BRAUSER trifft Anne Walther

Sie macht Filme, schraubt an Mofas, fährt einen kleinen roten Fiat, liebt ihr Wohnmobil, den Edersee und das Meer. Anne Walther ist eine Frau mit vielen Facetten – was sie einmal anfängt bringt die ehrgeizige Wahl-Kasselerin mit Leidenschaft zu Ende. Wir trafen die vielseitig aufgestellte Mutter samt Hund Rudi in ihrer Garage, vor der sie gerne zum Grillen einlädt und sprachen mit ihr über Vergangenes, aktuelle Projekte und die Zukunft.

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Kaffee oder Tee?

Kaffee! Obwohl nur morgens, sonst immer Ingwer-Wasser.

Steak oder Salat?

Ich esse bergeweise Salat. Den kann ich auch gut. Den isst sogar mein Sohn gerne.

Wo trifft man Dich denn, wenn nicht gerade documenta ist, am häufigsten?

Am Steg in Rehbach. Oder im Chacal, wenn ich gerade die Nachtrunde mit Rudi gemacht habe und da hängen geblieben bin.

Disco, Club oder Couch?

Geht beides. Ich kann gut Couch, aber wenn ich einmal auf der Tanzfläche bin, bleibe ich auch da. Ich brauche nur sehr viel Platz zum Tanzen(lacht).

Du kommst ursprünglich aus Speyer, was brachte Dich nach Kassel?

2001 kam ich nach Kassel, weil ich mich hier für Produktdesign eingeschrieben hatte. Der Masterplan war eigentlich, den Möbelladen meiner Eltern zu übernehmen. Aber ich hab schon immer das Gegenteil von dem gemacht, was ich machen sollte. Später hab ich dann zu Visueller Kommunikation gewechselt. Vorher hab ich in Heidelberg in einer Schreinerei gearbeitet – mit Gesellenbrief, Schweiß-Schein, Management im Handwerk und so.

Was begeistert Dich am Film?

Am Trickfilm hat mich immer begeistert, dass man Geschichten erzählen kann, die man mit Realfilm nicht umsetzen kann. Die entsprechen auch eher den Ideen in meinem Kopf.

Dein Abschluss-Film war der Kinder-Trickfilm „Steinfliegen“. Wie kam die Idee für den Film?

Ich hab mal ein Comic als Danksagung gezeichnet. Ein Freund meinte, ich solle den Strip doch verfilmen. Erst war ich verwundert, ob ich mich jetzt als Stein verkleiden und in der Gegend rumhopsen soll (lacht). Doch dann hab ich mich drangesetzt, das Drehbuch geschrieben und die Dramaturgie drumherumgebaut.

Wie war es für Dich mit dem Film internationalen Erfolg zu feiern?

Ich war fasziniert! Am Anfang wurde ich ein wenig ausgebremst, weil es hieß der Film sei zu grau und traurig, besonders für Kinder!

War „Steinfliegen“ denn als Kinderfilm gedacht?

Ja, aber er hat durchaus mehrere Ebenen! Ich hatte in der Schule Altgriechisch Leistungskurs und wir haben die Griechische Mythologie intensiv durchgekaut. Die hat mich immer begeistert. Beispielsweise ist die hippokratische Temperamentlehre eingebaut. Kinder verstehen die Geschichte, aber dahinter ist noch mehr, was dann oft erst die Erwachsenen verstehen. Auf Kinderfilm-Festivals werden viele schnelllebige, bunte Filme gezeigt. Ich glaube, dass Kinder mehr verstehen, als wir ihnen zutrauen. Deshalb sollte man ihnen ernstzunehmende Filme zeigen und keinen „Trash“!

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Was macht den Film aus?

Ich habe erst Jahre nachdem das Drehbuch geschrieben war, festgestellt, dass ich meine eigene Geschichte vorerzählt habe. Ich war als Filmemacherin in Kassel, konnte wegen Kind nicht weg und fühlte mich wie in einer Opferrolle. Mein bester Freund hat mich dann wachgerüttelt. Erst als Ferdi die Steinfliege akzeptiert hatte, dass seine Flügel zu klein sind, um ihn durch die Lüfte zu tragen, erfüllt sich sein Traum. Als ich mich mit Kassel abgefunden hatte, kamen die Jobs und alles wurde gut. Jetzt find ich’s voll gut, hier zu sein!

Was macht Kassel für Dich so liebenswert?

Kassel hat eine super Größe. Wie mein 90er-Jahre Hymer-Wohnmobil (lacht). Ich hab hier Leute, auf die ich mich verlassen kann und ein gutes Netzwerk. Wenn ich zum Beispiel eine Metallschiene brauche, dann weiß ich wen ich fragen muss. VW-Bus, Porsche und Berlin kann ja jeder – Ich fahr ein hässliches Womo, lebe in Kassel und find’s geil.

Und was nervt Dich hier?

Schlechtgelaunte Nordhessen. Die sind oft mumpfelig.

