Familie: Friede, Feinde & Eierkuchen?

Sich liebende Eltern, die stolz auf ihre heranwachsenden Kinder sind und ihnen in jeder Lebenslage mit Rat und Tat zur Seite stehen – die Idealvorstellung einer glücklichen Familie. Doch findet man diese in Zeiten von Patchwork-Familien und Fernbeziehungen überhaupt noch? Oder ist ein strahlendes Familienbild ebenso Fake, wie das morgendliche „woke-up-like-this-Selfie?“

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(UN)ZUFRIEDEN

Vertrautheit, Zusammenhalt und Unterstützung – das sind Werte, die in einer zufriedenen Familie herrschen. Vater und Mutter führen eine treue Ehe, die Kinder verfolgen einen strikten Lebensplan und machen keine großen Probleme – die kleinen werden mit Hilfe der verständnisvollen Eltern aus dem Weg geräumt. Geschaffen ist eine glückliche Bilderbuchfamilie. Doch wie realistisch ist eine solche Vorstellung? Schließlich ist in der heutigen digitalen Welt nichts mehr wie es zu sein scheint. Nur weil die ausgezogene Studenten-Tochter ein Bild am heimischen Esstisch postet, wo ihre gesamte Familie in die Kamera strahlt, heißt es nicht, dass auch die Gespräche so harmonisch abliefen. Leider schaffen genau solche Annahmen eine Unzufriedenheit im eigenen Familienleben – doch über Probleme will ja keiner reden. Aber reden würde helfen, denn es ist eben nicht alles „Friede, Freude, Eierkuchen“, was auf den ersten Blick so aussieht.

KONFLIKTREICH

Besonders, wenn Familie vom klassischem Vater-Mutter-Kind-Bild abweicht kommen oft Probleme zum Vorschein. Welchen Ansprechpartner habe ich, wenn die Eltern getrennt sind? Was passiert, wenn Kinder sich aus dem elterlichen Haus lösen? Die Familie gerät schnell zwischen die Fronten: Auf der einen Seiten wollen junge Erwachsene ihre eigenen Entscheidungen treffen, ein selbstständiges Leben führen und sich nicht mehr in das Wunschbild von Mama und Papa einfügen. Dem gegenüber steht der gewohnte Halt, den diese lebenserfahrenen Bezugspersonen einem immer gegeben haben. Dort die richtige Mischung zu finden, die alle zufrieden stellt und eine Familie nicht schwächt – sondern im Gegenteil, trotz zunehmender räumlicher Distanz die Einzelnen näher zusammenrücken lässt – stellt sich als schwierig heraus.

Wir sprachen mit Friederike und Leon, die ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dieser Herausforderung gemacht haben:

646044_original_R_K_B_by_Rainer-Sturm_pixelio„Meine Familie ist immer für mich da“, erzählte uns Friederike (20). „Immer wenn ich nach hause komme, ist es, als sei ich nie weggewesen“, erzählt uns die junge Baunatalerin, die vor drei Jahren zum ersten Mal Zuhause ausgezogen ist. „Auch als ich meine Ausbildung zur Zahnarzthelferin letztes Jahr abgebrochen habe und wieder Daheim eingezogen bin, haben sie mich nicht verurteilt. Sie haben mir die Zeit gelassen, die ich brauchte um zu entscheiden, was als Nächstes kommen soll. Heute bin ich froh über mein Studium der Sozialwissenschaften“, berichtet sie. „Mein jüngster Bruder war nicht begeistert“, erzählt sie lachend. „Er ist 12 und musste zurück zu unserem 15-jährigen Bruder ins Zimmer ziehen. Doch als ich vor einem Jahr nach Bielefeld gegangen bin, haben sie mir versichert, dass sie auch weiterhin ein Zimmer teilen würden.“

In ganz anderen Verhältnissen wächst Leon (21) auf, der eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker macht.

