Sex und die heutige Jugend

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Die Jugend von heute hat immer früher Sex, wird beeinflusst durch Pornos und keine Ahnung vom Verhüten? Das stimmt so nicht, belegen die aktuellen Studien, die sich mit dem Thema beschäftigen und bei den Jugendlichen nachgefragt haben. Der BRAUSER wollte es genauer wissen und wirft in dieser Ausgabe einen Blick auf die sexuellen Erfahrungen der jungen Erwachsenen.

Je nachdem, welche Umfrage oder Studie man zum Thema Sexualität heranzieht, so hat man zunächst das Gefühl, jeder meint etwas anderes. Oder jede Erhebung findet etwas anderes heraus. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass doch einige maßgebliche Bereiche in ihrer Entwicklung und Veränderung eindeutige Trends zeichnen. Festzustellen ist, dass junge Erwachsene nicht mehr so früh sexuell aktiv sind. Während vor der Jahrtausendwende sexuelle Aktivität bei 14-Jährigen völlig normal war, so haben heute bei den 17-Jährigen erst die Hälfte Geschlechtsverkehr-Erfahrung.

Dennoch laufen wie üblich bei der körperlichen und geistigen Frühentwicklung hier die Frauen den Männern den Rang ab: Mit 19 haben 90 Prozent der jungen Frauen das „erste Mal“ erlebt. Junge Männer sind erst zwei bzw. drei Jahre später als die jungen Frauen dran. Aber sollte uns das Sorgen bereiten? Keineswegs, denn ein sorgsamer und dadurch vielleicht auch gefühlvollerer Umgang mit Intimität und Sex sind allemal kein Nachteil. Bei genauerem Hinsehen ist es oft der Mangel „des  Richtigen“ oder „der Richtigen“ für den großen Schritt. Ein doch sehr romantischer Grund, den man den Teenagern vielleicht gar nicht zugetraut hätte.

Kondom oder Pille?

Andrey_Kiselev_Fotolia © Andrey_Kiselev_FotoliaAuch in Sachen Verhütung kann man den Jugendlichen ein hohes Verantwortungsbewusstsein bescheinigen. Über 90 Prozent der sexuell aktiven jungen Menschen sprechen mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin über Verhütung. Das Kondom ist bei Jungen und Mädchen der Klassiker bei den Verhütungsmitteln. An zweiter Stelle steht die Pille. Aber wie so meistens im Leben hat auch diese Medaille zwei Seiten. „Generation Bindungsunfähig“ hört man auch hier und da. Ist die Verschiebung der sexuellen Aktivität vielleicht eher darauf zurück zuführen, dass die Ansprüche der jungen Menschen zu hoch sind? Kann „der/die Richtige“ gar nicht kommen, weil man Mr. Right und Mrs. Wow an Maßstäben misst, die aus Fernsehen und Internet und Übertreibungen der besten Freundin resultieren?

Wo auch immer die Gründe liegen, die Tendenz ist im Ergebnis eher eine positive und vielleicht sollten die Umfragen und Studien-Auswerter mehr Vertrauen in die befragte Generation haben. Denn auch die „sexuell Befreiten“ aus den 1968ern haben sich irgendwann gefangen – so findet jeder Trend auch seinen Gegentrend. Die äußerlichen Einflüsse sind heutzutage sicher  massiver denn je.

Freizügig im Netz?

Im Zeitalter von YouTube, Youporn, Tinder, Instagram, Snapchat und Co. haben diese Plattformen doch sicherlich einen Einfluss auf die sexuellen Erfahrungen der „Generation Selfie“? Laut diesjähriger Dr.-Sommer-Studie stellt nicht nur die Mehrheit der Jungen und Mädchen Selfies ins Internet, sondern jeder zehnte Jugendliche hat sich schon einmal nackt oder erotisch fotografiert. Mindestens dieser Fakt macht deutlich, dass sich gewaltig etwas geändert hat. Nicht zu vergessen, der Konsum von Pornos an sich. Hier haben zumindest die Hälfte der Befragten angegeben, Pornografie im Internet angesehen zu haben. Im Gegensatz dazu stellt sich die Frage, wie viele von denen sich selbst nackt in der Sauna oder am FKK-Strand zeigen würden?

Let’s talk about sex

Der gleichnamige Songtitel von Salt‐N‐Pepa, der 1991 noch hohe Wellen schlug, steht heute ganz selbstverständlich für die Einstellung der jungen Erwachsenen zum Thema. Egal ob mit dem Partner, bei der sexuellen Aufklärung durch die Eltern oder in der schulischen Sexualaufklärung – Mädchen und Jungs scheuen sich heutzutage nicht mehr, offen über die verschiedenen Themen zu sprechen.

