Kunstrad: Zu Gast beim GSV Eintracht Baunatal

Radfahren kann ja eigentlich jeder — soll man sich jetzt jedoch auf den Sattel oder den Lenker stellen, steht man doch schon vor einer größeren Herausforderung. Diesen und anderen Schwierigkeiten stellen sich die Sportler/-innen des Kunstradfahrens. Doch wie oft in der Woche trainiert ein Radkünstler und welche Übungen finden selbst Profis schwer? Der BRAUSER wollte mehr erfahren und hat beim GSV Eintracht Baunatal nachgeforscht.

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Koordination, Gleichgewichtssinn und Kraft werden beim Kunstradfahren geschult: Eine vielleicht unbekannte, aber sicher nicht uninteressante Sportart, bei der verschiedene Übungen auf einem speziell angefertigten Hallenrad gemeistert werden: einen Handstand auf dem Sattel stehen, rückwärts oder nur auf einem Rad fahren. Das Kunstrad ist meist handangefertigt und die Reifen haften besser auf dem Boden, als gewöhnliche. Durchhaltend und geduldig sollte man sein, wenn man den Wunsch hat, Kunstrad zu fahren. Denn Übungen klappen eigentlich nicht sofort beim ersten Mal, wie Raphaela weiß: „Wenn man schon zig mal gestürzt ist, braucht man den Ehrgeiz esimmer und immer wieder zu versuchen.“ Seit 15 Jahren ist sie begeisterte Kunstradfahrerin. „Zum Kunstradfahren kam ich im Alter von 9 Jahren, erzählt uns die 24-Jährige, die damals eine Freundin zum Training begleitet hat. „Damals haben wir noch in Hümme gewohnt und alle meine Schulfreundinnen waren schon im Kunstradverein.“ Von da an gab es in meinen Kopf nichts anderes mehr und ich wusste: „Das will ich auch machen!“ Also überredete ich meine Mutter und war ab sofort auch Kunstradfahrerin.“ Anders war es bei Alena, die schon viele Jahre für den GSV fährt. Bei ihr liegt das Radfahren in der Familie: Schon ihre Eltern sind Kunstrad gefahren und ihr Opa hat selber Kunsträder gebaut.

WARUM KUNSTRAD?

„Der Reiz am Kunstradfahren ist für mich ganz klar die Abwechslung. Nachdem man eine Übung beherrscht, beginnt man die nächste zu trainieren, die wiederum komplett andere Fertigkeiten von einem verlangt. Und so bleibt der Sport einzigartig und abwechslungsreich. Als ich meine Berufsaus-bildung begonnen habe, habe ich vorerst mit dem Kunstradfahren aufgehört.“ Denn Trainings- und Arbeitszeiten ließen sich für sie nur schwer miteinander vereinbaren. Aktuell trainiert sie zweimal die Woche für ungefähr zwei Stunden. „Außerdem war der Weg nach Hümme von Kassel ziemlich lang und es gab erstmal keinen Verein mit passenden Trainingszeiten, also meldete ich mich im Fitnessstudio an – stinklangweilig für jemanden, der jahrelang Kunstrad gefahren ist.“ Von Vereinskollegin Alena wissen wir: „Im Training machen wir uns zuerst warm und fahren dann die aktuelle Kür. Danach versuchen wir uns an neuen Übungen.“ Alena ist mit ihrem 6er-Team aktuell mehrfach amtierende Hessenmeisterin.

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TEAMPLAYER ODER EINZELKÄMPFER?

Im Kunstradsport gibt es verschiedene Disziplinen: 1er-, 2er-, 4er- und 6er-Kunstradfahren, auch Einradfahren gehört dazu. Auch kann man zwischen den verschiedenen Disziplinen wechseln. Bei 1er- und 2er-Wettkämpfen werden Küren aus Übungen gefahren, die man sonst eher dem Turnen zuordnen würde. Beim 2er können sich die Partner sogar ein Rad teilen. Das bedeutet, dass dann auch mal einer auf dem Lenker und einer auf dem Sattel steht. Fährt man zu viert oder zu sechst behält jedoch jeder sein eigenes Rad. Hier geht es mehr um das synchrone Fahren von verschiedenen Figuren. Raphaela ist lange 1er- und 2er-Disziplinen gefahren. Mittlerweile fährt sie nur noch alleine. Sie erklärt uns, wie es ist an einem Wettkampf teilzunehmen. „Seine Kür reicht man vor dem Wettkampf ein. Die einzelnen Übungen haben verschiedene Schwierigkeitspunkte, diese werden addiert. Nach dem Start hat man 5 Minuten Zeit maximal 30 Übungen zu präsentieren. Für Stürze und Unsicherheiten ziehen die Kampfgerichte Punkte ab. Die ausgefahrenen Punkte entscheiden dann über die Platzierung.“ „Bei Mannschaften sind es nur 25 Übungen in 5 Minuten“, ergänzt Alena, deren Wunsch es ist einmal mit ihrem Team auf dem Treppchen der Deutschen Meisterschaft zu stehen. Sie erklärt, dass es total wichtig ist, dass im Team alle zusammenhalten und zum Training erscheinen, weil man nur zusammen wirklich gut trainieren kann. „Bevor wir in einen Wettkampf starten umarmen sich alle Sportler und Trainer gegenseitig“, verrät uns Alena, die sich mit ihren Teamkameraden auch mal zum gemeinsamen Essengehen trifft. „Wir sind wie eine große Radfamile, auch vereinsübergreifend. Schnell entwickeln sich Freund – und Bekanntschaften“, berichtet Raphaela, die erst vor einigen Wochen beim GSV angefangen hat. „Dort wurde ich total herzlich aufgenommen.“ Sie freut sich auch schon auf die gemeinsame Weihnachtsfeier.

