Ein Tag mit Oliver Gerke

Oliver Gerke studierte Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel und wurde abschließend zum Meisterschüler ernannt. Er arbeitete dann zunächst als Grafiker für eine Werbefirma, wurde dann aber von den Fernschulen ILS und HAF als Studienleiter und Dozent für die Bereiche Kunst, Grafik, Comic und Illustration angeworben. Im Auftrag dieser Fernuniversitäten hat er verschiedene Lehrbücher verfasst. 2013 bis 2015 drehte er zusammen mit der HAF, aufbauend auf diese Lehrwerke, eine Serie von Lehrvideos, denen noch weitere folgen sollen. Er arbeitet auch weiterhin als freier Künstler. Seit 2015 in der Zeitschrift Yps.

Yps

Was machst du morgens als erstes, wenn dein Wecker klingelt? Wie viel Uhr ist es dann?

Ich lasse mich nie vom Wecker wecken. Das liegt daran, dass ich meistens zwischen 6 und 7 Uhr von ganz alleine aufwache. Für einen erfolgreichen Start in den Tag stehen dann erst mal Frühstück und Kaffee auf dem Programm!

Wie lange brauchst du morgens im Bad?

Das ist sehr variabel. Ich verbuche Rekordzeiten von unter 5, bis hin zu chilligen 30 Minuten.

Was isst du am liebsten zum Frühstück? Gemütlich am Tisch oder schnell auf dem Weg?

Mein Frühstück besteht oft nur aus einer Banane. Dazu gibt’s dann aber Kaffee mit ganz (ganz!!!) viel Milch. Dazu nehme ich mir aber in der Regel viel Zeit und lese Zeitung oder neu erworbene Comics.

Wann steht die erste Pause an (Uhrzeit) und was gibt’s zum Mittagessen? Isst du allein oder mit Kollegen, Freunden?

Die erste Pause steht dann meistens so zwischen 11 und 12 Uhr an, wenn meine Katze um mich herumschleicht. Dann weiß ich, dass es sowohl für sie als auch für mich nicht schlecht wäre, jetzt erst einmal gemütlich was zu essen. Das Essen gestalte ich dann, je nach Appetit, mal einfacher und mal aufwendiger.

Wie viel Zeit am Tag verbringst du im Internet?

Dadurch, dass ich eine Menge Studenten betreue, oder das eine oder andere für meine Bücher recherchieren muss, bin ich zumindest „passiv“ ständig online. Wirklich aktiv im Internet bin ich ca. 1 bis 2 Stunden, aber an manchen Tagen auch nur wenige Minuten.

Ein Termin ist ausgefallen: Wie nutzt du die überraschende Stunde freier Zeit?

Im Sommer fahre ich viel mit dem Fahrrad oder jogge und im Winter gehe ich stattdessen ins Fitnessstudio. Wenn man so viel im Sitzen arbeitet, ist körperliche Fitness keine Selbstverständlichkeit. Kürzere Zeitfenster nutze ich jedoch oft zum Gitarre spielen oder auch doch wiederum zum Malen, Zeichnen und Comics lesen. 😉

Wie viele Nachrichten (SMS, WhatsApp) verschickst du im Schnitt täglich?

SMS schreibe ich meistens nur ein bis drei in der Woche, wenn ich mich mit meinen Mitmusikern aus der Band, auf die wöchentliche Probe abstimme. WhatsApp nutze ich gar nicht.

Fährst du alle Strecken mit dem Auto oder trifft man dich auch mal auf der Straße (wenn ja, wo?)

Leider muss ich immer einen Haufen „Kram“, für Zeichenkurse, als Post an Studenten oder auch für mein Hobby das Musizieren* transportieren. Deshalb nutze ich leider viel zu oft das Auto. Sowie ich mal nichts von A nach B bringen muss oder kürzere Wege zurückzulegen habe, fahre ich mit dem Fahrrad oder gehe schlicht zu Fuß. Man trifft mich dann wahrscheinlich meistens irgendwo in Bad Wilhelmshöhe oder im schönen Fuldatal.

Was erledigst du auf jeden Fall noch bevor du ins Bett gehst? Um welche Zeit gehst Du ins Bett?

Auf alle Fälle braucht die Katze immer noch was in ihren Fressnapf bevor ich ins Bett gehe! Ins Bett gehe ich dann so ca. um 10 Uhr.

Der perfekte Tag endet/beginnt für dich mit…?

Einem guten Buch oder Comic!

