Schach – Fitness für Körper und Geist

Kreatives Denken, Probleme lösen und Training des Gehirns – das sind nur drei von zahlreichen Vorteilen, die das Schach spielen mit sich bringt. Das königliche Spiel (aus dem persischen „Schah“ für „König“) wird auf der ganzen Welt gespielt. Sprache, Herkunft, Alter und Geschlecht spielen keine Rolle. Der BRAUSER eröffnet die Partie.

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Philipp Humburg ist 20 Jahre jung und Student an der Uni Kassel. Neben seinem Studium der Mathematik, Politik und Wirtschaft ist er zweiter Vorsitzender und Jugendtrainer beim Kasseler Schachklub 1876 e.V.. Sein Schüler Roven Vogel (aus Dresden) wurde 2015 U16 Weltmeister. Erst kürzlich war er gemeinsam mit ihm im russischen Khanty-Mansiysk zur Titelverteidigung bei den Jugendweltmeisterschaften, die leider nicht geglückt ist. Zudem begleitete er ihn als Sekundant nach Griechenland. Wir sprachen mit dem ambitionierten Schachspieler, der mit sechs Jahren über eine Schach-AG in der Grundschule zum Sport gekommen ist. Auch Roman, Simon und Leon vom Verein gaben uns ein paar Einblicke in den Schachsport und sind ebenfalls über Schach-AG oder Familie im jungen Alter zum Schach gekommen.

Vielfältige Möglichkeiten

Schach gilt als das komplexeste Brettspiel überhaupt und bietet so viele Möglichkeiten, sich in den verschiedenen Bereichen zu verbessern, dass es eine lebenslange Aufgabe bleiben kann. Die Zahl der möglichen Stellungen und Spielverläufe sind enorm. Wo liegt also der Reiz Schach zu spielen? Philipp erklärt: „Schach bietet unglaublich vielfältige Möglichkeiten. Ich kann mich von Partien der entfernten Vergangenheit, die vor 100 Jahren gespielt worden sind, inspirieren lassen oder von starken Spielern der Gegenwart oder ich baue voll und ganz auf die eigene Kreativität. Ich kann versuchen Komplikationen zu erzeugen, meinen Gegner zu verwirren, längere Varianten in meinem Kopf zu berechnen als er und damit quasi ‘die Zukunft voraussagen’, wobei es meinem Gegner so erscheint, als hätte ich nur Glück mit den geschehenen Entwicklungen gehabt.“ Auch Roman und Simon schätzen das logische Denken in diesem Sport sehr. Und Leon ergänzt: „Es macht einfach Spaß und prägt das Gehirn.“

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Strategien und Kniffe

Wer Schach erlernen möchte, sollte am Spielen Spaß haben und „man sollte auch gerne gewinnen wollen. Beim Schach sammeln sich die ambitionierten Spieler“, so Philipp. Der Ernst und der Siegeswille sind bei jedem anders. „Einige spielen nur, um mit Freunden oder der Familie etwas zu machen. Andere wiederum merken sich, was für Strategien und Kniffe gut klappen. Wieder andere überlegen sich vor und nach dem Spiel, was gut lief und wie man es noch besser machen könnte.“ Logisches Denken ist für die drei Vereinsmitglieder Leon, Roman und Simon die wichtigste Fähigkeit, die man für Schach mitbringen sollte.

Dame nur auf dem Brett

Auffällig ist, dass Frauen größtenteils im Schachsport sehr unterrepräsentiert sind. Das kann auch der Student bestätigen: „Schon in den Arbeitsgemeinschaften, die wir in vielen Kasseler Schulen anbieten, kommen deutlich weniger Mädchen als Jungen vorbei. Dementsprechend weniger kommen dann auch zu uns in den Verein.“ Warum das so ist, kann sich Philipp nicht erklären und möchte auch nicht darüber mutmaßen. Auch Leon bleibt dieses Phänomen rätselhaft.

