Likesüchtig: Vermarktung in der virtuellen Welt

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Die Herzchen blinken auf, der „Gefällt mir“-Daumen glüht. Ob Urlaubsbilder mit Retro-Filter, Selfie beim Konzertbesuch oder der Schnappschuss vom Haustier. Wir vermarkten uns in der virtuellen Welt und sind süchtig nach Bestätigung! Warum das so ist und was die Likes mit uns machen: der BRAUSER begibt sich auf Spurensuche.

Wer auf Facebook oder Instagram regelmäßig postet, wird schnell mitbekommen, welche Meldungen die meiste Beachtung finden, bei Freunden gut ankommen und mit einem Like versehen werden. Trudelt nach einer halben Stunde immer noch kein Daumen ein oder das Herzchen blinkt nicht auf, werden einige Nutzer sogar richtig nervös und die Peinlichkeit einer Null-Reaktion wird abgewendet, indem man den Post schnell löscht. Beim nächsten Mal muss der Spruch also witziger sein oder das Bildmotiv unbedingt durchdachter!

Wer als Social Media Nutzer jetzt sagt „das ist bei mir noch nie vorgekommen“, belügt sich selbst! Denn jeder freut sich über positive Reaktionen, wenn man etwas aus seinem Leben preisgibt. Ein tolles Bild vom Strandurlaub, das neuste Mode-Schnäppchen welches man ergattert hat, das stylische BFF-Selfie oder das leckere Essen beim besten italienischen Restaurant der Welt – oder zumindest der Stadt. Und die Enttäuschung ist groß, wenn die Meldung niemanden juckt. Denn „das Bild von Eva und Marcel aus London hat doch auch 52 Likes bekommen … und das war noch nicht einmal annähernd so schick, wie mein Selfie in Barcelona!“ Die Jagd nach digitaler Bestätigung ist eröffnet.

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DIGITALE LÜGE

Das im Netz nur alles schöner Schein ist, wollte auch die Niederländerin Zilla van den Born zeigen. Fünf Wochen lang postete die Kunststudentin auf Facebook Fotos von ihrer Urlaubsreise durch Asien.  Tatsächlich saß sie aber in ihrem Zimmer in Holland und montierte sich vor exotische Hintergründe in Laos, Kambodscha und Thailand. Die geschönte und vorgegaukelte Realität war Teil ihrer Bachelorarbeit im Fach Grafikdesign. Mit akribischem
Aufwand dekorierte sie sogar mehrfach ihre Wohnung im asiatischen Stil um, damit beim Skypen mit der Familie der Eindruck der verschiedenen Unterkünfte entstand. Für die Urlaubsbräune besuchte sie das Solarium, für Schnorchelfotos ging sie ins Schwimmbad. Von der Aktion wusste nur der Freund und nach Aufklärung bei Freunden und Familie waren diese wütend und redeten eine Woche nicht mit ihr.

ZUM SCHREIEN KOMISCH!

Die Bildillusionen bei Instagram werden übrigens besonders von einer Person gnadenlos auseinandergenommen. Die australische Komikerin Celeste Barber (@celestbarber) nimmt sich die Bilder von Promis vor und stellt deren Posen nach. Und das so genial, dass man beim Anschauen Tränen lachen muss. So bekommen Kim Kardashian, Victoria Beckham und zahlreiche Supermodels und Hollywoodgrößen, die sich als Selbstdarsteller in die  unnatürlichsten Posen begeben und diese künstlichen Fotos hochladen, ihr Fett weg. Und wir „Normalos“ bekommen durch Celeste eine Vorstellung davon, wie diese Posen bei uns aussehen würden.

