Gardetanz: Die Freude am Tanzen

Die Karnevalszeit hat begonnen. Bei den Prunksitzungen und Büttenreden dürfen die Tanzeinlagen der Garden nicht fehlen. Dass die zahlreichen Tänzer und Tänzerinnen aber nicht nur in der närrischen Zeit trainieren und auftreten, wissen die Wenigsten. Gardetanz wird als Sportart ganzjährig betrieben und zudem werden Meisterschaften ausgetragen. Der BRAUSER sprach mit vier jungen Leuten, die leidenschaftlich getreu dem Motto „Bühne frei und hoch das Bein!“ den Tanzsport ausüben.

Tanzsport
Julien-Marcel, Miriam, Mandy und Sören gehören dem Karnevalgesellschaft & Tanz-Sport-Club Herkules Kassel 1960 e.V. an und stecken alle schon seit ihrer Kindheit in den „Tanz“-Schuhen. „Seit meiner Geburt vor 20 Jahren bin ich dabei. Dadurch, dass meine Eltern auch im Gardetanz aktiv waren, gab es keine andere Option“, erzählt Julien-Marcel Butzmann schmunzelnd. Auch Sören Reiße ist seit seinem zehnten Lebensjahr dabei und antwortet auf unsere Frage „Seit 21 Jahren betreibe ich jetzt schon den Sport, zu dem ich durch meinen Vater gekommen bin“. Die 26-jährige Mandy Wienczkewicz tanzt bereits seit 19 Jahren. „Durch den früheren Lebensgefährten meiner Mutter bin ich mit sieben Jahre zum Gardetanz gekommen“, verrät sie. Ganz anders bei Miriam Pape, deren Stiefschwester sie vor 12 Jahren mit ins Training genommen hat.

Teamgeist und Leidenschaft

Alle vier sind sich einig, dass der Teamgeist und die Leidenschaft zum Tanz das Besondere an diesem Sport sind. „Der Gruppenzusammenhalt im Verein ist schon sehr wichtig“, ergänzt Julien-Marcel.

Miriam erzählt in diesem Zusammenhang eine Anekdote, die sich erst kürzlich ereignete: „Meine Trainerin hat bei einem Turnier die Musik zu Hause vergessen. Ihr Mann (auch unser Trainer) ist extra noch einmal die 180 Kilometer nach Hause gefahren und hat die Musik geholt. So etwas zeigt Zusammenhalt!“ Man spürt, dass alle ein Team, eine Familie und ein Ziel haben. Und so geht es frei nach dem Motto zu „Je größer das Ziel, desto größer das Lächeln!“

Hartes Training

Dass man fest mit dem Sport verwurzelt sein muss, zeigt schon das Tanzsport1wöchentliche Trainingsprogramm. Alle trainieren dreimal die Woche, das ganze Jahr. „Erst aufwärmen, und dann gilt es Kondition und Kraft aufzubauen“, meint Miriam und Mandy erzählt, „Der Tanz muss bis ins kleinste geprobt werden.“ Auch Hebungen und Akrobatik sind Teil des Trainingsprogramms. „Vor Turnieren und Meisterschaften werden auch mehr Trainingseinheiten eingelegt“, verrät Julien-Marcel. Im vergangenen Jahr waren er und Miriam zusammen im Urlaub und haben dort im Pool die Hebungen geübt. Gardetanz ist eben alles andere als ein Kinderspiel. „Trainiert wird hart, die Kostüme sind teuer und die Erwartungen der Jury bei den Turnieren sind immens hoch“, so Julien-Marcel. Der heutige Gardetanz oder auch Gardetanzsport ist auf die Girltruppen der Revuetheater aus den 1920er und 1930er Jahren zurückzuführen. Miriam erklärt, dass bei Gardetanz die Gelenkigkeit wichtig ist. „Es ist die Verbindung zwischen Ballett, Akro-batik und Tanz“, so die Schülerin. Natürlich bleiben auch, wie in fast jeder Sportart, Verletzungen nicht aus. „Mit Bänderdehnung, Bänderriss, Mittelfußknochenbruch und noch einiges mehr musste ich schon kämpfen“, teilt Sören uns mit. Auch Mandy hatte bereits mehrere Läsionen. „Ich hatte mal eine Sitzbeinknochenentzündung“, teilt Miriam mit. Mehr Glück hatte da Julien-Marcel, der nur eine Bänderdehnung in seinen sportlichen 20 Jahren hatte.