Einen Zug voraus

Der angehende Mathelehrer, der einigen Kindern unentgeltlich Nachhilfe gibt und sich abseits vom Schach für Volleyball begeistert, sieht sein Schachspiel selber sehr kritisch. Wenn man ihn fragt, wie lange es gedauert hat, bis er Schach gut konnte, sagt Philipp: „Ich kann es heute noch nicht so besonders gut. Ich bin zwar einer der drei stärksten Spieler in Nordhessen, aber das hat für mich nur sehr wenig Bedeutung.“ In einem Spiel ist es sehr unterschiedlich, wie viele Züge er vorausdenkt, aber er meint schmunzelnd: „Ich hoffe, immer einen mehr als mein Gegner“.

Training und Tuniere

Mindestens eine Stunde am Tag trainiert er. Dazu kommen noch sechs Stunden Training die Woche, die er im Verein als Trainer gibt. „Mein Training besteht aus drei Teilen. 1) Das Studium von Eröffnungen. Dafür benutze ich Datenbanken, Schachcomputer und häufig Bücher. 2) Das Lösen taktischer Aufgaben. Hier geht es darum unter simulierten Turnierbedingungen viele Züge im Voraus zu denken, die gegebene Stellung richtig einzuschätzen und einen adäquaten Plan daraus abzuleiten und 3) Das Studium von Endspielen. Hier sind nur noch wenig Steine auf dem Brett und es existiert eine absolute Lösung.“ Vor einem Turnier treibt Philipp noch mehr Sport als ohnehin, „um am Brett möglichst lange mit hoher Konzentration spielen zu können und mit größtmöglicher Fitness, die teilweise langen und kräftezehrenden Turniere durchzustehen.“

Entspannung ist während des Turniers extrem wichtig. „Ich reise nach Möglichkeit daher immer mit einem guten Freund oder einer guten Freundin zu Schachturnieren.“ Und abseits vom Schach findet er Entspannung, wenn er mit seinem Fahrrad durch die Stadt cruist und dabei immer etwas Neues entdeckt.

Vorbilder, Träume und Glück

„Vorbilder habe ich einige, doch verehren tue ich niemanden. Allen voran sind der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen, Vladimir Kramnik und Garry Kasparov zu nennen“, erzählt uns der 20-Jährige. Auch Roman hat Garry Kasparov als Vorbild. Dazu kommen noch Bobby Fischer und Michael Tal. „Kramnik und Carlsen sind meine Vorbilder“, so Leon. Philipps Träume sind recht bescheiden. „Ich möchte ein guter Lehrer werden und mein ehrenamtliches Engagement fortsetzen. Was das Schach angeht vielleicht noch, dass Roven den Sprung vom Internationalen Meister zum Großmeister schafft“, sagt er. Dass Schach in allen Bereichen seines Lebens
eine Rolle spielt, bemerkt man auch, wenn man ihn fragt, was ihn im Leben glücklich macht. Da kommt es neben der Aussage, dass es ihm reicht, wenn die Familie gesund ist, wieder schnell zum Thema Sport und auch Beruf(ung). „Ich bin immer nahezu euphorisch, wenn ich merke, dass einer meiner Schüler, sei es beim Schach oder der Nachhilfe, etwas Neues gelernt hat, es verstanden hat und vielleicht sogar ein bisschen meiner Begeisterung auf ihn übergeschwappt ist.“

Warum Schach spielen?

Hierfür hat Philipp eine schöne abschließende Zusammenfassung parat! „Man lernt viele nette Menschen kennen. Man versteht es Teil einer Gemeinschaft, derjenigen der Schachspieler, der eigenen Schachfreunde, der Vereins- und Mannschaftskameraden zu sein. Man lernt strukturiert zu denken, zu lernen und zu arbeiten. Man
verbessert seinen Umgang mit Erfolgen und Fehlschlägen. Man wertschätzt die Leistung und die Arbeit anderer besser, denn man weiß um die eigene.“

Philipp Humburg spielte bei der Hessischen Einzel-Blitzmeisterschaft 2016 in Kassel gegen die internationale Meisterin Inna Gaponenko.

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\\ FSK 0 \\ Concorde Video