Studio oder Shopping: Wie wichtig sind Sport/Klamotten in deinem Leben?

Sport ist sehr wichtig! Klamotten völlig nebensächlich.

Wo kannst du entspannen wenn dich mal alles nervt?

Im Fitnessstudio oder auf dem Fahrrad in der Natur. Aber auch das Zeichnen hat immer wieder eine meditative, entspannende Wirkung auf mich.

Welche Rituale/Ticks hast du am Tag?

Man kann dieses Ritual, das nahezu jeden Abend, zur gleichen Zeit stattfindet, mit vier „F“ betiteln. Freundin, Flöckchen (Name der Katze), Fernsehen, Füße hoch!

Mit wem würdest du gern deinen Tag für einen Tag tauschen?

Früher als Kind hatte ich mal den verrückten Wunsch Bademeister im Freibad werden. Ich könnte mir schon vorstellen, einen Tag diesen Job zu machen, wenn die Bedingungen stimmen. Natürlich nur, wenn es ordentlich sonnig und das Becken ziemlich menschenleer wäre. 😉

Für was hättest du gerne mehr Zeit am Tag?

Mich mit Freunden zu treffen.

Planst du deinen Tag vorab oder lässt du dich treiben?

Eigentlich plane ich meinen Tag schon, nehme das aber nicht allzu ernst, weil ich aus der Erfahrung weiß, dass er hinterher sowieso

ganz anders verläuft.

Wann hast du dein erstes Yps-Heft in der Hand gehalten? Was war das für ein Gefühl?

Mein erstes Yps Heft hat mir meine Mutter gekauft, als sie beim ypssFrisör war und ich dabei saß und sehr lange warten musste. Da war ich 7 Jahre alt. Ich war sofort völlig gebannt, aber auch ein bisschen überfordert von dem vielen kulturellen Neuland, das mir darin offeriert wurde. Natürlich war das Gimmick darin (ich glaube es war so eine Art Armbrust, die nur bis zum Nachmittag hielt) erst mal am tollsten. Ich war aber auch sofort an den ganzen wissenschaftlichen Artikeln darin interessiert. Besonders die Comics haben mich dann aber in eine ganz andere Welt katapultiert. Comics die so ausgefeilt und gekonnt gezeichnet waren, gab es damals im deutschsprachigen Raum kaum. Kein Wunder, denn die von Yps wurden größtenteils von den bekanntesten Zeichnern aus dem frankobelgischen Bereich angefertigt. Yps stellte viele Kinder von damals vor ein großes Dilemma: Man wollte später einen Beruf ergreifen, bei dem man gleichzeitig Agent, Privatdetektiv, Naturforscher, Astronaut, Erfinder und Comiczeichner gleichzeitig war!

Was war das tollste Yps-Gimmick, was du je im Heft hattest?

Obwohl ich schon sehr bald die Hefte gar nicht mehr wegen den Gimmicks sondern nur noch wegen der Comics gekauft habe, kann ich mich noch sehr gut an eines erinnern: Die Minibuch-Pistole mit Doppel-Schuss in Heft 356. Ich habe die ganze Woche vorher in heißer Erwartung darauf hingefiebert. Als ich es dann endlich hatte, war ich sowohl euphorisch als auch über die geringe Größe des Gimmicks enttäuscht. Es machte seinem Namen „Mini“-Buch Pistole alle Ehre.

Wie lange brauchst du, um eine Geschichte zu zeichnen?

Ich brauche für eine Geschichte ca. zwei Monate. Da die Hefte ab nächsten März alle zwei Monate herauskommen und es immer 6 bis 8 Seiten sind, ist das schon recht schnell.

Wie genau entsteht so ein Comic?

Das ist sehr komplex. Aber in Kürze gesagt, kann man sich das ein bisschen so vorstellen, wie wenn ein Film entsteht. Erst schreibe ich ein Drehbuch, dann kommt ein Storyboard mit einer erstmaligen Visualisierung der Bildsequenzen, dann ein Entwurf für die Seitenlayouts mit den Panels, dann wird alles vorgezeichnet (mache ich mit einem blauen Buntstift, weil man den im Computer am besten von den Reinzeichnungen trennen kann), dann zeichne ich mit einem Pinsel, einer Feder und Tusche die eigentlichen Linien (Outlines), dann wird alles eingescannt, von der Vorzeichnung gereinigt, wieder ausgedruckt und koloriert (passiert manchmal auch schon im Computer) und ganz am Ende wird am Computer der Text eingesetzt. Das macht aber auch jeder ein bisschen anders. Viele denken immer, dass heutzutage alles am Computer gemacht wird. Doch gerade auch bei vielen neuen Comics und Graphic Novels arbeiten tendenziell wieder mehr Zeichner auf Papier. Die Zeichnungen sind dann einfach immer noch besser und natürlicher und es geht sogar oft alles viel schneller.