Voraussetzungen

Wer Gardetanz betreiben möchte, sollte Freude am Tanz, einen gewissen Ehrgeiz haben und lernfähig und lernwillig zu sein. Daneben sind auch Talent und Rhythmus sowie motorische Fähigkeiten überaus wichtig. Auch ein gewisses Taktgefühl ist nicht ganz unerheblich. Da Wettkämpfe einen großen Zeitfaktor in Anspruch nehmen, ist der Rückhalt der Familie und Freunde überaus wichtig. „Meine Eltern und Großeltern stehen immer hinter mir und unterstützen mich und sind immer dabei“, sagt Julien-Marcel. Auch Miriam ist es sehr wichtig, dass ihre Mama sie immer unterstützt. Und Sören ergänzt „Wenn man mal keine Lust hat, bauen gerade Familie und Freunde einen wieder auf.“

Der Wettkampf

Und wie läuft eigentlich so ein Wettkampftag ab? Wie bereitet man sich vor? Alle sind sehr konzentriert und versuchen die Ruhe zu bewahren. Julien-Marcel wärmt sich auf, hört sich die Musik noch einmal an, geht dann den Tanz noch einmal durch und probt alle Hebungen. „Ich wärme mich auf und versuche Ruhe und Konzentration vor dem Tanz zu bewahren“, so Miriam. Auch für Mandy liegt in der Ruhe die Kraft. Sören meint „Gut frühstücken an diesem Tag gehört für mich auch dazu“. Und dann kann es losgehen! Für den Gardetanzauftritt wird ausschließlich Marsch- oder marschähnliche Musik sowie Klassik gewählt. Beim karnevalistischen Tanzsport gibt es fünf Disziplinen. Diese sind Paartanz, weibliche Garde, gemischte Garde, Tanzmariechen und Schautanz. Es gibt sieben Wertungsrichter und einen Obmann. Die höchste und die niedrigste Wertung wird gestrichen. Die Höchstpunktzahl ist 100.

Ziele, Träume und Erfolge

Für die Zukunft hat sich JuliTanzsport3en-Marcel vorgenommen, seine Ausbildung zu schaffen und dann den Trainerschein zu machen. Miriam möchte tänzerisch noch besser werden und eine erfolgreiche Zukunft haben. „Mein größter Traum ist es, bei den Norddeutschen Meisterschaften mit meiner Tanzpartnerin auf dem Treppchen zu stehen“ verrät Julien-Marcel. Sein bisher größter sportlicher Erfolg war der 5. Platz bei der Deutschen Meisterschaft. Diesen Erfolg durfte auch Sören verzeichnen. Auch Miriam möchte einmal ganz oben auf dem Treppchen stehen. „Mein tollstes Erlebnis war, als ich als Mariechen auf der Deutschen Meisterschaft tanzen durfte.“ Erfolgreich zu sein, ist auch Mandys Traum, den sie sich unbedingt eines Tages mal erfüllen möchte. Ihre Trainerin Jacqueline ist ihr Vorbild.

Abseits vom Sport

Natürlich gibt es auch ein Leben neben dem Sport – oder doch nicht? Mandy hat einen 5-jährigen Sohn, der sie in Anspruch nimmt und im Leben glücklich macht. „Aber meine Freizeit ist das Tanzen“, sagt sie lachend. Sören geht gerne schwimmen und ins Kino und trifft sich mit Freunden. Seine Partnerin und ihr Sohn Luca sind für ihn das größte Glück. „In meiner übrig gebliebenen Freizeit gehe ich joggen oder treffe mich mit meiner Freundin“, berichtet Julien-Marcel. Für ihn ist auch wichtig, dass seine Familie gesund ist. Auch Miriam sind Freunde enorm wichtig und sie trifft sich regelmäßig mit ihnen. „Und

wenn ich eine Ausbildungsstelle fände, würde mich das im Moment sehr glücklich machen“, sagt Miriam. Andere Sportarten locken die Tänzer und Tänzerinnen übrigens nicht. Sie alle bleiben ihrem Tanzkostüm treu. „Ich habe fünf Jahre Ballett gemacht und würde nie mehr die Tanzstiefel tauschen“, sagt Mandy mit fester Stimme und inbrünstig.

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