Wie war es mit Deinem Film um die Welt zu reisen?

Es war superschön! Ich hatte immer das Gefühl nicht alleine zu sein, auch wenn das Team nicht mit war, weil ich ja die Puppe von Ferdi mit hatte.

Jetzt schreibst Du nicht nur Drehbücher, sondern kannst Schneiden, Regisseurin sein und mehr. Was macht Dir denn am meisten Spaß?

Ich mache total gerne Produktion – den Organisationskram. Ich bin ein kleines Orga-Tierchen.

Hast Du Dich selbst schonmal als Schauspielerin probiert?

Wenn’s bei Studentenfilmen um Mutterrollen oder alte Polizistinnen ging. Das war dann ich.

Was würdest Du Dir beruflich in Zukunft wünschen?

Eine Regie-Produktionskombi mit jemanden auf Augenhöhe, wäre super. Allerdings habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass es schwierig ist mit mir zu arbeiten (lacht). Ich weiß halt sehr genau was ich will!

Wenn man Dein Leben verfilmen würde, welcher Schauspieler sollte Dich spielen?

Winona Ryder!

Was sind Deine aktuellen Projekte?

Documenta ist gerade das Aktuellste! Die Arbeit, die ich betreue heißt „Commensal“ und ist ein Teil der documenta 14 in der Tofufabrik. Das ist eine Doppelprojektion – eine Video-Installation und eine 16-Millimeter-Film-Projektion von zwei Künstlern. Die Installation ist krass! Ich wollte es mir komplett ansehen, musste aber rausgehen. Es geht um Issei Sagawas, der in den 80er Jahren in Frankreich eine Frau ermordet, sich an den Resten vergangen und sie gegessen hat. Die 16mm Arbeit läuft über eine spezialangefertigte Loop-Maschine. Das ist mein Baby! Ich liebe dieses Zeug!

Nenn’ uns Deine drei Lieblingsfilme.

21 Gramm, Im Rausch der Tiefe und Reality Bites, obwohl ich den neulich wieder gesehen habe und da war er nicht mehr ganz so gut (lacht).

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Serien oder Sport?

Serien.

Hund oder Katzen?

Hund. Ich mag keine Katzen.

Was ist Dein Lieblingsplatz in Kassel?

Vor meiner Garage. Ich grille auch gerne vor meiner Garage. Im Garten finde ich es langweilig. In Berlin heißt das „cornern“… bei mir heißt es einfach Gargengrillen.

Wenn Du drei Tage frei hättest, was würdest Du machen?

Wahrscheinlich segeln gehen.

Südsee oder Sylt?

Ich mag’s gerne warm. Und wenn See, dann Ostsee, weil die Gezeiten sind mir zu anstrengend.

Was sollte das Internet über Dich vergessen?

Wenn ich wüsste, was da drin steht. Nichts?

Welches Lied sollte bei Deiner Beerdigung gespielt werden?

Vielleicht ist es abgedroschen und aussprechen kann ich’s auch nicht, weil ich kein Französisch in der Schule hatte, aber am liebsten „Je ne regrette rien“.

Strand oder Berge?

Ich bin irgendwie immer beides. Ich gehe gerne mit Rudi im Habichtswald spazieren. Das ist ja schon fast Berg. Strand finde ich aber auch gut, kann aber auch schnell eintönig werden.

Warum gerade Mofas? Was begeistert Dich daran?

Mit 16 hat mir mein Onkel, der eine Harley Werkstatt hat, eine Vespa geschenkt und ich habe angefangen daran rumzuschrauben und sie zu tunen. Als ich Mutter wurde hab ich sie dann im Keller geparkt. Heute geht’s mir um Entschleunigung – darum runterzukommen. Deshalb liebe ich auch meinen alten Fiat so, den ich drei Jahre lang restauriert habe! Mittlerweile hab ich aber nur noch drei Mofas, weil mir das alles über den Kopf gewachsen ist. Ich hab ja nur noch Mofas gekauft (lacht).

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Du bist Präsidentin der Mofafreunde Nordhessen. Wie kam das?

Hab mich natürlich selbst ernannt (kichert). Ein bisschen wie bei meinem Wohnmobil. Schwalben und coole Vespas wollen alle fahren, da hab ich mich für Mofas entschieden. Mittlerweile ist das ja auch schon wieder ein Hype geworden. Ich habe vor meiner Garage mitten im Vorderen Westen an meiner Hercules rumgeschraubt – da kommt immer mal jemand vorbei, der dir da irgendwas noch zu zusagen hat. Irgendwann wurde es zum Nachbarschaftstreff, woraus die Mofafreunde entstanden sind. Die konkrete Idee kam dann mit Nadja Ruby, mit der ich auch im Projekt „Alte Liebe“ gearbeitet hab. Wir haben auch Regeln aufgestellt und einen Mofafreunde-Kalender gemacht. Ich wollte auf den ranzigen Mofas Highclass-Fotos machen. Zum Glück hab ich ja auch immer rote Fingernägel zum Schrauben, weil man sieht dann den Dreck nicht so.