Leon_Archiv„Meine Eltern sind geschieden seit ich acht bin“, erzählt er uns. „Bis letztes Jahr habe ich bei meinem Vater, seiner neuen Frau und ihrem Sohn gewohnt, der damals in meine Klasse ging. Letztes Jahr hat mein Papa seine Freundin dann geheiratet und ich habe das zum Anlass genommen, um auszuziehen“, berichtet der Vellmarer, der nun mit Freunden in einer WG lebt.

„Meine Mutter ist vor fünf Jahren nach Köln gezogen, sie sehe ich höchstens an Familienfesten. Jedoch nur an denen, die ich nicht mit meinem Vater verbringe, denn die beiden reden seit ich volljährig bin gar nicht mehr miteinander. Ich möchte es meinen Kindern einmal leichter machen“, legt er uns ans Herz. „Familie sollte immer ein Rückzugsort bleiben und Kinder sollten sich niemals zwischen Vater und Mutter entscheiden müssen.“

Claudia-Zahn,-Leitung-Ev.-FamilienbildungsstaEvViel Erfahrungen mit und um das Thema Familie hat Diplom Sozialarbeiterin und Pädagogin Claudia Zahn. Der BRAUSER sprach mit der Leiterin der evangelischen Familienbildungsstätte und des evangelischen Familienzentrums Wehlheiden:

BRAUSER: Welchen Stellenwert hat Familie für junge Erwachsene?

Familie, auch einzelne Personen, sind anhaltend wichtig. Im Alter zwischen 18 und 30 Jahren müssen weitreichende Entscheidungen getroffen werden. „Wohin will ich?“ „ Was ist mein Ziel?“ – diese Fragen gilt es auf vielen Ebenen zu beantworten. Doch in der Regel entwickelt sich das Leben nach dem Schulabschluss nicht fadengerade. Scheitern gehört zum Leben dazu – doch es ist mit größeren Konsequenzen verbunden, als in der Pubertät. Die jungen Erwachsen sind einerseits frei, gleichzeitig wollen und müssen sie Verantwortung übernehmen. In dieser Zeit großer Herausforderungen bilden Eltern, (Halb-)Geschwister oder Verwandte oftmals ein stabiles Netz mit der Möglichkeit zu Gesprächen auf Augenhöhe.

BRAUSER: Was trennt und verbindet Familie?

Uns verbindet das gemeinsam Erlebte und die Erinnerungen daran. Das Zukünftige gestaltet sich bei jungen Erwachsenen und deren Eltern gänzlich unterschiedlich und wirkt damit trennend. Doch gerade die verschiedenen Lebenssituationen und Lebensdeutungen können zum Interesse aneinander führen; Toleranz ist dabei von beiden Seiten mitzubringen. Auch eine gute Portion Humor fördert das Miteinander. Dies in der Hoffnung, dass wir auch mal in der Lage und bereit sind, über uns selbst zu lachen.

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BRAUSER: Welche Zukunft hat Familie?

Die Entwicklung von Familie ist im Detail nicht vorhersehbar. Ganz unterschiedliche Formen des Miteinanders von Familien wird es weiterhin geben. Demographischer Wandel, die Auswirkungen der Globalisierung – um nur zwei Faktoren zu nennen – werden die Zukunft von Familie weiterhin beeinflussen. Neue Lebensformen werden entstehen, in denen z.B. ältere Menschen nach dem Prinzip der Wahlverwandtschaften miteinander leben und sich unterstützten. Zurück zu den jungen Erwachsenen: Studien zeigen, dass mehr als 80 % der heute 20 bis 39-Jährigen eine Familie haben möchten. Damit ist nicht automatisch der Gedanke an eine Heirat verbunden. Gleichzeitig ist auch der Wunsch vertreten, möglichst lang jugendlich zu bleiben. Dieser Spannungsbogen ist für Eltern nur schwer zu verstehen, manch anderes auch – aber das ist keine wirklich neue Situationsbeschreibung, sondern ist auch den vorherigen Generationen bekannt.

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