LIKES MACHEN SÜCHTIG

Photographee_eu_Fotolia © Photographee_eu_FotoliaEine verblüffende Entdeckung machten kürzlich kalifornische Forscher bei einer durchgeführten Studie mit 32 Teenagern im Alter von 13 bis 18 Jahren. Sie fanden bei einem Experiment heraus, dass beim Erhalt von Likes die gleichen Regionen im Gehirn aktiviert werden wie beim Genuss von Schokolade oder beim Gewinnen von Geld. Das Belohnungszentrum wird demnach stark stimuliert, wenn die eigenen Fotos virtuell wertgeschätzt werden. Den Probanden wurden 148 Fotos innerhalb von 12 Minuten gezeigt. Davon stammten 40 Bilder von dem Teenager selbst. Von den Wissenschaftlern wurden die Likes der Bilder vorher festgelegt. Die Teenies dachten wiederum, die Bewertungen stammen von den anderen Teilnehmern. Es zeigte sich, dass der jeweilige Proband eher dazu tendiert ein Like zu vergeben, wenn er selber zuvor eins bekommen hat. Der Gruppenzwang wirkt also sehr stark im Netz.

WANN WIRDS PROBLEMATISCH?

Bis zum 25. Lebensjahr bildet sich die eigene Persönlichkeit aus. Insofern ist es für alle Jugendlichen bedenklich, die sich ausschließlich danach orientieren, wie einen die eigenen Facebook-Freunde finden. Denn Viele kennen ihre soziale Gruppen gar nicht persönlich und stellen sich für völlig Fremde dar. Doch 850 Kontakte sind kein fester Freundeskreis! Wer sich darüber klar wird, dass man sein Leben ausschließlich für die virtuelle Welt lebt und seinen gesamten Tagesablauf danach richtet, wann und was er teilt oder sich dabei ertappt, wie die eigene Stimmung stark von den Likes abhängig ist, der sollte schleunigst mal abschalten.

NUR FÜR UNS

Vielleicht sollten wir alle mal anfangen das Leben zu genießen, ohne ein Foto von dem zu machen, was man gerade Tolles erlebt oder Leckeres isst. Einfach so den Sonnenuntergang anschauen, dem Wind lauschen und dabei ein kühles Getränk in der Hand halten. Das Handy ganz weit weg. Mit niemanden teilen! Diesen Moment genießen … nur für dich selbst!

 

Do’s und Dont’s auf Facebook

Dont’s

– Du bist in einer Beziehung und likest fleißig Fotos von anderen Frauen/Männern. Dein Partner wird sich freuen!

– Du hast dich krankschreiben lassen, und gehst am nächsten Abend mit deinen Freunden fett Party machen. Erstmal die coolen Partyfotos posten!

– Dein Foto sieht einfach hammer aus und es gefällt dir so sehr, dass du ihm erstmal selber einen Like gibst.

– Du hast supercoole Selfies von dir gemacht, kannst dich aber nicht entscheiden welches du hochladen sollst, also lädst du einfach alle hoch.

– Du brauchst mehr Likes? Das heißt Freundesliste  durchgehen und Leute anschreiben, ob sie deinen Beitrag liken können.

– Ein Freund hat einen witzigen Beitrag gepostet und du antwortest darauf mit LOL, ROFL oder LMFAO.

Do’s

– Schalte dein Handy lieber ganz aus, wenn du was Trinken gehst, damit du keine peinlichen Sachen posten kannst.

– Vertrete deine eigene Meinung im Internet und schließe dich nicht immer der Mehrheit an.

– Dein Freunde posten gelegentlich etwas auf deine Pinnwand. Like ihre Beiträge und gib einen netten Kommentar ab, sonst kommen
sie sich wie deine Stalker vor.

– Eine Person wird aufgrund eines Posts oder  eines Bildes runtergemacht. Melde die bösen Bemerkungen – Mobbing geht gar nicht!

– Achte auf Rechtschreibung.

– Ein Minimum an Benehmen ist auch bei Facebook & Co gern gesehen. Bleib fair!

– Vermeide das wahllose sammeln von Freunden. Du läufst auf einer Party ja auch nicht blind um her und umarmst jede(n)!

– Eigenlob stinkt!

 

Hier geht’s zum Interview mit Thomas Feibel, Journalist zum Thema „Kinder und Computer. Außerdem haben wir Buch- und Filmtipps passend zum Thema gesammelt.