Sport: Fechten

nejron_photo_monthly_fotolia_com© nejron_photo_monthly_fotolia_com

Was einst zur guten Ausbildung eines Gentlemans gehört hat, ist heute zu einer Randsportart verkommen. Was vielen unbekannt ist: Auch viele Damen haben sich im Fechten geübt. Ob die Vorurteile – wie elitärer Sport und große Verletzungsgefahr – stimmen haben wir im Fechtclub Kassel selbst getestet.

Wille und Konsequenz sind das Wichtigste

Eisenklingen klirren gegeneinander. Dann wird es wieder still in der Halle des Fechtclubs Kassel. Taktieren, den Duellpartner genau beobachten – was plant er als nächstes? Geduld ist gefragt. Wachsam bleiben – auch wenn einige Sekunden lang nichts passiert und der Gegner nur droht, indem er den Abstand zu verkleinern sucht. Nur ein Wimpernschlag bis zur Reaktion: Arm strecken, Ausfallschritt, ein lautes „Möööp“ schallt durch die Halle. Getroffen.

Rund 150 Fechter aus Kassel und dem Schwalm-Eder-Kreis treffen jede Woche in solchen Duellen aufeinander und schulen damit ihre Zielsicherheit und ihren Willen. „Beim Fechten geht es in erster Linie darum, den Gegner zu treffen – und selbst nicht getroffen zu werden“, erklärt Fechtmeister Daniel von der Ahé. Das erfordere vor allem eines: Ein perfekte Taktik und Konsequenz. „Wichtig ist der Treffer-Wille. Ein Fechter darf keine Skrupel haben, den Gegner zu treffen – jede Unsicherheit kann zum Gegentreffer führen“, sagt der Fechtmeister.

Die Knochen bleiben ganz

Daniel von der Ahé unterrichtet seit etwa 17 Jahren die Mitglieder des Fechtclubs am Degen. Der 50-Jährige aus Kassel hat bereits mit sechs Jahren die erste Klinge in der Hand gehabt. „Ich habe mit dem Florett begonnen“, erinnert er sich. Erst als Ahé Mitglied des Fechtclubs Kassel wird, spezialisiert er sich auf den Degen.

fechten_top„Fechten gehört zu den sichersten Sportarten überhaupt. Sicherer ist nur Badminton“, sagt Ahé und bezieht sich dabei auf eine Studie der University of Oslo. Bei den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking haben die Wissenschaftler untersucht, wie hoch die Verletzungsraten der einzelnen Sportarten sind. Fechten gehört demnach zu den ungefährlichsten. „Natürlich kann man sich mal ein Band zerren oder einen Muskel überdehnen“, gibt Daniel von der Ahé zu bedenken, „aber das ist tatsächlich kaum der Fall.“

Abgebrochene Klingen haben keine Chance

Dass das Risiko bei dem Kampfsport so niedrig ist, liegt vor allem an der Schutzkleidung: Hose, Unterzieh-Plastron (Schutzpolster) und Fechtjacke sind aus Kevlar gefertigt; ein leichter, widerstandfähiger und vor allem besonders stichfester Stoff aus Aramid-Fasern. Für die Frauen gibt es als zusätzlichen Schutz einen Brustpanzer aus Plastik und für die Männer bei Bedarf ein Suspensorium. Die Gefechts-Hand wird außerdem mit einem Handschuh aus Kevlar und Wildleder geschützt.

„Das Drahtgeflecht der Fechtmaske ist so fest, dass man im Prinzip mit einer kleinkalibrigen Waffe darauf schießen könnte“, erklärt der Fechtmeister. Schmisse im Gesicht oder Halsbereich sind deshalb schon durch die Fechtmaske nicht möglich. Die stumpfen Klingen tun ihr Übriges zur Sicherheit: Die Spitzen dienen heute nicht mehr dazu, den Gegner zu verletzen oder zu töten, sondern um die Treffer anzuzeigen. Sobald die Klinge mit dem Duell-Partner in Berührung kommt, löst der Sensor aus. Über ein Kabel ist der Fechter mit dem Zähler verbunden.

„Die komplette Ausrüstung kostet neu etwa 300 bis 700 Euro. Je nachdem wie groß der Fechter ist“, sagt Ahé. „Aber im Club gibt es auch eine große Tauschbörse, die besonders die jungen Fechter nutzen. Kleidung, die zu klein geworden ist, wird an den nächst Jüngeren abgegeben.“ Der Gruppenzusammenhalt werde unter anderem dadurch gestärkt.

Elitär? Nicht auf der Fechtbahn!