 

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Viel Haut zeigen gehört zum lifestyle

Wir sprachen mit der 24-jährigen Tanja aus Kassel. Sie zeigt gerne viel Haut auf ihren Bildern im Facebookprofil. Doch warum tut sie das? „Ehrlich gesagt, habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, warum ich es nicht machen sollte. Über Facebook repräsentiert man sich in gewisser Weise ja schon selber, ob wahrheitsgetreu oder etwas positiver, sei mal dahingestellt. Für mich gehörte „viel Haut zeigen“ schon immer irgendwie zum Life-Style dazu und ich habe mich nie über Nacktheit oder luftigere Kleidung beschwert.“

Tanja versteht nicht, warum mit dem Thema heute immer noch so steif umgegangen wird. „Sicherlich sollte man sich genau überlegen, wie man sich auf einem Portal wie Facebook darstellt, da jeder Zugriff auf deine Seite hat, Privatsphäre-Einstellungen hin oder her, wenn man etwas öffentlich macht, kennt immer irgendwer irgendwen und der kann dann mal einen Blick auf deine Bilder werfen. Das Internet vergisst nichts und das sollte einem bei freizügigeren Bildern bewusst sein.“ Mit ihren freizügigeren Darstellungen hatte Tanja noch keinerlei Probleme gehabt, „außer Dissereien im Netz. Es gibt immer Leute, die anderer Meinung sind als du selbst und das kann schon stark beleidigend werden. Da muss man sich dann überlegen, ob man das einen ran lässt oder ob man einfach drübersteht.“

Sex ist allgegenwärtiger

Ihrer Meinung nach, wird die Freizügigkeit in ihrer Generation besser akzeptiert als in der Generation der Eltern und Großeltern. „Das merkt man schon alleine in der Werbung, wo viel mehr mit Haut gearbeitet wird als vor zehn, zwanzig Jahren. Früher war die Selbstdarstellung vielleicht auch nicht so vordergründig, wie sie heutzutage ist und Möglichkeiten wie Facebook waren undenkbar gewesen. Ich glaube, dass sich die Prioritäten einfach verändert haben.“

Da stellt sich die Frage, ob sich Tanjas Generation in Sachen Sex mehr Zeit als früher nimmt oder eher umgekehrt? Auch darauf weiß die selbstbewusste junge Frau eine Antwort: „Natürlich ist es jetzt schwierig für eine ganze Generation zu sprechen, aber ich würde behaupten, dass Generationen vor uns vielleicht ein bis zwei Partner gehabt haben, weil sie spätestens den zweiten heirateten und mit diesem ihr Leben verbrachten. Da das 21. Jahrhundert wesentlich sexualisierter ist als die Jahrhunderte davor, würde ich behaupten, Sex ist allgegenwärtiger und was man ständig um sich hat, möchte man auch relativ früh mal ausprobieren. Das merkt man alleine schon daran, wie viele sehr junge Mütter und Väter es mittlerweile gibt.“

 

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Wir sprachen mit Dina Kwoll. Die ist 26 Jahre alt, Sozialpädagogin von Beruf und im Bereich der Sexualpädagogik bei pro familia tätig.

BRAUSER: Was hat sich in der Sexualität der Jugendlichen in den letzten Jahren oder Jahrzehnten verändert?

Dina Kwoll: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) befragt seit 1980 Jugendliche zum Thema „Sexualität“ und hat ganz aktuell ihre achte Studie von 2014/2015 vorgestellt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Sexualität von Jugendlichen in den letzten Jahren nicht, wie häufig medial dargestellt, umfassend verändert hat. 2005 gaben in der Altersgruppe der 14-17-jährigen 39% der Mädchen und 33% der Jungen an, Sex gehabt zu haben. In den letzten Jahren waren diese Zahlen sogar leicht rückläufig. Was sich verändert hat ist, dass Jugendliche besser aufgeklärt sind, durch die Schule, das Elternhaus, Peers, Medien oder Beratungsstellen und Sexualität bei weitem nicht mehr so ein Tabuthema wie 1980 ist. Auch in unserer Arbeit machen wir die Erfahrung, dass die Jugendlichen selbstbestimmt und verantwortungsbewusst mit ihrer Sexualität umgehen.

BRAUSER: Welchen Einfluss haben die Medien und das Internet auf die Sexualität der Jugendlichen?

Dina Kwoll: Die Jugendlichen heute gehören zu der Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Es gehört zur heutigen Jugendkultur dazu wie früher die Beiträge von Dr. Sommer in der Bravo. Den gibt es übrigens immer noch, mittlerweile allerdings auch mit eigenem Youtube-Channel. Wie bereits gesagt, zeigen Studien keine negativen Veränderungen für den Zeitpunkt der ersten sexuellen Erfahrungen oder den Wünschen und Vorstellungen von Jugendlichen, wenn es um das Thema Sexualität geht. Bei der Frage nach den bevorzugten Medien zur Sexualaufklärung stehen das Internet und Printmedien bei den Jugendlichen ganz vorn. Häufig genannt werden Wikipedia, Aufklärungs- und Beratungsseiten, Internetforen und Sexfilme. Wichtig ist, dass Jugendliche Ansprechpartner haben, wenn es um das Thema Medien und Sexualität geht. Bei ihnen können sie nachfragen, wenn sie etwas gelesen oder gesehen haben, das sie irritiert.