Läuft beim Zeichnen, Musik? Das Radio? Ein Hörspiel? Oder brauchst du absolute Ruhe?

Das kommt immer auf die Arbeitsphase an. Beim Ausdenken des Textes, der Story und teilweise auch bei der Vorzeichnung brauche ich absolute Ruhe, damit ich den Ablauf und die Wirkung auf den Betrachter klar vor Augen habe. Bei der Reinzeichnung und beim Kolorieren sieht das schon anders aus. Da kann dann schon mal was nebenbei laufen. Radio höre ich nie, weil da immer nur der gleiche seichte Einheitsbrei serviert wird. Wenn, dann höre ich meine eigene Musiksammlung. Als Kind der Yps-Generation höre ich natürlich nebenbei auch immer noch gerne Hörspiele.

Welche beruflichen und privaten Ziele möchtest du in den nächsten Jahren erreichen?

Beruflich hoffe ich natürlich, weiter viele tolle Comics zeichnen zu können. Privat ist es, denke ich, immer anstrebenswert, dass man gesund und zufrieden bleibt. Dafür ist natürlich auch immer entscheidend, dass es der Familie und den engsten Freunden gut geht.

Hast du einen Tipp an Nachwuchs-Zeichner?

– Zeichnet mehr nach der Natur. Zeichnen ist auch die Kunst des Sehens!
– Der Bleistift ist die Mutter aller Zeichenwerkzeuge und das beste Trainingsgerät zugleich!
– Lest mehr Comics! Ohne die Rezeption der klassischen Comic-Literatur, kann man nur sehr schwer eine eigne Syntax oder Semantik in Bildern aufbauen.

Du zeichnest nicht nur für die Yps-Hefte, sondern machst auch noch viele andere Sachen. Was unterscheidet die Arbeit für Erwachsene von der für Kinder?

Die Frage ist jetzt beinahe in wenig paradox, denn eigentlich sind die neuen Yps-Hefte ja für Erwachsene geschrieben. Von daher sind auch die Comics immer eher für ein Erwachsenenpublikum ausgedacht. Ich gestalte allerdings die Comics so, dass sie auch von Kindern gelesen und verstanden werden können. Das fällt mir relativ leicht, da ich sowohl schon Schulbücher, als auch studentische Lehrwerke über das Malen und Zeichnen verfasst habe. Die Inhalte müssen auch hierbei für alle Adressaten gleich gut verständlich sein und überschneiden sich inhaltlich oft.

Wenn es um den Unterschied beim Malen und Zeichnen von Comics und meiner übrigen Werke geht, sehe ich diese vor allem in dem, was die Betrachter hinterher in dem künstlerischen Schaffen sehen.

Ich selbst empfinde sowohl meine abstrakten Lithografien und Siebdrucke, die naturalistischen Gemälde und Zeichnungen, als auch meine Comiczeichnungen als künstlerisch gleichrangig.

Natürlich sind besonders meine abstrakten Werke konzeptionell und intellektuell erst einmal schwerer zu fassen. Die Comics zu zeichnen, wird von Außenstehenden oft fälschlicherweise als sowohl technisch, als auch inhaltlich „einfacher“ angesehen. Dieser Vermutung muss ich jedoch deutlich widersprechen. Diejenigen, die selbst viele Comics lesen oder sogar selbst einmal versucht haben, in der Richtung etwas zu zeichnen, wissen wovon ich rede.

Dass hierzulande jedoch selbst einige kulturell gebildete Menschen mit Comics oft nicht so viel anfangen können, liegt vor allem an dem kulturellen Versäumnis, das im deutschsprachigen Raum bezüglich der Kompetenzvermittlung zur Rezeption der Comics vorliegt. Gute Comics sind sowohl hochwertige Literatur als auch Zeichenkunst zugleich. Sie richtig zu lesen, will gelernt sein. Das ist oft viel anspruchsvoller, als nur einen Film im Kino anzuschauen. Woher diese hierzulande vorherrschende „Leseschwäche“ im Bezug auf die Comicliteratur kommt, ist jedoch noch eine viel längere und kompliziertere Geschichte.