„Sobald die Maske über dem Gesicht ist, sind alle gleich. Deshalb ist es ein Vorurteil, dass Fechten ein elitärer Sport wäre“, betont der Trainer. In der Halle sind alle Nationalitäten, Altersklassen, Gesellschaftsschichten und Gewichtsklassen willkommen.

„Als Fechter lernt man sehr gut mit Niederlagen umzugehen. Natürlich kann man ein Duell verlieren. In dem Moment ist der Gegener stärker. Aber sobald sich die Fechter nach dem Gefecht gegrüßt und die Hand gegeben haben, werden aus Feinden wieder Freunde“, erklärt Daniel von der Ahé. Dieser feine aber wichtige Unterschied sei auch fürs Berufsleben sehr wichtig. „Ich denke, dass Fechter das Potenzial entwickeln, im Beruf sehr erfolgreich zu werden. Sie können eher zwischen einer fachlichen und persönlichen Diskussion unterscheiden – eben weil sie auf der Fechtbahn dazu gezwungen sind, eine Niederlage nicht persönlich zu nehmen“, erklärt Ahé.

Die Taktik auf der Fechtbahn bleibt jedoch erfolglos, wenn sie nicht blitzschnell ausgeführt wird. Daher wird Fechten auch als Schach auf der Planche (Anmerk. d. Redaktion: franz. Fechtbahn) in Formel-1-Geschwindigkeit bezeichnet. Und dabei kommt es vor allem auf flinke Beine an.

Was auf zwei Beinen geht, geht auch auf zwei Rädern

mb176560Im Fechtclub Kassel gibt es jedoch nicht nur Fußfechter, sondern auch Rollstuhlfechter. Zu ihnen gehört unter anderem die Silbermedaillen-Gewinnerin der Paralympics in London 2012: Simone Briese-Baetke. Die 49-Jährige hat den Sport erst vor etwa acht Jahren für sich entdeckt. „Ich bin sportlich aktiv seit ich denken kann. Bevor ich krank wurde, war ich Läuferin“, sagt Briese-Baetke. Auch ihre Lähmung konnte die Sportlerin nicht bremsen. Mit 41 Jahren griff sie zum Degen. „Rollstuhlfechter sitzen fest verankert in ihren Rollstühlen. Sämt-liche Bewegungen kommen aus dem Oberkörper“, erklärt Daniel von der Ahé. Getroffen werden darf hier aber nur der Oberkörper. „In den Beinen spühren wir nichts und können sie deshalb nicht weg-ziehen“, erklärt Briese-Baetke und lächelt. Bei den Fußfechtern hingegen zählt der ganze Körper als Trefferfläche.

Training mit Knack-Po-Garantie

Aufstellung zum Duell: Im Abstand von einer ausgestreckten Arm-Klingen-Länge gehen die Partner leicht in Fechtstellung – das Spielbein vorn, das Sprungbein etwa zwei bis drei Fußlängen dahinter, nicht ganz in die Hocke. Schon nach den ersten Minuten brennt die angespannte Bein- und Po-Muskulatur. Auch wenn die Außentemperaturen eisig sind, laufen unter der Fechtmaske schon nach zehn Minuten dicke Schweißperlen von der Stirn. Die Gegnerklinge stößt fest in den Oberarm – eine Szene, die schneller läuft als der Sekunden-zähler auf der Uhr. Noch bevor der dumpfe Schmerz an der getroffenen Stelle nachlässt, klirren die Klingen wieder gegeneinander.

Nur ein Ablenkmanöver, um den Duellpartner aus der Konzentration zu reißen. Keine Chance, er streckt den Arm, der nächste Stoß, ein neuer blauer Fleck – die Schrammen des Gefechts.

Fechtclub Kassel

• Der Fechtclub Kassel ist 1994 aus der Fechtabteilung des KSV entstanden.
• Die Fechthalle in der Luisenstraße ist durch ehrenamtliche Leistung der Mitglieder entstanden.
• Derzeit ist der Club in der hessischen Rangliste in der Klasse „Schüler“ auf Platz 2.
• Jeder ist als Mitglied willkommen: Die Bambinigruppe richtet sich an Kinder ab 6 bis 9 Jahre. Weiter geht’s in der Schülergruppe
(9-11 Jahre), B-Jugend (12-13 Jahre),
Jugendliche (ab 14) und Erwachsene (ab 17 Jahre).
• Mitgliedbeitrag für Kinder: 25 Euro im Monat
• Anfänger haben eine Probezeit von sechs Wochen und bekommen die Fechtausrüstung vom Club gestellt. Für den Anfang reicht also normale Sportkleidung (T-Shirt, lange Sporthose, Hallenschuhe).

Mehr auf www.fechtclub-kassel.de