Billigmode: Geld oder Gewissen?

BilligmodeKlamotten, Konsum, kaufen, kaufen, kaufen… in Zeiten von Shops wie Primark, H&M und Co. boomt das Geschäft mit der Massenware Mode. Obwohl eine Studie der Umweltorganisation Greenpeace zeigt, dass Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren genau über die unwürdigen Arbeitsbedingungen in der Textilherstellung Bescheid wissen, wird genau in diesen Läden gekauft und tütenweise nach Hause getragen. Ob und welche Alternativen es gibt, wollen wir vom BRAUSER beleuchten.

Mode soll Spaß machen. Schon unser Kleidungsstil verrät unserem Gegenüber einiges von uns, ohne dass man sich näher kennt. Ob lässig, sportlich, verspielt, flippig oder extravagant – welchen Stil man auch immer bevorzugt – es ist wichtig, sich nicht dem unüberlegten Konsum und Modediktat zu unterwerfen. Uns wird suggeriert, man brauche dauernd neue Kleidung. Gerade die weibliche Spezies ist dafür sehr empfänglich. Heute sind kurze Röcke, schmale Tops und Skinny Jeans total in. Nicht einmal zwei Monate später trägt man, wenn man up to date sein will, lieber lange Röcke, fließend weite Oberteile und Boyfriend-Jeans.

Ungetragene Stücke

Im Durchschnitt hat jeder von uns 80 bis 100 Kleidungsstücke im Schrank hängen. Laut Studien befinden sich darunter im Durchschnitt 20 Kleidungsstücke, die wir niemals anziehen. Das ist in etwa ein Fünftel, das ungenutzt bleibt. Und jeder von uns hat mindestens ein Teil, an dem sich sogar noch das Originaletikett befindet. Fast Fahion nennt man die billige und schnell verfügbare Mode, die es in den meisten großen Modeketten zu kaufen gibt. Allein der schwedische Kleiderhersteller bringt in einem Jahr 12 Kollektionen heraus – Zwischenkollektionen nicht mit eigerechnet. Das heißt, jeden Monat gibt es eine Neue! Laut eines Artikels im Spiegel, „kauft jeder Deutsche fünf neue Kleidungsstücke im Monat, Jugendliche eher mehr. Die Hälfte aller Jugendlichen gibt bis zu 40 Euro, die Älteren vermehrt sogar über 50 Euro im Monat für Kleidung aus.“ Wer soll die mehr als 60 neuen Kleidungsstücke im Jahr tragen?

Erschreckende Zahlen

Jetzt werden viele Leser sagen „Ja, aber ich sortiere ja aus und gebe „alte Kleidung“ in die Kleiderspende. Dazu mal ein paar Zahlen: In der Altkleidersammlung in Deutschland landen jährlich 750.000 Tonnen Textilien = 1,5 Milliarden Kleidungsstü̈cke, 9 Kilogramm pro Kopf oder 15 Jeans oder 90 T-Shirts. „Dies entspricht einer LKW-Schlange von Kiel bis Mü̈nchen gefü̈llt mit Kleiderbeuteln“, so das bundesweite Netzwerk FairWertung. Diese Wegwerfmentalität trägt dazu bei, dass in den Produktionsländern eine Verletzung von Menschenrechten stattfindet – durch ökologisch und sozial unverantwortlicher Fertigung der Kleidung, die wir konsumieren. Davon mal abgesehen, dass die Sammlung der Altkleider oft dubios und undurchsichtig ist und die Kleiderballen in Afrika, Osteuropa oder dem mittleren Osten landen und dort lukrativ weiterverkauft werden. Gebrauchte Kleidung also lieber in Kleiderkammern z.B. von Obdachlosenunterkü̈nften, in Läden wie z.B. Oxfam (Friedrich-Ebert-Str. 25, Kassel), die den Erlös der verkauften Kleidung fü̈r gemeinnü̈tzige Zwecke einsetzen, in Frauenhäuser sowie in Second-Hand-Läden und auf Trödelmärkte bringen.