BRAUSER: Welchen Wert legen sexuell aktive Jugendliche auf Verhütung?

Dina Kwoll: Laut der Studie der BZgA verhüten Jugendliche sehr sicher. Die Pille und das Kondom (häufig in Kombination) sind die am häufigsten genutzten Verhütungsmittel. In längeren heterosexuellen Partnerschaften verliert das Kondom an Bedeutung und die Pille ist das Verhütungsmittel der ersten Wahl. Fragt man Jugendliche nach ihren Gründen für die Wahl eines Verhütungsmittels, nennen sie als wichtigste Faktoren die Sicherheit und Zuverlässigkeit. Außerdem schützt das Kondom vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Wenn bei der Verhütung doch mal etwas schief geht, ist der häufigste Grund den die Jugendlichen angeben, dass es zu spontan zu Sex kam oder die Einnahme der Pille vergessen wurde.

 

Buchtipps

Joannides_PSex-Tipps_126740Wild Thing: Sextipps for Boys and Girls

In diesem informativen, locker und frech geschriebenen Guide steht alles, was man über Sex wissen muss. Keine Frage bleibt offen. Einfühlsames Lehrbuch, medizinisches Nachschlagewerk und Inspirationsquelle in einem, findet in diesem Standardwerk jeder, was er sucht. In der aktualisierten und erweiterten Ausgabe ist es auf dem neuesten Stand in Sachen Sex und Liebesdinge.

Paul Joannides • Goldmann Verlag • 896 Seiten • 14,99 Euro

Cooler Sex: Das Handbuch für ein richtig gutes Liebesleben

Sexuelle Bilder in den Medien dominieren unseren Alltag, pornografische Botschaften begegnen uns auf Schritt und Tritt. Oft bestimmen diese Bilder die Vorstellung, die sich viele Jugendliche von Sexualität machen. Manche Jugendliche lösen sich nicht mehr von solchen Bildern. Cooler Sex räumt mit diesem Bild auf und zeigt, warum echte Begegnung im Sex wichtiger ist, als jede Technik oder Stellung. Warum Entspannung im Sex der Weg zum ultimativen Glücksgefühl ist und warum es sich lohnt, auch mal cool zu bleiben bei der schönsten Sache der Welt!

Diana Richardson, Wendy Doeleman • Edition Innenwelt • 152 Seiten • 15,95 Euro

2016_Q2_Eden_Selmes_Pussycut_2D-Cover_lowresPussycut

Schicke Schnitte für Damenschritte? Haare sind ein Schmuck, aber nur an der richtigen Stelle. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die letzten 100 Jahre Schambehaarungstrends beobachtet. Da Nacktheit allerorten auf uns einprasselt und die Film- und andere Sternchen sogar mit ihren Intim-Frisuren via Instagram hausieren gehen, stehen gerade die jungen Erwachsenen in diesem Bereich auch unter dem vermeintlichen Druck der Mode. Aber ist es nicht einfach auch hygienisch, nicht nur unter den Armen, sondern auch im Schritt für ein wenig Ordnung zu sorgen? Abgesehen davon, dass das für Männlein wie Weiblein gelten könnte, gibt dieses Buch fabelhafte Anregungen für die Frisur im weiblichen Schambereich, also für eine ganz moderne „Dreiecksbeziehung“.

Caroline Selmes • Eden Books • 88 Seiten • 12,95 Euro (erscheint am 19.5.)

Einmal SexEinmal Sex und ein bisschen Liebe

Das Buch enthält 33 Geschichten darüber, welche Wege junge Singles heute wählen, um einander näherzukommen. Eine aufregende Sammlung sexueller Abenteuer in Zeiten des Online-Datings, die uns die heimlichen Aktivitäten unserer Mitmenschen schonungslos vorführt. Unterschiedlicher könnten Geschichten nicht sein, die zusammengenommen ein komplettes Bild vom Paarungsverhalten urbaner Singles zeichnen. Mal lustig und schamlos, mal sexy und elegant erzählen die Geschichten von wahren Begegnungen sowie denkwürdigen Erlebnissen und zeigen, was heutzutage dank Singlebörsen, Fetisch-Portalen oder Flirt-Apps alles möglich ist.

Britta Avalon Kagels • Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag • 256 Seiten • 9,99 Euro

 

Außerdem haben wir mit Björn Lüpke gesprochen. Der gebürtige Kasseler ist unter dem Namen Aaron van Damage in der Pornobranche als Akteur und Produzent tätig.