt das innerhalb einer Minute. Da ich so viel Zeug mit mir rumschleppe den ganzen Tag, hilft mir das beim Einschlafen. Und ich putze sehr lange Zähne, dabei laufe ich mit der Zahnbürste durch die ganze Wohnung und auf den Balkon. So sage ich meiner Wohnung „Gute Nacht“.

 

Wenn Deine Kindheit eine Farbe hätte, welche wäre das?

Ich war sehr Zirkus- und Clowns-fixiert – daher rot.

 

Welche Frage würdest Du wem stellen, wenn Du wüsstest, die Antwort wäre „Ja“?

Donald Trump, könnten Sie bitte sofort aus Ihrem Amt austreten?

 

Womit beginnt für Dich der perfekte Tag?

Selbstgemachte Pfannkuchen und Ahornsirup aus Amerika – „Aunt Jemima“, den mag ich am liebsten!

 

Und womit endet er?

Mit einer Flasche gutem Weißwein, an einem lauen Sommerabend und einem schönen Gespräch.

 

Welche App benutzt Du am häufigsten?

Sonos Controller, zum Steuern von Musikboxen.

 

Welches Emoji benutzt Du am häufigsten?

Rote Herzchen.

 

Was machst Du als nächstes nach unserem Treffen?

Proben – für den Wunschpunsch.

 

Würdest Du uns Dein Lieblingstier malen?

Buschbabys find ich so lustig.