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TUT’S AUCH MAL WEH?

„Ja, bei dem Sport kann man sich ernsthaft verletzen“, warnt Raphaela. „Nach einigen Jahren Erfahrung lernt man jedoch so vom Rad zu fallen, dass man sich möglichst nicht schwer verletzt.“ Bisher ist ihr zum Glück aber noch nichts Schlimmes passiert. „Genau“, fügt Alena hinzu, „irgendwann bekommt man nur noch blaue Flecken.“ Kurz nach ihrem Wiedereinstieg zählt Raphaela acht blaue Flecken an den Beinen. „Eine der schwierigsten Übungen ist definitiv der Mautesprung“, gesteht Raphaela. „Das ist das freistehende Fahren auf dem Sattel, mit anschließendem Sprung auf den Lenker.“ Außerdem findet sie Handstände auf dem Rad schwer. Entspannen kann die Bankkauffrau am besten auf der eigenen Couch, meist schläft sie da dann auch einfach ein. Wenn es Alena zu stressig wird, geht sie gerne in die Therme. Sie findet rückwärts auf dem Hinterrad zu fahren schwer. Wir fragten die 21-Jährige nach einer lustigen Story aus ihrer Sportlerkarriere. Offen erzählt sie, dass sie mal beim Start der Kür über die Bande gestolpert und fast hingefallen ist und einmal beim Deutschlandcup ihre Hose vergessen hat.

 

Kunstradsport

Bereits vor 1900 wurde Kunstradsport in den USA von Radakrobaten wie Nicholas Edward Kaufmann und John Featherly betrieben.

Sie verdienten damit ihren Lebensunterhalt. Zu jener Zeit war es eher die Beherrschung des Fahrrades und das Fahren einer bestimmten Wegstrecke, der Kunstradsport hat sich zu einer technischen Disziplin entwickelt.

In Deutschland gibt es zwei große Verbände. Zum einen den Bund Deutscher Radfahrer, der 1884 in Leipzig gegründet wurde und den Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität RKB, welcher 1896 in Chemnitz gegründet wurde.

Gemeinsam stark: Beim Kunstradfahren im Team ist es nicht nur wichtig die Kür perfekt zu beherrschen, sondern auch dass diese synchron gefahren werden kann.

Gemeinsam stark: Beim Kunstradfahren im Team ist es nicht nur wichtig die Kür perfekt zu beherrschen, sondern auch dass diese synchron gefahren werden kann.

 

Im Kunstradfahren werden folgende Disziplinen unterschieden:

• Einer-Kunstradfahren der Männer oder Frauen
• Zweier-Kunstradfahren der Frauen und offene Klasse
• Vierer-Kunstradfahren der Männer oder Frauen
• Sechser-Kunstradfahren der Männer oder Frauen
• Vierer-Einradfahren der Männer oder Frauen
• Sechser-Einradfahren der Männer oder Frauen

Kontakt zum GSV, Abt. Radsportabteilung:
Großenritter Sportverein Eintracht Baunatal e. V.
Asternweg 11
34225 Baunatal
Telefon: 05601/8429

Anschrift der Halle:
Langenberg Sporthalle (Großenritte)
Am Sportplatz 1
34225 Baunatal
Telefon: 05601/928944

 

img_4621Raphaela Lang
Geboren am 24. Mai 1992
Beruf: Bankkauffrau
Erfolge: Hessenmeisterin im 2er-Kunstradfahren (2008)

„In meiner Freizeit, die mir neben dem Beruf, dem Haushalt und dem Sport bleibt, unternehme ich gerne etwas mit meinem Freund oder meinen Freunden. Wir gehen zum Beispiel ins Kino oder in eine Bar.“

IMG_0662-klAlena Bahrke
Geboren am 8. Juli 1995
Beruf: Anwärterin mittlerer
Justizdienst
Erfolge: Amtierende Hes-senmeisterin, regelmäßige Teilnahme an den deutschen Meisterschaften

„Außer Kunstrad lockt mich das Skifahren, sonst reise, koche und lese ich gerne. Etwas mit Freunden und Familie zu machen, macht mich glücklich.“