Fehlende Wertschätzung

Wir haben das Bewusstsein verloren, für Sachen, die von Menschen gefertigt wurden – und wir treten ihre unwürdigen Arbeitsbedingungen mit unserem Kaufverhalten sprichwörtlich mit den Füßen. Ein T-Shirt bei Primark oder H&M kostet oft nur so viel wie ein belegtes Brötchen oder eine Straßenbahnfahrt in der Stadt. 27 Millionen Frauen zwischen 14 und 30 Jahren sind als Näherinnen in den Fabriken in Indien, China, Indonesien, Bangladesch oder anderen Ländern tätig. Eine Sieben-Tage-Woche, Nachtschichten und Überstunden sind keine Seltenheit. Als Lohn bekommen sie z.B. in Bangladesch gerade einmal 50 Euro im Monat. Es gibt zudem keine Sozial- und Sicherheitsstandards und die Möglichkeit sich gewerkschaftlich zu organisieren. Allerdings sind selbst teure Stücke nicht gleich ethisch korrekt produziert. Knackpunkt ist die untransparente Lieferkette. Auch Auftraggeber wissen deshalb oftmals nicht, wo die Produkte hergestellt werden. Das fängt bereits beim Anbau und Ernte der Baumwolle an.

Billigmode

Vorurteile

Natürlich hat nicht jeder das Budget zur Verfügung, um sich mit einem kompletten fairen Outfit einzukleiden. Obwohl das unter anderem eines von drei typischen Vorurteilen gegenüber fair gehandelter und fair produzierter Mode ist. Dazu kommt noch, das es sie nicht überall zu kaufen gibt und man damit wie ein typischer Öko aussieht. Laut eines Artikels in der ZEIT „kostet faire Mode zwar mehr als Textilien aus dem Discounter. Einen preislichen Unterschied zu konventionell gehandelter und produzierter Mode gibt es aber nicht unbedingt. Beispielsweise zahlt man für einen Kapuzenpulli der Marke Continental Clothing, deren Mode unter geprüft fairen Produktionsbedingungen entsteht, 26,95 Euro. Ein vergleichbarer Pullover aus konventioneller Produktion kostet aktuell bei H&M zwischen 20 und 25 Euro, bei Esprit zwischen 35 und 50 Euro.“ Lieber weniger kaufen, dafür aber langlebige und qualitativ hochwertige Kleidung besitzen.

 Nachhaltige Alternativen

Jeder sollte sein Einkaufsverhalten hinterfragen. Brauche ich die 12te Bluse, die 16te Jeans und den x-ten Bikini für den Sommer wirklich? Auch in Second-Hand-Läden oder auf Kleidermärkten wird man in Sachen stylishe Mode fündig. Leider sind diese Alternativen immer noch mit Vorurteilen behaftet. Schade, denn ein Vorteil von Second-Hand ist der individuelle Stil und geile Einzelstücke, die uns nicht wie eine Armee von Modemarionetten aussehen lässt. Wie oft sieht man in der Stadt die uniformierten H&M-Mädchen, die gefühlt alle gleich aussehen? Zum Thema Second-Hand und wie cool man sich dort einkleiden kann, legen wir euch den Blog von der Frankfurterin Hindi Kiflai ans Herz. Sie macht 2015 den Selbsttest „365 Tage in Secondhand-Kleidung“.
Auf www.dailyrewind.de zeigt sie jeden Tag ein neues Outfit, das sie ausschließlich in Oxfam-Shops, auf Flohmärkten oder durch Kleidertäusche bekommt. Nachahmenswert!

Stichwort Lebendigkeit

Als Beispiel mal eine Marke – nämlich Nudie Jeans – die sich mit einer 119 Euro Jeans im oberen Preissegment bewegt. Produziert wird mit Bio-Baumwolle sowie mit natürlichen Farbstoffen. Erwähnenswert ist aber das tolle Recyclingmodell. Wenn die Hose irgendwo durchgescheuert ist, kann man sie für eine Pauschale von 20 Euro einschicken und erhält sie perfekt ausgebessert zurück. Wenn sie nicht mehr repariert werden kann, schickt man sie zum Recycling zurück und bekommt eine kleine Gutschrift auf den Kauf einer neuen Hose. Die alten Hosen werden dann geschreddert und als Material für die neuen verwendet.

 

Fotos: Schaumlöffel, © keantian, © rosinka79 , © Christian Müller , © ViewApart,  © Gina Sanders, © tansy, © S.Kobold  – Fotolia.com