Wann kannst Du am besten entspannen?

Beim Segeln. Ich hab vor vielen Dingen Angst bekommen, seit ich Mutter bin – außer vorm Segeln komischerweise. Ich bin auch früher gerne schnell Motorrad gefahren, aber wenn’s auf der See stürmisch wird, dann werde ich ganz ruhig.

Wie bist Du zum Segeln gekommen?

Mein Papa war Segler und hat mich mitgenommen. Wir waren mit der Familie immer  auf Elba und da hat er mich mit vier Jahren draufgesetzt und gesagt: „Mach!“

Du bist Schatzmeisterin beim Universitätssegelclub Kassel. Wir kamst Du zu diesem Amt?

Wie so oft durch Bekanntschaften. Ein Freund hat mich seinem Onkel mit: „Das ist Anne, die hat einen Kielzugvogel zum Kentern gebracht“, vorgestellt und die gelten eigentlich als nicht-kenterbar. Irgendwie hab ich’s trotzdem geschafft (schmunzelt). Mit dem Onkel war ich dann öfter Segeln und auch mit beim USC-Hollandsegeln. So bin ich in den Verein gekommen, hab mich gut mit denen verstanden und war plötzlich im Vorstand.

Machst Du auch anderen Wassersport?

Schwimmen? Nein, bin lieber auf dem Wasser (lacht).

Und generell?

Theoretisch tanze ich. Ich habe lange Ballett gemacht und dann Jazz-Tanz. Allerdings war ich länger verletzt, wollte aber jetzt wieder anfangen. Sonst geh ich laufen mit dem Hund.

Screenshot vom letzten WhatsApp-chat: Jeden Dienstag hat Anne Schrauberabend mit ihren Jungs. Heute wurde er gegen Kabarett im Palais Hopp eingetauscht.

Screenshot vom letzten WhatsApp-chat: Jeden Dienstag hat Anne Schrauberabend mit ihren Jungs. Heute wurde er gegen Kabarett im Palais Hopp eingetauscht.

Wenn Du jetzt spontan was verändern könntest, was wäre das?

Für mich persönlich nichts. Sonst sollen natürlich alle mal aufhören sich zu streiten und zu bekriegen.

Welche Eigenschaft hattest Du schon als Kind, die Du heute noch hast?

Ich konnte mich schon immer gut mit mir selbst beschäftigen.

Welchen Anspruch hast Du an Dich selbst?

Wenn ich was mache, dann will ich es richtig machen! Mit Herzblut!

Was möchtest Du im Leben unbedingt noch machen?

Eine der vielen Leidenschaften von Anne: Segeln.

Eine der vielen Leidenschaften von Anne: Segeln.

Wenn’s Kind aus dem Haus ist, würde ich gerne auf dem Wasser wohnen!

Du fotografierst. Ist das Hobby oder Job?

Es war mal Job. Nach dem Studium hab ich beim Fotografen mein Geld verdient. Ich mache das heute nur noch wenn ich Bock hab und dann mit ganz viel Leidenschaft und gutem Equipement. Am liebsten Menschen. Ich nerve dann so lange, bis demjenigen die Kamera egal ist. Dann mache ich die besten Bilder.

Wenn Du mit jemanden tauschen könntest, wer wäre das?

Mein Hund Rudi. Der hat ein super Leben!

Was hast Du immer im Kühlschrank?

Ich habe Phasen da esse ich immer das Gleiche. Im Moment ist es Salat und Quark.

Was hast Du Zuhause immer vorrätig, was nie gegessen oder getrunken wird?

Ketchup. Ich bin kein Soßen-Typ, weil, dann schmeckt ja alles gleich.

Hast Du Rituale oder Ticks?

Ich lege gerne die Füße auf den Tisch.

Womit beginnt der perfekte Tag für Dich?

Mit einem guten Kaffee! Manchmal liege ich im Bett und stehe nur auf, weil ich so Bock auf Kaffee habe!

Und womit endet er?

Gin Tonic in meiner Küche, morgens um acht. Wir landen morgens öfter mal alle bei mir.

Welche App benutzt Du am häufigsten?

Mail.

Was machst Du als Nächstes nach diesem Treffen?

Ich geh mit dem Hund raus. Der Arme wurde vernachlässigt, weil ich gestern erst im Filmladen und dann in der Tofufabrik war. Und dann muss ich noch zum Zahnarzt, aber darauf freu ich mich immer. Mein Zahnarzt ist ein alter Surf-Freund von mir, den ich am Atlantik kennengelernt hab, wo ich mit unserem alten Werkstatt-VW-Bus noch aus Heidelberg war. Da hab ich gefragt, was er so macht und er meinte, er sei Zahnarzt in Kassel. Und meine Umzug nach Kassel stand kurz nach dem Urlaub an.